Start-Up Gründerstimmung in St. Gallen
Menschen, man braucht Menschen, wenn man ein erfolgreiches Unternehmen aufbauen will. Gut ausgebildete, hoch motivierte, teamfähige Menschen. Klar. Das lernen BWL-Studenten schon im ersten Semester. Aber wo man diese Menschen findet und wie man für sie das richtige Unternehmen sucht, das sagt kein Professor und kein Lehrbuch. Ein klarer Fall von Marktlücke, fand der Student Florian Schweitzer. Noch vor seinem Examen gründete er gemeinsam mit vier Kommilitonen von der Hochschule St. Gallen (HSG) und der ETH Zürich vor knapp einem Jahr die "BrainsToVentures AG".
Anfangs schien die Geschäftsidee so verzwickt, dass ein Geldgeber rätselte, in was er sein Geld investieren sollte. Dabei könnte man die Firma einfach "eine Art Heiratsvermittlung im Internet" nennen, so Florian Schweitzer. Auf ihn passt das Wort "unternehmungslustig" exakt. Schon im ersten BWL-Semester in St. Gallen engagierte sich der gebürtige Deutsche in der Studentenschaft, wurde ihr Präsident sowie Mitinitiator des START-Forums für Unternehmensgründung.
Seit Dezember ist "b-to-v" online - ein Marktplatz, auf dem sich Köpfe und Kapital treffen können, um ein erfolgreiches Start-up aufzubauen. Als Spezialangebot für Jungunternehmen bietet "b-to-v" mehr als eine konventionelle Internet-Stellenbörse. In der virtuellen Kartei: 500 Bewerber auf Stellensuche plus rund 250 Firmen, die Mitarbeiter oder Kapital brauchen. Zu den Business-Angels zählen der frühere RTL-Chef Helmut Thoma und eine Schweizer Großbank - obwohl das kleine Unternehmen just einen Tag nach dem Kurseinbruch an der US-Technologiebörse Nasdaq auf die Suche nach Kapital gegangen war.
Auch technische Probleme blieben beim Start nicht aus. "Wir mussten zum Beispiel eine Plattform erstellen, die so genannte Team-Building-Prozesse unterstützt, mit der Firmen sich also aus einem Brainpool ihre Mitarbeiter zusammenstellen können", erzählt Florian Schweitzer. Diese Matching-Technologie ist jetzt so ausgereift, dass andere Unternehmen sie kaufen wollen.
Anders als viele deutsche Kommilitonen halten die Firmengründer ihre akademische Ausbildung in Ehren. "Die Uni hat uns viel gegeben, wir haben gelernt, Trends am Markt zu erkennen", sagt Schweitzer. Vor allem studentisches Engagement bewertet er hoch: "Durch meine Arbeit in der Studentenschaft habe ich gelernt, wie man mit Mitarbeitern umgeht." Nun wollen die Jungunternehmer der Uni etwas zurückgeben: Drei Prozent der "b-to-v"-Anteile wandern in einen Topf, der studentisches Unternehmer-Engagement fördern soll.
Die Nachfrage dürfte groß sein, denn durch die betongrauen Wände der Uni auf dem Rosenberg weht Unternehmergeist: Ein Student schmiss sein Studium nach sechs Semestern und betreibt E-Business mit der Firma "Hybris" und mittlerweile hundert Mitarbeitern. Zwei Ex-Studenten gründeten in Berlin das Web-Angebot "Kindercampus"; andere vertreiben Spielzeug via Internet oder basteln Homepages für andere Unternehmen. Manche allerdings sind mit ihrer Geschäftsidee baden gegangen, die Börsenwerte vieler Start-Ups am Neuen Markt merklich gesunken. Doch das schreckt die jungen Gründer kaum.
In St. Gallen, weitab von den großen Finanzplätzen, wird weiter munter gegründet - von Katerstimmung keine Spur. Am grassierenden Gründungsfieber hat die HSG ihren Anteil: Die Studienordnungen lassen genug Freiraum für Engagement neben dem Studium. Keine andere Hochschule weltweit verzeichnet so viele Studenteninitiativen wie St. Gallen - ein idealer "Nährboden für Start-Ups", meint Florian Schweitzer. Aus dem Rhetorik-Center etwa wurde ein Kommunikationscenter. Und das von Studenten organisierte Gründerforum "START" motivierte auch "b-to-v".
Einen eigenen Gründer-Lehrstuhl hat die Uni St. Gallen nicht, weil in allen Fächern unternehmerisch gedacht werden soll. In der Lehre ortet Schweitzers Kollege Jan Bomholt eine Verschiebung weg vom klassischen Management hin zum modernen Unternehmertum. "Am Semesteranfang wird nicht mehr gefragt: In welchem Unternehmen willst Du arbeiten, sondern was willst Du gründen?", so der 27-jährige Doktorand.
- Spezial bei manager-magazin.de:Brüten fürs Big Business - Das leisten Inkubatoren für Start-ups
- Wirtschaftshochschule St. Gallen
- BrainsToVentures AG
- START-Forum St. Gallen
- Firma Hybris
- Der "Kindercampus" im Web
Gleich zum Studienbeginn schreiben die St. Gallener Studenten erste Businesspläne und präsentieren sie Kapitalgebern. Und im Hauptstudium beraten sie bei "Integrationsseminaren" neben Schweizer Großkonzernen auch Existenzgründer. Vielfach handelt es sich um fast gleichaltrige HSG-Absolventen, die wiederum neue Mitarbeiter suchen - die ganze Uni ist ein Brainpool. Davon profitiert auch Schweitzers Firma: Statt in der eigenen "brains"-Datenbank hat sie ihre inzwischen zehn Festangestellten an der Uni St. Gallen gefunden. Und das Kapital noch dazu.
Wirtschaftsprofessor Fritz Fahrni, selbst elf Jahre lang Firmenchef, finanziert über einen Fonds mit privatem Geld die Start-Ups seiner Studenten, darunter Florian Schweitzer. Damit mindestens jeder zehnte HSG-Absolvent Gründer wird, hilft Fahrni persönlich nach und bringt Nachwuchsingenieure der ETH Zürich mit den Wiwis aus St. Gallen zusammen. Gemeinsam sollen sie Konzepte entwickeln und auch mal "verrückte Ideen gedeihen lassen".
Demnächst bei UniSPIEGEL ONLINE: mehr Gründergeschichten über unternehmungslustige Studenten