USA: Wer aufmuckt, fliegt - DER SPIEGEL
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USA Wer aufmuckt, fliegt

Dotcoms und Gewerkschaften - das ist im Mutterland der New Economy wie Katz und Hund. Bislang sind alle Versuche zur Gründung von Betriebsräten in amerikanischen Internetfirmen gescheitert.
Von Christian Radler
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Ich stand mit meinem Chef und einem Anwalt von 'Jackson Lewis', den die Firma einbestellt hatte, im Konferenzraum. Der Anwalt stellte mir nur eine einzige Frage", erinnert sich Chase Rummonds an seinen letzten Tag bei Etown.com. "Als ich die Frage bejahte, sagte mein Vorgesetzter, dass ich fristlos entlassen sei. Er rief den Sicherheitsdienst und ließ mich zu meinem Schreibtisch eskortieren. Ich hatte genau 20 Minuten, um meine Sachen einzupacken und das Firmengelände zu verlassen."

Rummonds ist immer noch ein bisschen schockiert, wenn er an seinen Rauswurf im Dezember 2000 denkt. "Ich konnte mich nicht mal von meinen Kollegen verabschieden." Das Vergehen des ehemaligen Etown-Einkaufsleiters: Er hatte Kollegen dazu überredet, einen Tag lang krank zu feiern, um Druck auf die Geschäftsführung auszuüben. Der 32-Jährige und ein weiterer Etowner wollten damit die Gründung eines Betriebsrats anstoßen. Etowns Produkt war eine Online-Einkaufshilfe für Elektronik.

Rauswurf wegen Sparzwang? "Blödsinn!"

Die beiden "Rädelsführer" und elf weitere - sie alle hatten sich an dem "Sickout" beteiligt oder zumindest Sympathie damit bekundet - flogen. Die Geschäftsleitung begründete das mit Sparzwängen.

"Völliger Blödsinn! Zu diesem Zeitpunkt sind sogar noch Leute eingestellt worden", so Rummonds rückblickend. "Der Anwalt fragte mich damals, ob ich mich wieder an solchen Arbeitskampf-Maßnahmen beteiligen würde. Wenn ich das verneint hätte, wäre ich wohl nicht gefeuert worden."

"Der Rauswurf von Rummonds und den anderen war ein Signal, das allen Übrigen zeigen sollte: Bevor wir zulassen, dass ihr euch organisiert, trennen wir uns lieber ganz von euch", meint Erin Poh, die für den nordkalifornischen Gewerkschaftsverband Dotcom-Beschäftigte betreut. Poh bekommt wöchentlich ein knappes Dutzend Anrufe von Dotcom-Mitarbeitern, die ihre Rechte gegenüber dem Arbeitgeber wahrnehmen oder stärken wollen. "Im Moment gibt es eine Handvoll Gruppen an der Westküste, die Betriebsräte in ihren Firmen einrichten wollen."

Suspekte Pleite vor Betriebsratsgründung

Eine Abstimmung darüber stand bei Etown zuerst im November, später im Januar auf der Agenda. Eine Premiere für US-Dotcoms. In letzter Minute wurde die Wahl dann aber wieder verschoben. Ob es eine Mehrheit für diesen Vorschlag gegeben hätte, wird man nie mit Sicherheit wissen: Am 14. Februar - dem Valentinstag - teilte Etown mit, dass das Geld alle sei und setzte die verbliebenen knapp hundert Mitarbeiter vor die Tür.

Reichlich plötzlich, sogar für ein Dotcom. Der Hauptfinanzier Etowns, die Elektrokette "Best Buy" , bestreitet offiziell entschieden, dass es einen Zusammenhang zwischen einer bevorstehenden Betriebsratsgründung und dem Ende der Finanzierung gebe.

Genau den aber sieht Gewerkschafterin Poh. Sie hält es für sehr wahrscheinlich, dass Etown durch Geldentzug "bestraft" wurde - als abschreckendes Beispiel. "Das wäre der letzte logische Schritt, nachdem alle anderen Versuche durch die Geschäftsführung gescheitert waren, die Etown-Beschäftigten einzuschüchtern." Poh geht noch einen Schritt weiter: Statt einer Aussperrung habe Best Buy die Pleite verkünden lassen und warte nun ab. "Die Website von Etown war bis vor wenigen Tagen online - niemand kann vorhersagen, was Best Buy damit macht. Etwa neue Leute einstellen und da weiter arbeiten lassen, wo die alte Belegschaft aufgehört hat?"

"Nehmt sie euch vor, solange sie neu sind"

So spekulativ diese Annahmen sind, so plausibel scheint der Vergleich, den die Gewerkschafterin mit dem letzten Jahrhundert zieht, "als die Stahlbarone mit Pinkerton-Detektiven und Schlägern gegen Gewerkschafter vorgingen". Die "Union Buster" (Gewerkschaftszerstörer) der Gegenwart sind in den Augen Pohs die "Anwälte von Jackson Lewis ". Presseanfragen sitzt diese internationale Anwaltskanzlei gerne aus. Wer aber auf ihrer Website nach "Union" sucht, landet unter anderem beim Newsletter "union kNOw" . Beiträge dort tragen Überschriften wie "Nehmt sie euch vor, solange sie neu sind".

Juristen derselben Firma halten regelmäßig Unternehmerschulungen ab und verbreiten bei Pflichtversammlungen der Dotcom-Beschäftigten Anti-Gewerkschaftspropaganda. "Uns sind Internetfirmen bekannt, die ihre Mitarbeiter mehrmals täglich zu einer Art Gehirnwäsche zusammenrufen, bei der ihnen eingehämmert wird, dass der Betriebsrat ihre Firma zerstören wird", sagt Poh.

Von Amazon.com lernen, heißt - in Bezug auf Betriebsräte - siegen lernen. Alle Mitarbeiter sind Aktionäre, sind damit an der Firma beteiligt und arbeiten direkt am eigenen Shareholder Value - da fällt das übliche Konfliktpotenzial weg, glaubt Unternehmenschef Jeff Bezos. Er ist erklärter Feind der Gewerkschaften, weil sie sein "flexibles Unternehmen kaputtregulieren wollen". Seit 1998 hat Bezos alles getan, die Gründung einer Gewerkschaftsvertretung bei Amazon zu verhindern, bislang mit Erfolg.

"Irgendwann fühlen sich die Leute ausgebeutet"

Doch zumindest das Argument mit den Aktienoptionen bröckelt. Mit Einsetzen des Kursverfalls vor knapp einem Jahr sind die Dotcom-Arbeiter sich stärker bewusst geworden, das monatelanges Durchhalten in der 60-Stundenwoche am Ende nicht mit Reichtum belohnt werden könnte. Mindestens ein Jahr muss zum Beispiel bei Amazon durchhalten, wer 20 Prozent seiner Aktienoptionen einlösen will. Harvard-Gewerkschaftsexpertin Elaine Bernhard bringt es auf den Punkt. "Irgendwann fühlen sich die Leute ausgebeutet." Und dann scheint die Idee einer Gewerkschaftsvertretung nicht so schlecht.

Bei Amazon hatten die Befürworter eines Betriebsrats ausgerechnet das umsatzstarke Weihnachtsgeschäft gewählt, um ihre Gewerkschaftskampagne 2000 zu starten. Die Strafe folgte auf dem Fuße: Anfang Januar kam bei Amazon der Rotstift zum Einsatz, um die Mitarbeiterschaft zu disziplinieren. Das Service-Zentrum am Firmensitz in Seattle, das durch besonders "aufsässige" Mitarbeiter aufgefallen war, wurde geschlossen. Aus Aktionären wurden Arbeitslose. Einige Hundert Menschen verloren ihren Job, offiziell weil ihr Arbeitsplatz zu viele Kosten verursachte.

Der Online-Supermarkt Webvan geriet Anfang Januar einmal nicht wegen finanzieller Probleme in die Schlagzeilen: Angeblich hatte das Unternehmen seine Beschäftigten mit Rede- und Versammlungsverboten daran gehindert, eine Urabstimmung über die Gründung eines Betriebsrats zu organisieren. Webvan stritt ab - die Meldung war schon deshalb schlecht fürs Geschäft, weil viele Dotcom-Arbeiter ihre Wocheneinkäufe bei Webvan erledigen.

"Ziemlich uncool, ausgerechnet dort einzukaufen, wo unsere Rechte nicht geachtet werden", lautete ein Eintrag in einer Union-Newsgroup. Offen gegen alles, was mit Gewerkschaften zu tun hat, sprach sich dagegen der E-Commerce-Entwickler Cobalt Group aus. Eine internte E-Mail betonte Ende Januar, dass "wie in unserem aktualisierten Betriebshandbuch vermerkt, Gewerkschaften nicht benötigt werden". Wenigstens hier stimmt das Bild vom Dotcom als gewerkschaftsfreier Zone.

Die Internetfirmen werden es irgendwann besser wissen, so hofft Gewerkschaftsfunktionärin Poh: "Ford wurde 1905 gegründet. Aber die ersten Betriebsräte wurden in den Dreißigern erstreikt. Die Geschichte der Dotcoms ist ja noch sehr jung."