Teleworking Null Bock auf Heimarbeit
Wer träumt nicht heimlich davon, nie wieder ins Büro zu müssen? Und statt Büro: von zu Hause aus online arbeiten. Morgens noch im Bademantel direkt an den Schreibtisch. Anstelle von schnödem Kantinenklatsch mit launigen Chefs oder mobbenden Kollegen zwei Stunden Mittagspause mit der Familie.
Seit mehr als 30 Jahren werden die Verheißungen der schönen neuen Arbeitswelt unter dem reichlich angestaubten Schlagwort Telearbeit transportiert. In den USA weicht die "Work at Home"-Utopie mittlerweile jedoch zunehmend der Ernüchterung: Zum einen ist das Teleworking bei weitem nicht in dem Maße gewachsen, wie dies von Protagonisten prophezeit wurde. Full-Time-Telearbeiter machen heute verschiedenen Schätzungen zufolge weit weniger als fünf Prozent aller US-Beschäftigten aus.
Zum anderen stagniert die Zahl der Telearbeitsplätze nun selbst bei den Pionieren dieser Arbeitsform - darunter etwa der Telekom-Riese AT&T. Nach Erhebungen von CareerEngine.com planen sogar mehr als 60 Prozent von 650 befragten US-Unternehmen, künftig weniger Teleworker einzustellen. Jede fünfte Company will bestehende Arrangements komplett auslaufen lassen.
Telearbeit macht nicht wirklich glücklich
Vielfach mangelt es schlicht und einfach am Interesse der Arbeitnehmer. Studien der New Yorker American Management Association zufolge verzichten inzwischen 62 Prozent der US-Firmen wegen zu geringer Nachfrage ihrer Belegschaften auf Telearbeitsprogramme.
Dabei sind die negativen Begleiterscheinungen der Telearbeitskultur im Grunde altbekannt: Die Digi-Heimarbeiter leiden vor allen Dingen unter der Isolation vom täglichen Unternehmensbetrieb - samt dem Kollegium. Und wie Langzeituntersuchungen zeigen, werden Angestellte mit zunehmender Dauer des Telearbeitsverhältnisses nicht nur aus dem sozialen Leben der Firma ausgeschlossen, sondern gerne auch bei Beförderungen oder Gehaltserhöhungen vergessen - der "Aus den Augen, aus dem Sinn"-Effekt könnte kaum eindrucksvoller wirken. Angesichts der schwächelnden US-Wirtschaft und anhaltender Massenentlassungswellen in der New Economy kursiert unter amerikanischen Telearbeitern nun immer mehr die blanke Angst um den Job.
Frust - und kein Entrinnen
Mehr und mehr Teleworker sehen selbst ihr Familienleben unter der Beschäftigungsform leiden. Zum einen verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit - durch die fehlende räumliche Trennung von Wohnung und Büro gibt es vielfach außerhalb der Arbeitszeit kein Entrinnen vor Projektdokumentationen, der Geschäftskorrespondenz oder sonstigen Aktenbergen. Untersuchungen zufolge tendieren Telearbeiter darüber hinaus stark dazu, Überstunden zu leisten und auch im Urlaub zu malochen.
Wie frustrierend Telearbeit sein kann, demonstriert auch eine Befragung des Boston College Center for Work & Family: Nur 46 Prozent der amerikanischen Telearbeiter sind demzufolge mit ihrem Leben "sehr zufrieden" oder "zufrieden". Zum Vergleich liegt der "Satisfaction-Index" bei konventionellen Arbeitnehmern bei 58 Prozent.
Arbeitgeber halten Teamgeist hoch
Doch auch seitens der Unternehmen mehren sich Bedenken gegen die einst als Beschäftigungsmodell der Zukunft propagierte Telearbeit. Teamwork und Gruppengeist sind nach wie vor en vogue - das Gros der Chefs und Personalmanager ist der festen Überzeugung, Probleme seien idealerweise "face-to-face" zu lösen. Zudem gilt die persönliche Interaktion am Arbeitsplatz als dringend notwendig für fruchtbare Konzeptarbeit. Nicht zuletzt würden sich die Arbeitsumgebungen und -bedingungen heutzutage derart rasch verändern, dass Telearbeiter kaum Schritt halten können, so zumindest die landläufige Meinung vieler telearbeitskritischer US-Manager.
Selbst das einstige Hauptargument, Telearbeit erhöhe die Produktivität der Mitarbeiter, ist offenbar Schnee von gestern: Wie die Silicon-Valley-Personalvermittlung OfficeTeam in einer Befragung unter 150 amerikanischen Top-Managern herausgefunden haben will, gehen nur vier Prozent davon aus, dass Tele-Angestellte wesentlich effektiver arbeiten als konventionelle Kollegen. Gerade 17 Prozent der Entscheidungsträger sind der Meinung, die Digital-Heimwerker seien zumindest etwas produktiver als "Inhouse"-Arbeiter. Die Teleworker selbst klagen gemäß der Boston-College-Studie wiederum darüber, mehr leisten zu müssen, um ihre Produktivität unter Beweis stellen zu können.
Zahlreiche Unternehmen fürchten im Zusammenhang mit Telearbeitsplätzen mittlerweile auch Hackerattacken: Cyberkriminelle könnten über die Computerausstattung von Heimarbeitern leichter in Firmennetzwerke eindringen, so die Bedenken vieler Sicherheitsexperten. Die Consulting-Firma Cutter Consortium will jüngst ermittelt haben, dass jedes zweite US-Unternehmen auf Grund von Sicherheitsbedenken auf Telearbeitsplätze verzichtet.