Cebit-Hype Von der Messe ins Museum
Seit fast einem Jahr ist 3com mit seinem Kerbango-Internetradio auf Tournee, doch bis zu den Kunden, so entschied die Konzernzentrale im kalifornischen Santa Clara, wird das Produkt nie kommen.
Das ist eine Überraschung, denn für das Internetradiogerät mit webbasiertem Tuning-Service kaufte 3com die kleine Firma Kerbango und investierte bislang 82 Millionen Dollar - genug Geld, um das Ergebnis im dritten Quartals 2000 empfindlich nach unten korrigieren zu müssen. Dabei war Kerbango Teil der Produktoffensive "Digital Home", mit der klaren Zielsetzung, webbasierte Dienste ohne PC in den Alltag eines modernen Haushalts zu integrieren und die drohende gesellschaftliche Spaltung zwischen Netznutzern und Netzverweigerern zu überwinden.
Zu den sofort aufs Abstellgleis bugsierten Produkten gehört auch das besonders einfach bedienbare Webtablet "Audrey". In den USA wurden einige tausend Exemplare bereits verkauft, nachdem sich Informationsdienstleister fanden, die sich auf spezielle Audrey-Webchannels eingelassen hatten.
Es gehörte zum angedachten Marketingkonzept, dem Audrey-Benutzer vorkonfigurierte Inhalte aus dem Netz anzubieten. Doch die Erfahrungen waren eher negativ. Viele Audreys wurden von enttäuschten Käufern wegen technischer Mängel zurückgegeben. Die technische Prüfung der retournierten Webtablets ergab, dass die Kunden, trotz sehr intuitiv ausgelegter Bedienung, nicht in der Lage waren, mit Audrey zurecht zu kommen.
Eigentlich ist diese Erfahrung ein Beweis für die Richtigkeit der Strategie, denn ganz offensichtlich wurden durch Audrey Publikumsschichten ohne jede PC- und Interneterfahrung erfolgreich angesprochen. Statt das Produkt auf die Nutzerbedürfnisse besser abzustimmen, entschied man sich für eine Produkteinstellung zum 31.3.2001. Amerikanischen Audrey-Käufern wurde nur das 30-Tage-Rückgaberecht und die zwölfmonatige Gewährleistung zugesichert. Danach wird es keinerlei Service mehr geben. Von den Streichungen ebenfalls betroffen sind die Webcam-Serien "PC Digital WebCam" und "PC Digital WebCam Lite".
Das Marketing verstrickt sich in Rückzugsgefechten: Man sähe für derartige "Digital Home"-Produkte derzeit keinen geeigneten Absatzmarkt. Die Nachfrage geht mehr in Richtung Wireless-Home-Network. Schließlich hätte man in diesem Sektor einen wichtigen und bislang erfolgreichen Markt zu verteidigen.
Den Ruf, mit innovativen und mutigen Produkten optimistisch in die Zukunft entstehender Märkte zu blicken, hat 3com jedenfalls eingebüßt.