Eheanbahnung in Harvard: Liebe als Fallstudie - DER SPIEGEL
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Eheanbahnung in Harvard Liebe als Fallstudie

Rachel Greenwald lernte an der Harvard Business School, ein jedes Produkt zu vermarkten. Warum nicht auch die Liebe, dachte sie sich - und schrieb eine Fibel zur Partnersuche nach allen Kunstregeln der Managerschmiede. Auch für Herzenssachen predigt die Autorin nur eine Maxime: Vermarkte Dich selbst!
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Harvardstudenten sollten sich in Sachen Sozialneid lieber zurückhalten. Tun sie aber nicht. Zumindest selten, wenn ihr Blick über den Fluss wandert. Denn dort, etwa acht Gehminuten vom Hauptareal der Universität entfernt, liegt der luxusresortartig angelegte Campus einer Institution, die sich selbst gerne als die vielleicht einflussreichste private Einrichtung der Welt vermarktet: die Harvard Business School.

In deren weitläufigen Anlagen mit Kaminfeuern und Ledersesseln im Studenten-Center, drahtlosem Internetzugang überall, eigener Designer-Kapelle und einem Fitnessstudio, in dem Schwarzenegger noch etwas lernen könnte, kommen sich selbst die auch nicht gerade unterprivilegierten Harvardstudenten anderer Fakultäten oft wie arme Schlucker vor.

Nach dem 11. September wurde auf dem Campus bisweilen geraunt, die Business School stehe ganz oben auf einer Gefährdungsliste für weitere Terroranschläge. Das würde insofern passen, als uramerikanischen Erfolgsidealen an wenigen Orten offener gehuldigt wird. Bei den regelmäßigen Spendensammel-Festivals der Schule sorgen die Gaben Ehemaliger erst dann für richtige Aufmerksamkeit, wenn sie die Millionengrenze knacken - und selbst in der tiefsten Rezession rutschen die Einstiegsgehälter der MBA-Absolventen selten unter einen sechsstelligen Dollarbetrag.

15 todsichere Tipps für die Suche nach Mr. Right

Um Begehrtheit als potenzielle Ehepartner müssen sich die Alumni also kaum Gedanken machen - eher schon taugt die Kaderschmiede als ein Heiratsmarkt, gegen den sämtliche deutschen Jura- und BWL-Fakultäten zusammen verblassen würden. Vielleicht war es diese Umgebung, welche MBA-Absolventin Rachel Greenwald zu einer ungewöhnlichen Verarbeitung ihrer Ausbildung trieb (die aber auch in der Generierung von Dollars mündete, was schließlich die Hauptsache ist).

Greenwald veröffentlichte nämlich ein Buch mit dem schönen Titel "Find a Husband after 35 - Using What I Learned at Harvard Business School" (etwa: "Wie man über 35 noch einen Ehemann findet - mit dem Wissen aus der Harvard Business School"). Die Autorin verschwendete keine Sekunde an Reflektionen, ob in Fallstudien knallhart eingehämmerte Verkaufsmaximen auf etwas so Zerbrechliches wie die Liebe übertragbar sind. Warum denn nicht, posaunt die Marketingexpertin nur. Romantischen Träumerinnen, die partout anderer Meinung sind, haut Greenwald 15 todsichere Tipps für die Suche nach Mr. Right um die Ohren.

"Schritt 5" etwa, "Creating a personal brand", eine Art Persönlichkeitsbildung also - und wie ließe sich die schöner beschreiben als an dem Paketdienst Federal Express? Wenn der es geschafft hat, sich im Hirn der Kunden mit der Eigenschaft "Zustellung über Nacht" festzusetzen, muss auch eine reifere Frau potenzielle Eheinteressenten mit mindestens drei unverwechselbaren Eigenschaften dauerhaft beeindrucken können. Etwa dem Klassiker "Architektin, charmant, international". Klingt wie die Dreifaltigkeit der Partnerschaft.

Dabei wäre es natürlich ein böser Marketing-Anfängerfehler, weiß Greenwald, sich beim Buhlen allzu strikt auf ein Kundensegment festzulegen. Abnehmer sind nun einmal notorisch unvorhersehbar, ob nun als Postkunden oder Heiratskandidaten. "Deshalb muss man sich möglichst vielen Interessenten spannend anbieten."

Hollywood hat sich die Rechte gesichert

Also ist alle Zeit, die heiratswillige Frauen alleine daheim verbringen, verlorene Zeit. Sie müssen raus, ins Kino, ins Café, ins Theater - Greenwalds Klienten sind daran erkennbar, dass sie sich vor der Pause des Theaterstücks öffentlichkeitswirksam durch ihre ganze Stuhlreihe drängen, um im Foyer gut aufgestellt auf Herzensgefährten zu warten.

Bei soviel Freizeitstress toleriert Ratgeberin Greenwald lästige Ablenkungen wie etwa den Beruf nur widerwillig. Als sie vor einigen Jahren eine Beratungsfirma zur perfekten Partnersuche gründete (nachdem sie eine Freundin erfolgreich mit ihren Marketingtipps an den Mann gebracht hatte), empfahl Greenwald einigen ihrer Kunden gleich mal ein Sabbatjahr für die etwas intensivere Partnersuche. Manche legten auch ein eigenes Ausgabenkonto zu diesem Zweck an - immerhin rät die Mentorin zu regelmäßigen Haarumgestaltungen und teuren Push-Up-BHs ("Ab 35 kann es nur nützen und nie schaden").

Hemmungen gegenüber Freunden sollten die Selbstvermarkter nach Greenwalds Business-School-Anleitung auch nicht haben. Denn alle Bekannten, bis hin zu ehemaligen Partnern, müssen ja ständig als Kuppler herhalten - sie sollen also ihre heiratswilligen männlichen Bekannten und die suchende Freundin gleichzeitig zum Dinner einladen, um ganz zwanglos Herz zu Herz finden zu lassen.

Greenwalds Buch füllt keine Marktlücke auf dem in diesem Segment bereits bestens bestückten amerikanischen Bücherbasar. Doch es dreht den Marketingansatz noch weiter, indem der Titel zwar an reifere Damen appelliert, Greenwald aber auch den Nachwuchs zu erschließen versucht. "Prevention 101" (also "Einführungskurs in Vorbeugung") heißt der Vortrag, mit dem sie quer durchs Land reist. Bei ihrem Auftritt in Harvard erklärt die Buch-Marketenderin ungläubig schaudernden jungen Studentinnen etwa, dass sie ja jetzt noch jeden Tag auf dem Campus rund tausend potenzielle Ehemänner sähen - doch ein paar Jahre später, im Berufsalltag, könnten das schon nur noch fünf sein. Fünf! Da sollte man doch besser jemand fragen, der sich damit auskennt.

Immerhin hat die mittlerweile doch schon weit über 30 Jahre alte Greenwald per Anwendung ihrer Regeln einen Ehemann gefunden. Und ihre Fibel schaffte es nicht nur bis auf die Titelseite der Intellektuellenbibel "The New Yorker", sondern soll bald auch auf der Kinoleinwand zu sehen sein - ein Hollywoodstudio hat sich bereits die Rechte gesichert.

Spannende Frage, inwieweit sich entschlossene Marketinganweisungen zum Männerkrallen cineastisch umsetzen lassen. Immerhin wird es wohl ein ziemlicher Gegenentwurf zu einem anderen Film, der mit offizieller Genehmigung der Uni-Oberen auf dem Harvardcampus gedreht wurde. Der hieß "Love Story" und gilt noch heute als eine der schönsten Schnulzen über unsterbliche Liebe. Aber das war in den siebziger Jahren - und gedreht wurde auf der anderen Seite des Flusses.