Buchauszug In Indien unterm Messer
Ich freue mich, ihn wiederzusehen. Alleine unterwegs zu sein hat gewiss Vorzüge, aber die sind sicher nicht so groß wie der gute, alte Kevin. Denn einen besseren Tourpartner kann ich mir schwerlich vorstellen. Menschlich: Die verwandten Seelen. Selten so gelacht wie auf dem Weg nach Osten. Inhaltlich: Perfekte Arbeitsteilung. Kevin ist der Fotograf und ich der Schreiber. Besser geht's nicht. Ein Paar wie Blitz und Döner, wie wir in der Türkei zu scherzen pflegten.
Wir treffen uns wie verabredet im Internetcafe und - ja, man muss es so pathetisch sagen - fallen uns in die Arme. Kevin wohnt für ein paar Dollar bei einer indischen Familie. Und er hat schon neue Freunde in Dehra Dun gewonnen: Kevin stellt mir Sanjiv vor, einen 30jährigen Inder, der das Internetcafe leitet und Kevin an die Familie vermittelt hat.
Kevin und ich fahren zu seinem Zimmer. Die gesamte Wohnung ist überaus geräumig, mit einem riesigen Wohnzimmer, Terrasse und einem Hof, über den viel Licht in die Zimmer fällt. Zwei oder drei der Zimmer sind an Reisende vermietet, ich ziehe zu Kevin. Eine gemütliche, dicke Mama sorgt für das leibliche Wohl und macht uns ein leckeres Alu Gobi, ein Gericht mit Blumenkohl, Kartoffeln, Tomaten, Zwiebeln, Ingwer, Knoblauch und einer Komposition verschiedenster Gewürze.
Polizeisperren und Techtelmechtel
Nach dem Essen setzen wir uns mit einem schönen, heißen Pott voll Tee auf die Terrasse. Wie immer, wenn wir uns länger als einen Tag nicht gesehen haben, kommen wir aus dem Plaudern nicht heraus. Und jetzt, bei vier Wochen gegenseitiger Abstinenz, jagt eine Geschichte die andere, und wir können gar nicht mehr aufhören, uns gegenseitig auf die Schulter zu klopfen oder vor lachen die Hände in die Hüfte zu stemmen. Ich denke, ich habe viel zu erzählen. Polizeisperren in Goa, israelisches Techtelmechtel in Delhi, Diebe auf dem Grand Bazar und Abschenken auf dem Weg zum Dalai Lama. Aber gegen die Erfahrung, die Kevin in meiner Abwesenheit mit dem indischen Subkontinent gemacht hat, sind meine Erlebnisse der reinste Kindergeburtstag.
Iran im Dezember 2001: Erst wurden die Radler in Teheran verwöhnt, dann mussten sie die harte Fahrt durch die persische Steinwüste antreten
Foto: Felix Göpel
Unter indischen Messern: Kevin wird in Delhi ein Knoten aus der Brust geschnitten
Foto: Felix Göpel
Entspannung in der Transsibirischen Eisenbahn: Monotonie in Grün - Felix Göpel späht nach Birken und Wiesen
Foto: Felix Göpel
Stationen einer Reise: Durch die Steinwüste, eine OP, Eisenbahn - per Klick auf ein Bild zur Großansicht
Jaja, mir war spätestens nach den für Kevin überaus schmerzhaften Wochen im bitterkalten iranischen Winter klar, dass ich einen ziemlich zähen Burschen an meiner Seite habe. Und sein Vertrauen auf die Kraft des Guten sollte auf eine harte Probe gestellt werden. Kevin wählte Delhi als Operationsort, weil er hoffte, die medizinische Elite würde die Nähe zur politischen und wirtschaftlichen Macht suchen.
Drei Spritzen in den Hintern
Ob seine Spekulationen berechtigt waren? Kevin sagt: "Als ich in Goa beim Arzt war, untersuchte er mich in einer Bambushütte. In Delhi waren die Gebäude zumindest aus Stein. Insofern: Klarer Beruhigungsfaktor. Allerdings fielen mir auf dem Weg zum Operationssaal unangenehme Kleinigkeiten auf: Warum ist das kaputte Fenster durch Zeitungspapier ersetzt worden? Und: Warum ist das Zeitungspapier gelblich-braun?" Seine Skepsis war unbegründet. Drei Spritzen in den Radfahrerhintern versetzten ihn in Vollnarkose. Dann zückte der Chefarzt das Skalpell, schnitt die Brust einen ungefähr acht Zentimeter langen Schlitz auf und zog das blutige Geschwür aus Kevins Fleisch.
Zu einer Parabel auf die indischen Zustände wurde die Geschichte durch die anschließende Woche. Kevin bekam drei Tage Bettruhe verschrieben, in denen er intensiv die indischen Zeitungen im Fensterrahmen studieren konnte. Der Chefarzt maß die Pulsfrequenz und sagte Kevin, er sei in einer erstaunlich guten konditionellen Verfassung. Kevin setzte das wissende Lächeln eines Patienten auf, der aus dem letzten halben Jahr knapp 8000 Fahrradkilometer in den Waden hat. Nach zwei Tagen stand Kevin wieder sicher auf den Beinen.
Allerdings war nicht das Gelingen der Operation die spannendste Frage. Sondern: Handelt es sich um einen gutartigen oder einen bösartigen Tumor? Bei einem gutartigen Tumor kann der Patient Brahma, dem Erhalter und Beschützer im hinduistischen Club der Götter und Dämonen, recht schön danken, Chefarzt und Schwestern die Hand schütteln und beruhigt nach Hause gehen. Die Sache ist gegessen. Bei einem bösartigen Tumor heißt der Befund: Der Patient hat Krebs.
"Sir - der Befund"
Die Frage war für Kevin dementsprechend nicht ohne Bedeutung. Mit angemessener Nervosität saß er beim Chefarzt im Büro. Schöner Holzschreibtisch, Berge voll Papier, bequeme Sessel, indische Fahne an der Wand und Glas im Fensterrahmen. Der Chefarzt ist ein netter, älterer Mann, mit ergrautem Haar und verschmitztem Lächeln.
Kevin: Sir - der Befund.
Chefarzt: Mr Meisel, ja. Operation ist ja gut verlaufen. Keine Komplikationen. Und wir mussten nicht einmal die Brust rasieren...
Kevin: Ja, ja. Bleibt noch die Frage nach dem Befund... Chefarzt: Ah. Natürlich. Der Befund. Uns liegt das Ergebnis vor, Mr Meisel.
Kevin:...und?
Chefarzt (den Schreibtisch absuchend): Einen Moooooment. Das Ergebnis....
Kevin: Ja...?
Chefarzt (hält einen Zettel prüfend vor seine Nase): Nein, das ist er auch nicht...schaun wir mal hier...auch nicht...brauchen sie den Befund heute?
Kevin: Sir! Ja! Sicher!
Chefarzt: Ja, sicher, sicher, keine Eile, wir haben ihn hier. Das weiß ich mit Sicherheit, nur wo...? Aber keine Sorge, wir finden ihn. No problem.
Ahja, da ist es wieder, das bekannte "no problem". Die Floskel haben wir in Indien schon häufiger gehört. Sie ist in etwa soviel Wert wie ein Räuspern. Und sie heißt soviel wie: Und wenn es doch ein Problem ist, interessiert mich das einen Scheiß. Denn bei aller Sympathie muss man sagen, dass die Inder Weltklasse im Beschwichtigen, Verpeilen und dreisten Anlügen sind. Das kann das Reisen manchmal beschwerlich machen. Um auf das Ergebnis der Krebsuntersuchung zu warten, gibt wenig schlechteren Plätze auf der Erde.
"Ich hasse Delhi"
Um die Geschichte abzukürzen: Der Chefarzt hat eine geschlagene Woche gebraucht, bis er Kevin den Befund vorlegen konnte. Jeden verdammten, einzelnen Morgen fuhr Kevin durch das Verkehrschaos von Delhi mit den übelsten aller finsteren Krankheitsgedanken, um sich dann in den Sessel im Büro vom Chefarzt zu setzen. Und jeden verdammten, einzelnen Morgen hatte der Mann die gute Nachricht für Kevin, dass am nächsten Tag der Befund da sei. Sicher? No problem! "Ich hasse Delhi.", sagt Kevin. Wer will es ihm verdenken? Aber die die Sache hatte ein gutes Ende: Am siebten Tag hatte der Chefarzt den Befund. Der Tumor war gutartig, keine Krebsgefahr bei Kevin.
Als wir in Dehra Dun auf der Terrasse sitzen, grinst Kevin: "Ich bin Lance Armstrong noch nie so nah gewesen." Dann zieht er sein Shirt hoch und zeigt die Schnittstelle. "Das sind Narben, die einen Mann interessant machen", scherzt er. Ich gieße noch Tee nach. Kevin schlägt vor, den Lance der Woche an die indische Krankenschwester zu verleihen, die dem Chefarzt attestierte. Er liefert mir die Erklärung hinterher. Die Krankenschwester fand auf Kevins vorherigen Wunsch während der Operation noch die Zeit, ein paar schöne Schnappschüsse mit Kevins Kamera von der aufgeschnittenen Brust und dem blutigen Knoten zu machen.
Auszüge aus dem Buch von Felix Göpel:
Buchauszug: Vom anatolischen Hirtenhund verfolgt
Buchauszug: Iranischer Grußzwang
Buchauszug: Chinesisches Schäferstündchen
Von Kreuzberg nach Korea 2002: Mit dem Fahrrad zur WM