Turbo-Student: Augen auf und durch - DER SPIEGEL
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Turbo-Student Augen auf und durch

Mit 23 Jahren ist Martin Wagner einer der jüngsten deutschen Ingenieure und bastelt jetzt an seiner Doktorarbeit. In Windeseile schaffte der Galopper des Jahres sein Maschinenbaustudium in Bochum - ohne spezielle Zeit-Spar-Formel, aber mit viel Ehrgeiz und Organisationstalent.
Von Sabine Hoffmann
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?



Über manche Witze kann Martin Wagner sich tierisch ärgern. Warum stehen Studenten erst um fünf Uhr auf? Weil um sechs die Läden schließen. Hört er solche Sprüche, schüttelt er energisch den Kopf und fragt: Wer studiert denn heute noch 13, 14 oder gar 15 Semester? Fast keiner, meint Wagner.Das kann nicht ganz stimmen - immerhin verbringt der durchschnittliche Maschinenbau-Student 12,6 Semester an der Uni. Und auch in anderen Fächern lassen deutsche Studenten es gern gemächlich angehen oder werden durch Mängel bei der Studien- und Prüfungsorganisation ausgebremst. Aber es gibt auch Turbo-Studenten wie Martin Wagner.In nur sieben Semestern zog er sein Maschinenbaustudium an der Ruhr-Universität in Bochum durch. Anschließend schrieb er an der Uni Göteborg seine Diplomarbeit (Note: sehr gut). Mit 23 Jahren ist Martin Wagner nun Diplom-Ingenieur und arbeitet am Doktortitel.

Ein Patentrezept für Schnell-Studierer gebe es zwar nicht, sagt Wagner - einige Tipps aber schon. Denn Turbostudenten stolpern nicht blindlings durchs Leben, sondern planen es strategisch. Und das schon in jungen Jahren.Um nach der Schulzeit zügig ins Studentenleben einzusteigen, verpflichtete Martin Wagner sich beim Technischen Hilfswerk (THW). Seitdem hilft er an Wochenenden und in seiner Freizeit, entwurzelte Bäume beiseite zu schaffen, nach Unfällen Straßen zu räumen und Verletzte zu bergen - und sparte auf diese Weise neun Monate, die er sonst beim Bund hätte absitzen müssen.

Trödeln nach dem Abitur kam für Martin Wagner nicht in Frage. Seine Begeisterung für den Maschinenbau hatte ein Aufenthalt in Australien geweckt. Als Austauschschüler wurde "Engineering Studies" zu seinem Lieblingsfach. Umgehend schrieb er sich an der Uni Bochum ein und wollte Maschinenbauer werden, weil die "etwas bewirken können". "Während Umweltminister Jürgen Trittin das 3-Liter-Auto fordert, kann ein Ingenieur das umsetzen", so Wagner.Dann hieß es: Lernen, lernen, lernen. Das Grundstudium zog Martin Wagner in vier Semestern, der Regelstudienzeit, durch. Schneller sei das einfach nicht zu machen, erzählt Wagner, da der Stundenplan streng festgelegt sei. Ganz anders im Hauptstudium: Hier können die Studenten ihren Fächerkanon größtenteils selbst bestimmen - und auch ihr Studientempo. Wagner entschied sich für "Angewandte Mechanik" und zwei Semester Stress pur: Von acht Uhr morgens bis fünf Uhr nachmittags saß er im Hörsaal, um sich keine Vorlesung entgehen zu lassen. Oft fragte er sich: Was mache ich hier eigentlich? Nicht viel hatte er vom Vorlesungsstoff behalten.Erst später, bei der Klausurvorbereitung, erinnerte sich der Maschinenbaustudent wieder an Bruchstücke, die sich nun zu einem Bild formten. Streckenweise parallel schrieb er die vorgeschriebenen zwei Studienarbeiten. Erst im dritten Hauptstudiumssemester kam die Erleichterung: ein freier Wochentag.Zwischen Vorlesungen und Übungen jobbte Martin Wagner am Lehrstuhl für Allgemeine Mechanik, leitete selbst Übungen und führte andere Studenten in die Welt der Mechanik ein. Das helfe, das eigene Wissen aufzufrischen, so Wagner. Zum Lernen blieb nur noch der Abend - und der sollte seiner Freundin gehören. Schüler oder künftiger Chef?

Weil Studenten der Ingenieurwissenschaften ihre Klausuren meist gegen Ende der Semesterferien schreiben, verbrachte Wagner die vorlesungsfreie Zeit über seinen Büchern. Zur optimalen Vorbereitung rechnete er eine Woche vor der jeweiligen Prüfung nur noch alte Klausuren. In der übrigen Zeit absolvierte er die Pflicht-Praktika. 26 Wochen lernte er drehen und fräsen, konstruierte Vorrichtungen und löste mit dem Computer knifflige Rechenaufgaben. Manch altgedienter Meister wollte gar nicht glauben, dass der junge Mann mit den strubbeligen braunen Haaren und den weichen Gesichtszügen schon bald sein Chef sein könnte. So fragte ein Mitarbeiter Martin Wagner im vergangenen Jahr, ob er denn ein Schülerpraktikant sei. Ganz falsch - inzwischen ist der vermeintliche Schüler einer der jüngsten Ingenieure Deutschlands.

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