Uni-Stress-Report: Erfahrungsbericht einer Studentin - DER SPIEGEL
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Erfahrungsbericht einer Studentin "Feiern, trinken, den Kopf leer räumen"

Mehr als die Hälfte aller Studenten fühlt sich laut einer neuen Studie gestresst, doch kaum einer redet darüber. Eine Studentin berichtet von ihrem Leid - und was dagegen hilft.
Studenten auf dem Campus der Uni Bonn
Studenten auf dem Campus der Uni Bonn

Studenten auf dem Campus der Uni Bonn

Foto: imago/JOKER
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Im zweiten Semester fingen die Probleme an: Nina Burg* fühlt sich nervös und hibbelig, sie schläft schlecht ein und wacht mitten in der Nacht wieder auf, macht sich ständig Gedanken, wie sie ihr Studium schaffen soll.

Die Hausarbeiten, die Präsentationen, die Lektüre zur Vorbereitung. Es quälen sie Selbstzweifel: "Hab ich im ersten Semester zu wenig gemacht, hätte ich noch weitere Seminare besuchen müssen, liegt es an mir, dass ich jetzt so gestresst bin?"

Ein halbes Jahr trägt die Bonner Studentin die Symptome mit sich rum. "Man denkt ja auch, vielleicht hab ich 'nen Knall", sagt sie im Rückblick. Dann entschließt sie sich, eine psychosoziale Beratung beim Asta ihrer Uni zu besuchen. "Die haben mir gesagt, dass es ganz, ganz vielen so geht."

Die Zahlen einer neuen Studie belegen das. 53 Prozent der Studenten leiden an einem hohen Stressniveau. Damit geht es ihnen sogar schlechter als Berufstätigen.

Nina Burg ist in mancher Hinsicht repräsentativ für die Ergebnisse: Bachelorstudenten und Frauen sind besonders betroffen, am höchsten ist das Stressniveau in ihrem Bundesland Nordrhein- Westfalen.

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Foto: Prof. Herbst/ Universität Hohenheim

Zukunftsängste und Zeitdruck sind es, die den Studenten laut Studie am meisten zu schaffen machen. Die häufigsten Symptome seien Schlafstörungen, Konzentrationsschwierigkeiten sowie Lustlosigkeit.

Doch Hilfe suchen die wenigsten: Laut Studie nehmen nur knapp zwölf Prozent eine psychosoziale Beratung in Anspruch - obwohl die Hochschulangebote dem überwiegenden Teil der Studenten bekannt seien.

Es sei kein Makel, Hilfe zu suchen, sagt Stefan Grob vom Deutschen Studentenwerk, das in vielen Städten Beratungen  anbietet. Daneben gibt es Beratungsstellen der Hochschulen oder der Studierendenvertretung Asta. Die Angebote seien in der Regel kostenlos.

Bologna-Reform für Belastungsgefühl mitverantwortlich

Nina Burg, die Soziologie-, Politik- und Medienwissenschaftsstudentin aus Bonn, ist mittlerweile 30 und im 7. Semester. Sie glaubt, auch wegen ihres Alters und ihrer Erfahrung nun besser mit ihrem Stress umgehen zu können.

Allerdings kommen für ältere Studenten, die nicht mehr bei den Eltern wohnen, neue Probleme hinzu: Das Bafög reiche in einer Stadt wie Bonn gerade mal für die Miete, sagt sie. Einhundert Euro blieben ihr, "und dann habe ich noch nichts gegessen".

Nina Burg geht deshalb zusätzlich arbeiten, und zwar mehr als das Bafög-Amt erlaubt. "Wenn ich den ganzen Tag gearbeitet habe, bin ich weniger aufnahmefähig", resümiert sie. Für die Uni müsse sie dann noch mehr Zeit einplanen. Ein Teufelskreis.

Schuld sei nicht nur die schwierige Finanzierung, sagt sie. Auch das Bachelorsystem macht sie für den Stress mitverantwortlich: "Acht Hausarbeiten in fünf Wochen, das ist nicht machbar."

Experten pflichten ihr bei: Laut Studienleiter Markus Voeth von der Universität Hohenheim sei die Bologna-Reform von 1999 durch die stärkere Reglementierung und die erhöhte Prüfungsbelastung mit für das Überforderungsgefühl verantwortlich. Reformideen gibt es bereits. So soll etwa die Regelstudienzeit gelockert werden.

Den Anspruch, ihren Abschluss in den vorgesehenen sechs Semestern zu machen, hat Nina Burg schon aufgegeben. Allerdings wird ihr dann bald das Bafög gestrichen. Nur wer besondere Gründe hat, bekommt es über die Regelstudienzeit hinaus.

"Durcharbeiten, bis nichts mehr geht"

Nina Burg nimmt auf Raten des Asta noch an einem Stressseminar teil. "Ich habe gelernt, nicht mehr als zwei Stunden am Stück zu arbeiten, dann mache ich eine Viertelstunde Pause", sagt sie. "Viele machen es anders: Durcharbeiten, bis nichts mehr geht." Außerdem nimmt sie sich manchmal eine Auszeit: "Einfach mal zwei Tage raus, das nützt mir."

Gut sei auch, sich mit anderen Studenten auszutauschen, das helfe gegen die Selbstzweifel. "Es laut auszusprechen, ist auch eine Bewältigungstrategie. Denn Schwächen einzugestehen ist in unserer Leistungsgesellschaft schwer."

Leichter dürfte hingegen dieser Tipp umzusetzen sein: "Einfach mal feiern gehen, trinken, den Kopf leer räumen."

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*Name geändert; mit Material von dpa