Soziale Kompetenz: Besser Lernen durch Helfen - DER SPIEGEL
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Soziale Kompetenz Besser Lernen durch Helfen

Gutes tun muss nicht spießig sein, und wer sich sozial engagiert, studiert sogar entspannter. In Aachen unterstützt ein Verein Schüler und Studenten, die anderen helfen wollen - und bekam dafür am Montag einen Preis.
Von Marion Schmidt
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

José Pons und Bernhard Müller-Held sind keine barmherzigen Samariter, sie tragen keine Birkenstocks zu selbst gestrickten Pullovern und finden es nach einem Gespräch auch nicht nur gut, mal über dieses echt wichtige Thema gesprochen zu haben. Sie tun Gutes, sie reden darüber, sie wollen auch andere dazu überreden, Gutes zu tun. Aber sie wollen damit weder ein schlechtes Gewissen beruhigen noch die Welt verändern, sagen sie.

Vor vier Jahren gründeten die beiden Absolventen der Technischen Hochschule in Aachen den Verein HELP, die erste deutsche Freiwilligenagentur für Schüler, Studenten und junge Berufstätige. Der Verein vermittelt und organisiert soziale Hilfe für Behinderte, Obdachlose und Strafgefangene.

Die Idee stammt aus den USA, wo freiwilliges, soziales Engagement eine lange Tradition hat an Schulen und Hochschulen. So genannte Service Learning Centers organisieren Hilfsdienste, die die Studenten auch im Fachstudium weiterbringen und ihnen obendrein soziale Kompetenzen vermitteln sollen. So entwickelten beispielsweise angehende Ingenieure am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in ihrer vorlesungsfreien Zeit elektronische Geräte, die sprachgestörten Kindern bei einer Therapie helfen können.

In Deutschland wird soziales Engagement hingegen noch nicht als akademischer Inhalt verstanden. Obwohl soziale Kompetenzen überall gefragt sind, bei Arbeitgebern oder Stipendiengebern - vermittelt werden sie an den Hochschulen nicht. Die Aachener Agentur HELP will das ändern. Bislang haben sich etwa 150 Freiwillige engagiert, überwiegend Studenten aus den technischen Fachbereichen, Maschinenbauer, Elektrotechniker, Ingenieure. Sie empfinden ihren Einsatz für benachteiligte Menschen oft als willkommene Abwechslung zu ihrem ansonsten eher nüchternen "Kühlschrank-Studium", wie Pons, 35, selbst Elekrotechniker, es nennt. Und es bringt ihnen was für das Studium, auch wenn der Nutzen nicht immer sofort erkennbar sei, sagt Pons.

Eine Medizinstudentin aus Frankreich, die während ihres Aufenthalts in Deutschland einen taubstummen Jungen im Aachener Vizenz-Heim betreute, erzählte ihnen, dass sie immer vor Prüfungen ins Heim gegangen sei, weil sie dort zur Ruhe kam und sich ihre eigenen Sorgen relativiert hätten. Die guten Taten haben auch Lerneffekte: Bernhard Müller-Held, 30, zur Zeit Vorsitzender von HELP, sagt, dass Freiwilligendienste "eine Medizin gegen Fachidiotie" seien. Und: "Die Studenten können Misserfolge im Studium besser wegstecken."

Deshalb bemühen sich die Aachener auch um eine bessere Anbindung an die Hochschulen der Stadt. Anfangs sind sie mit ihrer Idee im Rektorat der Uni ganz schön aufgelaufen. Soziales Engagement, wurde ihnen gesagt, habe mit den akademischen Zielen einer Hochschule nichts zu tun. Vier Jahre und 1600 freiwillige Einsätze später werden sie nun auch in den akademischen Spitzengremien ernst genommen. Für ihre Info-Veranstaltungen bekommen sie Hörsäle, der Rektor schreibt ihnen Empfehlungsschreiben, und in der Mensa durften sie ein riesiges Plakat von HELP aufhängen.

Eine Erfolgsgeschichte, fanden auch die Juroren der Körber-Stiftung, und zeichneten den Verein beim diesjährigen USable-Wettbewerb mit einem der drei Projektpreise aus, die mit 10.000 Euro dotiert sind. Seit 1998 vergibt die Stiftung Preise an vorbildliche Ideen und Initiativen aus den USA, die auch bei uns nützlich, also "usable", wären. Die aktuelle Ausschreibung stand unter dem Motto "Bürgerengagment in der Neuen Welt", die Preisträger wurden am Montagvormittag in Berlin gekürt.

Unter den preisgekrönten Beiträgen finden sich immer wieder bildungspolitische Initiativen, vor zwei Jahren wurde etwa die Idee der Career Centers ausgezeichnet. Die gibt es mittlerweile an fast jeder deutschen Hochschule. Vielleicht wird es in zwei Jahren auch überall Service Learning Centers geben. Die beiden ungewollten Samariter aus Aachen würde es freuen.