Studiengebühren in Thüringen Jagd auf ein Phantom
Erfurt Zum Thema Studiengebühren hatte Dagmar Schipanski schon immer eine feste Meinung: Bis zum ersten berufsbefähigenden Abschluss, so hatte die thüringische Wissenschaftsministerin immer wieder erklärt, müsse das Studium gebührenfrei bleiben. Einzige Einschränkung: Langzeitstudenten von denen könne man grundsätzlich etwas verlangen. In Thüringen, so hatte Schipanski noch vor zwei Jahren in einem Interview mit der "Sächsischen Zeitung" betont, sei das allerdings nicht notwendig, "weil bei uns die Studenten ihre Studienzeiten noch einhalten". Lediglich fünf Prozent studierten damals nach Angaben der Ministerin mit Überlänge.
Heute klingt das alles anders: Wer die Regelstudienzeit um vier Semester überschreitet, soll künftig 500 Euro für jedes weitere Semester zahlen, teilte Schipanskis Chef, der thüringische Ministerpräsident Bernhard Vogel (CDU), am Mittwoch mit. 1,5 Millionen Euro, die in die Hochschulen fließen sollen, verspricht sich die Landesregierung davon und will die neue Regelung zusammen mit dem Landeshaushalt beschließen. Damit segelt nach Baden-Württemberg, dem Saarland, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen nun ein weiteres Bundesland auf Gebührenkurs.
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Haben sich also die Rahmendaten geändert? Sind Thüringens Jungakademiker plötzlich von Turbo-Studenten zu Trödlern geworden? Keineswegs: Wie Urte Lemke, Sprecherin des Wissenschaftsministeriums, gegenüber UniSPIEGEL ONLINE erklärte, müssten zur Zeit nur etwa 1500 der insgesamt gut 43.000 Studenten von der geplanten Regelung zahlen also keine vier Prozent. "Das ist kein wirkliches Problem bei uns", so Lemke.
Die kurzen Studienzeiten sind auch ein Grund dafür, dass die thüringischen Hochschulen bei einem Ländervergleich des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) am besten abschnitten. Während etwa an der Universität Jena 40 Prozent der Jurastudenten schon nach acht oder weniger Semestern ihr Examen machen, schaffen das im Bundesdurchschnitt gerade mal 29 Prozent. An der FU Berlin so etwas wie das Mekka der Langzeitstudenten sind es sogar nur drei Prozent.
Warum also trotzdem Studiengebühren in Thüringen? Man wolle Anreize schaffen, schneller mit dem Studium fertig zu werden, heißt es aus dem Ministerium. Den Landeshaushalt solle mit solchen Maßnahmen nicht saniert werden. Die Opposition sieht das alles weitaus dramatischer. Wie Ex-Wissenschaftsminister Gerd Schuchardt (SPD) mitteilte, fürchte er das Entstehen einer Zwei-Klassen-Bildung und eines "grundsätzlichen Einstiegs in das System Studiengebühren". Auch die Grünen kündigten Widerstand an.
Stefan Kaiser