Pixelpark und Co. Den Rat neu erfunden
Auch das noch: Erst fallen die Aktien der Internetfirmen ins Bodenlose. Und jetzt rufen die Angestellten nach Mitbestimmung. Zu lange gab es unbezahlte Überstunden bei flexibler Arbeitszeit - und das für inzwischen meist wertlosen Aktienoptionen. Nach Zeiten des Aufbruchs und der freiwilligen Selbstausbeutung ist die Netzbranche jetzt auf der Suche nach einer neuen Unternehmenskultur. Davon bleiben auch die ehemaligen Lieblinge der so genannten New Economy wie EM.TV, Tomorrow Internet und Pixelpark nicht verschont.
Bei Pixelpark wurde bereits die Wahl eines Betriebsrates angeschoben. Vor nicht mal einem Jahr hätten das viele wohl für einen schlechten Scherz gehalten. In einem Interview hatte Vorstandsvorsitzender Paulus Neef ein solches Gremium noch im August für überflüssig erklärt: "Einen Betriebsrat brauchen Sie, wenn Sie zwei Seiten haben und vermittelt werden muss. Wenn es hier Unternehmer und dort die Mitarbeiter gibt, und beide Seiten haben verschiedene Agendas."
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Jetzt sind die zwei Seiten da: Das Unternehmen kuriert mit einer Strukturreform die Wachstumsschmerzen; Neef spricht von Entlassungen. Mitarbeiter sehen den Pioniergeist und ihre Einflussmöglichkeiten schwinden und fordern eine institutionalisierte Mitbestimmung. In einer Internetdiskussion fordert ein anonymer Pixelpark-Mitarbeiter: "Wir sollten endlich die Illusion aufgeben, dass Papa-Board schon alles für uns zu unserem Besten richten wird. Die verschleierten Vorgänge, die von oben eingeleitet werden, müssen transparent gemacht werden."
E-Mails statt Flugblättern
Der Beitrag stammt aus dem Forum einer Homepage von connexx.av, der Initiative der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG) und der IG Medien, die sich an die Mitarbeiter in Unternehmen der Neuen Medien richtet. Eine Webseite wurde extra für die Pixelpark-Mitarbeiter eingerichtet, E-Mails an 1500 Mitarbeiter verschickt, weil "Flugblätter am Eingang die falsche Sprache wären", wie Wilfried Bartz von connexx.av erklärt. Und so diskutieren die "Pixel", wie sie sich selbst nennen, im Internet über die Situation des Unternehmens, erste Entlassungen an Pixelpark-Standorten und die Für und Wider eines Betriebsrates.
Katja Karger hat als Vorsitzende des Wahlvorstandes für die Betriebsratswahl jetzt mit den Vorbereitungen alle Hände voll zu tun. Mitarbeiter anderer Internetfirmen werden von den Betriebsräten ihrer Mutterfirmen unterstützt. Bei Pixelpark gibt es noch keinen Kontakt zu den Leuten von Bertelsmann. Auch Gespräche mit dem Vorstand habe es bisher noch nicht gegeben, sagt Karger. Abwarten und Bälle flach halten ist hier offenbar das Motto der Unternehmensleitung.
Gewerkschafter Bartz ist mit der aktuellen Situation zufrieden: "Als Reaktion auf die Entwicklungen bei Pixelpark haben sich schon Mitarbeiter anderer Unternehmen gemeldet." Darunter auch einige aus der Internetschmiede Kabel New Media, die größten Wert auf Mitarbeiterzufriedenheit legt, wenn es nach Vorstand Mathias Bauer geht. Er zeigt sich bekümmert, dass jetzt anscheinend auch Mitarbeiter seines Hauses nach einem Betriebsrat rufen: "Ich fände es nicht besonders schön. Da ist noch ein Unterschied zwischen Mitarbeitermitbestimmung und der juristisch festgelegten Institution Betriebsrat. Die Beteiligung am Entscheidungsprozess darf nicht durch rigide Vorschriften die Flexibilität des Arbeitsprozesses behindern."
Verunsicherung macht sich breit
Die Reaktion ist kein Einzelfall. Wo die Forderung nach einem Betriebsrat auftaucht, macht sich Verunsicherung breit. "Es war erst ein kleiner Schock. Doch jetzt hofft der Vorstand auf eine gute Zusammenarbeit", sagt Erik Parkner, Sprecher des Softwareversenders Softline aus Offenburg, wo ebenfalls ein Betriebsrat gewählt werden soll. Parkner ahnt, warum jetzt das Gremium kommt: "Wir sind im vergangenen Jahr überdurchschnittlich gewachsen. Vor drei Jahren waren wir ein familiäres Unternehmen, in dem jeder täglich seinen Chef gesehen hat. Mit dem Börsengang wurden neue Strukturen gebildet, die das nicht mehr so leicht machen." Die ach so kommunikative Internetbranche scheint in ihrem schnellen Wachstum etwas Wichtiges vergessen zu haben: die interne Kommunikation.
Dieses Problem kennt auch Ulrich Klotz, im Vorstand der IG Metall für Forschungs- und Technologiepolitik verantwortlich. "Für die jungen Internetunternehmen wäre eine gesunde Unternehmenskultur wichtig. Vor allem bei den größeren Firmen gehört da ein Mittler wie der Betriebsrat oder ein Moderator unbedingt dazu. Wie das Ganze dann heißt, ist zweitrangig", weiß Klotz. Dass jetzt die Mitbestimmung vielerorts geregelt werde, sei ein Zeichen der "Normalisierung" am Ende eines überdurchschnittlichen Wachstums. Die Unternehmen müssten jetzt lernen, mit der neuen Situation umzugehen. Dann könnten die neuen Gremien sogar einen wirtschaftlichen Gewinn bringen.