Buchauszug Iranischer Grußzwang
Kevin, das lässt sich mittlerweile sagen, hat die Pause in Esfahan gut getan. Okay, er ist kein Wirbelwind, kein Spring-ins-Feld, keine Rakete. Auch geölte Blitze sehen anders aus. Aber er bricht mir nicht mehr auf offener Straße zusammen, und das ist doch schon verdammt viel wert. Kevin, mein Tourpartner, Freund, Bruder, bleibt in meinem Windschatten. Sein Vorderreifen und mein Hinterreifen bleiben ganz dicke Freunde. So mühen wir uns durch den Iran. Mehr oder weniger schmerzfrei, mit Tagesleistungen knapp unter hundert Kilometern. Aber es stellt sich nicht stündlich die Frage, ob eine Weiterfahrt für Kevin möglich ist. Der Indienexpress hat mächtig an Schwung verloren, aber er rollt noch immer.
Ab und an warnen uns Leute vor den Menschen weiter im Südosten, in deren Richtung wir fahren. Wir mögen uns in acht nehmen vor Einladungen und es vermeiden, Essen von Fremden anzunehmen. Kevin und ich notieren solche Warnungen nicht mehr mit Ernsthaftigkeit. Dafür haben wir zu oft derartige Bemerkungen gehört. Dabei ergab sich ein interessantes Muster: Der nächste Nachbar ist immer der schlimmste.
Ryszard Kapsuscinski schreibt: "Tatsächlich ist das, was uns bei einer Begegnung mit Menschen eines solchen Landes am stärksten auffällt, ihr total provinzielles Denken. Denn unsere angeblich globale Welt ist in Wahrheit ein Planet, bestehend aus vielen tausend grundverschiedenen Provinzen, die einander nie begegnen. Eine Reise durch diese Welt ist eine Wanderung von einer Provinz zur nächsten, und jede ist ein einsamer, nur für sich selbst leuchtender Stern. Für die meisten Menschen, die dort leben, endet ihre reale Welt an der Schwelle ihres Hauses, am Rand ihres Dorfes, bestenfalls an der Grenze ihres Tales. Die weiter entfernte Welt erscheint ihnen irreal, unwichtig und sogar unnötig, während die Welt vor unseren Füßen die Ausmaße eines riesigen, alles andere verdeckenden Kosmos annimmt."
Provinztheater auf Rädern
So sieht's aus. Und Kevin und ich kommen uns oft vor wie ein über die Dörfer tingelndes Provinztheater, das für ein paar Augenblicke ein wenig Abwechslung in den immergleichen Ablauf des Alltags in die Straßen trägt. Wenn wir erzählen, dass wir mit dem Rad aus Deutschland, Europa, gekommen sind, schauen wir häufig in ausdruckslose Gesichter. Aber wenn wir sagen, wo wir hinwollen, und die nächste Provinzhauptstadt - Yazd, Kerman oder Bam - nennen, macht sich fassungsloses Gestikulieren breit: "Kerman! Das ist doch nicht zu fassen! Das sind doch noch über hundert Kilometer!" Manche schütteln den Kopf: "Das ist nicht möglich! Mit dem Fahrrad! Niemals!" Und andere bieten Hilfe durch Tipps an: "Hey. Warum fahrt ihr nicht einfach mit dem Bus...?"
Wir halten Einzug in Anar, und ohne Verzögerung setzt das immer gleiche persische Begrüßungsritual zu einer erneuten Wiederholung an. Aus allen Autos, Orten und Ecken grüßt uns diese Stadt mit der immer gleichen Floskel: "Hello Mister." Der Fahrer kurbelt die Scheibe runter: "Hello Mister!" Der Mechaniker winkt mit dem Schraubenschlüssel: "Hello Mister." Der Verkehrpolizist tippt mit zwei Fingern an seine Mütze: "Hello Mister!" Die Schulkinder lassen ihre Ranzen fallen und rennen auf die Straße: "Hello Mister!" Die Alten in den Teestuben vergessen das Träumen von vergangenen Zeiten und nicken uns zu: "Hello Mister!"
Bei soviel Aufmerksamkeit summt einem schnell der Kopf. Wer das nicht erlebt hat, kann es sich nicht vorstellen, wie es ist, von der halben Stadt gegrüßt zu werden. Denn das Grüßen beschränkt sich natürlich auf den männlichen Teil der Bevölkerung, keine Iranerin würde auf die Idee kommen, uns ein "Hello Mister" zu schenken.
"Hello Mister"
An schönen Tagen, wenn der Wind einem zart in den Rücken drückt und leichte Gedanken die Fahrt versüßen, sind die orgiastischen Grußrituale der Iraner eine schöne Sache. Dann träumen wir, dass die Menschen nur für uns auf die Straße gekommen sind. Dann ist "Hello Mister" das anfeuernde "Allez, allez" unserer Tour nach Indien. Dann scherzen wir im Vorbeifahren mit den Männern, schenken den Kindern Shakehands und den Frauen heimliche Blicke in die dunklen Augen.
Aber wehe sie grüßen an miesen Tagen, an denen der Wind von vorne weht und der Geist sich mit den schlechtesten Gedanken herumplagt. Dann wollen wir nichts als Ruhe und die uns verfolgenden Rufe der fremden Männer sind schlimmer als Einsamkeit und Isolation. Dann setzten wir unsere grimmigsten Gesichter auf, in der vagen Hoffnung, zumindest die Schüchternen unter den Einwohnern von einem Gruß in unsere Richtung abzuhalten.
Den härtesten Fall des chronischen Grußzwangs erlebt Kevin schmerzhaft bei der Einfahrt in Nagur. Wir haben unsere Tagesetappe geschafft, die Kerman vorgelagerten Pässe überquert und fahren bestens gelaunt in die Stadt. Zu zweit gehen wir übermütig aus den Sätteln und jagen die letzten Kilometer des Tages an Geschäften und Autowerkstätten die Hauptstraße hinunter. Ich suche mir einen Lastwagen und lasse mich von ihm durchs Verkehrchaos ziehen. Kevin schiebt sich im Sprint in den Windschatten eines weißen Peykans.
Laster-Surfen macht Laune
Ohne den Widerstand der Luft schaffen wir auch auf geraden Strecke locker über 40 km/h. Ein furioser Ritt in die Stadt. Die Hände immer fest am Lenker und hoffen, dass kein Schlagloch kommt. Das Adrenalin schiebt mit. Kevins Peykanfahrer hat seinen ungewöhnlichen Gast, der ihm mit dem Vorderrad an der hinteren Stoßstange klebt, entdeckt. Der Fahrer freut sich und winkt.
Diese Iraner! Sie sind doch wirklich von freundlichem Gemüt. Lächeln bei Kevin und ein kurzer Gruß mit der Hand. Der Iraner am Steuer hat seine Freude, lacht und kommt gar nicht mehr aus dem Winken heraus. Kevin tritt ordentlich in die Pedale, um das Tempo zu halten, erwidert erneut den Gruß per Handzeichen und freut sich über die schlichte Begeisterungsfähigkeit des Fahrers.
Dann stoppt der Peykan seine Fahrt. Ohne ersichtlichen Grund tritt der Fahrer auf die Bremse. Das sieht nach splitternden Knochen aus. Der Stopp ist unvorhersehbar, aber Kevin schnell an der Bremse. Die blockierten Reifen seines Fahrrads rutschen quietschend über den Asphalt. Und Kevin? Mein Tourpartner hebt ab. Er fliegt über den Fahrradlenker, segelt durch die Luft und landet kopfüber auf dem Peykankofferraum. Und wie er auf dem Kofferraum landet! Kevin schafft es, seinen Sturz mit einer geschickten Rolle abzufangen. Und der Schwung der Fahrt schickt ihn seitlich vom Kofferraum in den Staub des Straßenrands.
Unverletzt! Kevin ist der Colt Seavers der Woche. Aus diesem Holz sind Helden geschnitzt. Er klopft sich den Staub aus den Kleidern und atmet einmal tief durch. Und der Iraner? Der Fahrer steigt aus und nimmt überhaupt keine Notiz davon, dass er Kevin beinahe in den Peykan-Tod geschickt hätte. Warum er gestoppt hat? Er wollte Kevin Hallo sagen. Oder genauer: "Hello Mister".
Auszüge aus dem Buch von Felix Göpel:
Buchauszug: Vom anatolischen Hirtenhund verfolgt
Buchauszug: In Indien unterm Messer
Buchauszug: Chinesisches Schäferstündchen
Von Kreuzberg nach Korea 2002: Mit dem Fahrrad zur WM