Consumer Electronics Show Moxi, Mira und der Potter-Gates
Die Hightech-Branche wittert Frühlingsluft. Gestern trommelte Apple lauter, als man das seit Jahren (oder "Würfeln") gehört hatte und konnte seinen Fans zudem wirklich etwas bieten: Der neue iMac spaltet zwar die Gemeinde, die sich zwischen "echte Innovation" und "Nachtischlampen-Design" noch nicht so recht festlegen mag, ist aber tatsächlich die erste mutige Innovation seit dem (glorios gescheiterten) Cube. Volltonig trompetet da Steve Jobs, mit dem neuen iCube werde Apple "einmal mehr" die Welt der Computer verändern.
-
2 Min
-
2 Min
-
3 Min
Solche Töne gehören zum Geschäft, seit sich Händler auf Märkten schreiend um die Gunst der Kunden bewerben. Und da sich (zum Glück) nicht jedes Unternehmen eine eigene "Expo" leisten kann oder mag, gibt es Veranstaltungen wie die CES, die Consumer Electronics Show in Las Vegas. Die ist das, was die Cebit Home immer werden wollte: Eine echte Neuigkeitenmesse für Wohn-, Arbeits- und Kinderzimmer-Hightech. In diesem Jahr, hoffen die Experten, soll sie zum frühesten Impulsgeber für einen Aufschwung werden, den die Hightech-Branche dringend braucht.
Wichtigster Hilfsmotor bei dieser steilen Bergauffahrt dürfte, das ist spätestens seit dem Weihnachtsgeschäft klar, der DVD-Player werden - in allen möglichen Varianten und Kombinationen mit anderen Geräten. Überhaupt scheint sich die Aufmerksamkeit des Publikums ein wenig weg vom PC und dem Fernseher zuzuwenden - ein Unterschied, der allerdings immer stärker verschwimmt.
Denn zur "Killer Application" in Sachen digitales Wohnzimmer könnte die "Multimedia Home Platform" MHP werden, ein Standard, auf den sich die führenden Anbieter im letzten Jahr einigten. Der soll nun gewährleisten, dass der Fernseher von Anbieter A auch reibungslos mit dem Amplifier von B und der Trockeneisnebelmaschine von C harmoniert. Denn 2002 soll - wenn es nach dem Willen der Hersteller geht - das Jahr sein, in dem jeder Haushalt sein eigenes, multimedial aufgemopptes Kino bekommt.
Auf der Protz- und Prestigeebene locken hier große TV-Screens und brillante Projektoren, kombiniert mit Dolby-Surround-Anlagen, die das Wohnzimmer zum Erlebnis-Kino und die Nachbarn zu Feinden machen. Technisch interessanter und tatsächlich zukunftsweisend ist das Maß, in dem mit MHP der Traum von der "Konvergenz" aller Medien ein Stückchen wahrer wird: Bald schon, so scheint es, löst ein einziges "Wohnzimmer Entertainment"-Gadget Stereoanlagen, Fernseher, Videorecorder und selbst zum Teil den PC ab, denn auch die seit fünf Jahren vor sich hinkrebsenden Web-TV-Geräte und Surfterminals erleben ein Revival.
Das ist nur logisch, mausert sich doch - bisher vor allem in den USA - das gute alte Fernsehkabel zur vielleicht besten Alternative zum DSL-Anschluss. Ähnliches haben die Entwickler bald auch für die Nutzer von Satellitenschüsseln im Gepäck: Auf der CES werden aber wohl noch keine serienreifen Produkte für diese Klientel zu haben sein. All diesen Produkten ist jedenfalls die Philosophie gemein, dass, wenn man schon über die TV-Buchse surft, am Besten doch gleich auch vor der Flimmerkiste sitzen sollte.
Revival des Web-TV?
Das findet zum Beispiel Steve Perlman, seines Zeichens einer der Väter der weitestgehend erfolglosen Web-TV-Technik. Mit "Moxi" holt er noch einmal aus, und anscheinend gelingt ihm damit ein weit besserer Wurf: Die in zwei Jahren Entwicklung entstandene Kiste will Audio, Video, TV und Internet verschmelzen, alles können - und das auch noch gut.
Moxi ist ein Set-Top-Box-Software-Konzept, das für die Integration verschiedener "Dienste" sorgen soll: Auf der Basis des freien Betriebssystems Linux integriert die Software die bisher von einer Set-Top-Box erfüllte Funktion für den Fernsehempfang mit Multimedia-Anwendungen von der 80 Gigabyte großen Festplatte oder dem DVD-Laufwerk. Ebenso möglich sind E-Mail, Internet und andere klassische Computeranwendungen.
Das System kann mehrere Signale gleichzeitig unterstützen, so dass Nutzer in verschiedenen Räumen darauf zugreifen können. "Es nimmt alle digitalen Medien und bringt sie nicht nur zu Ihrem PC, sondern auch zu Ihrer Fernseh- und Audioanlage", erklärt Perlman. Sein Unternehmen will die Hardware nicht selbst produzieren, sondern stattdessen die Technik an Lizenznehmer verkaufen. Die Investorenliste deutet darauf hin, dass Moxi möglicherweise keine Fata Morgana wird, sondern wirklich bald in den Regalen liegen könnte: Zu den Investoren von Moxi gehören AOL Time Warner, Cisco und Echostar Communications.
Eine wichtige Rolle im Rahmen der CES dürften zudem Camcorder, Digi-Kameras und andere Gegenstände des "digitalen Lifestyles" spielen. Große Sensationen sind dabei kaum zu erwarten, doch nachhaltiger und wichtiger sind am Ende wirklich all die kleinen, nun erschwinglichen Dinge, die Einzug in immer mehr Haushalte finden. Das reicht von der preiswerten, kleinen Digi-Kamera nebst kinderleichter Bildverarbeitungs-Software bis hin zum GPS-Tracking-Sicherheits-System für Kinder.
Bereits im Vorfeld trommelte auch Bill Gates - im Versuch, dem Dauerkonkurrenten Apple ein wenig die Schau zu stehlen - für sein jüngstes Baby: "Mira" ist ein Monitor - und mehr als das. Microsoft, erneut in den Gewässern der Hardware-Anbieter fischend - trennt den Monitor vom Computer und macht ihn so portabel. Innerhalb des Funk-Hausnetzwerkes ist der jeweilige Arbeits- oder Surfplatz so frei wählbar: Eine Erweiterung des Konzeptes der "Web-Tablets". "Moxi" und "Mira" machen klar, wohin der Zug der technischen Entwicklung geht: "Convergence" und "Convenience" sind die Zauberworte der diesjährigen CES - Konvergenz und Bequemlichkeit.
Early Adopters mögen weiterhin die Versuchskaninchen der Industrie bleiben, die die jeweils neuesten Gadgets auf Prestigewert und Brauchbarkeit erproben. Wirtschaftlich relevante Trends hingegen werden von "ganz normalen" Menschen gesetzt: Erst wenn eine Technik sich so durchsetzt, dass sie auch von nicht technikaffinen Kunden gekauft wird, ist sie lukrativ. In Deutschland, schätzt Bitkom-Chef Bernhard Rohleder, gingen im Weihnachtsgeschäft zwischen 700.000 und 800.000 DVD-Player über die Ladentheke.
Die Consumer Electronics Show findet vom 8. bis zum 11. Januar in Las Vegas statt.
Frank Patalong