Werbemüll: Vor uns die Spam-Flut! - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Werbemüll Vor uns die Spam-Flut!

Das Problem des E-Mail-Werbemülls nimmt zusehends epidemische Ausmaße an. Das so genannte Spam-Volumen verdoppelt sich alle sechs Monate. Experten fordern endlich Strafen.
Von Mario Gongolsky
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Schon jetzt ist 13,8 Prozent des gesamten E-Mail-Aufkommens so genannter Spam, also E-Mail, die niemand bestellt hat und keiner lesen mag. Experten befürchten für Europa eine Verdoppelung des Spam-Volumens alle sechs Monate. Nun startet Europa seinen Kampf gegen die Flut unerwünschter E-Mails.

"Selbst schuld" am Werbemüll im elektronischen Postfach ist kaum jemand. Dubiose Webseiten, die erst eine Registrierung verlangen, bevor man Inhalte zu sehen bekommt, Klarnamen in Chatrooms und freie Passwörter gegen Angabe der eigenen E-Mail-Adresse sind die üblichen Mittel, mit denen Spammer ihren Opfern die Adressangaben entlocken. Im Zweifelsfall reicht aber auch eine hohe Präsenz in den Suchmaschinen als Garant für einen gefluteten Posteingangsordner. Wer präsent ist im Web, dessen Adresse wird auch "abgefischt".

Spam, ganz dreist

Der normale Spam-Empfänger hat kaum noch Chancen, sich zu wehren. Die Antwortadressen sind entweder fingiert, oder es werden gleich E-Mail-Adressen großer, seriöser Firmen als Absender angegeben. Das Vorgehen zeigt deutlich, wie sicher sich die Spammer fühlen.

Erst vor wenigen Tagen ist die so genannte Robinson-Liste  für eine Spam-Attacke missbraucht worden.

In die Robinson-Liste kann jedermann, der keine Werbemails empfangen möchte, seine E-Mail eintragen. Marketingfirmen gleichen diese Liste mit ihren Versandverteilern ab und streichen die Robinson-Mitglieder.

Das klingt zunächst gut, doch Diskussionen um die Crack-Sicherheit der Listen oder den Missbrauch der Angaben waren zu Recht nicht zu vermeiden. Tatsächlich ist der Erfolg der Robinson-Liste eher bescheiden: Gerade einmal 62.500 E-Mail-Nutzer haben sich dort eingetragen und werden von 214 Marketingfirmen berücksichtigt.

Letzte Woche versuchte eine aus Frankreich abgesendete Spam-Mail, unter Bezugnahme auf die Robinson-Liste Ahnungslosen ein Dialerprogramm für Sexseiten unterzuschieben. Wer sich darauf einließ, bekommt die Quittung per Telefonrechnung: Spam ist nicht nur lästig, sondern verursacht echte wirtschaftliche Schäden.

Spam-Paradies Europa?

Die EU empfiehlt bislang nur eine so genannte Opt-out-Lösung als Mindeststandard. Das heißt, der Empfänger einer unerwünschten Werbemail muss die Möglichkeit haben, sich aus der Versandliste streichen zu lassen. Spam-Gegner befürchten allerdings, gerade diese Abmeldung könnte gewinnbringend als Aktualisierungsbestätigung für den Weiterverkauf der Adresse verwendet werden.

Stattdessen fordern die Spam-Gegner und Teile der Bundesregierung eine "Opt-in -Regelung: Eine Werbe-E-Mail empfängt nur, wer eine solche E-Mail auch bestellt. In Brüssel und Straßburg scheiterte dieser Ansatz zunächst im Juli und September letzten Jahres. Aufgeben wollen die Opt-in-Befürworter deshalb nicht.

Auch der Deutsche Multimediaverband erklärte sich, nach anfänglichem Zögern, mit dieser Opt-in-Regelung ebenso einverstanden wie der Verband der deutschen Internetwirtschaft (ECO).

An guten Absichten fehlt es also nicht, doch wird sich das Spam-Problem durch Selbstverpflichtungen oder nationale Gesetze in Wohlgefallen auflösen lassen?

Rechtsanwalt Stephan Ackermann aus Rostock beschäftigt sich schon seit Jahren mit dem Spam als Rechtsproblem. Er glaubt, dass stärkere Gesetze das Problem sehr wohl eindämmen könnten, "...doch diese Gesetze müssten idealerweise internationale Geltung haben" und "...neben einem Anspruch auf Schadenersatz und Unterlassung auch eine Art Strafe beinhalten". Schon heute entscheiden deutsche Gerichte überwiegend zu Gunsten der Spam-Opfer in Form strafbewährter Unterlassungserklärungen.

Deutschland: Aussitzen statt Handeln?

Dieser Tage tingelt die US-Firma Brightmail, US-Marktführer für Spamfilter-Software, mit ihrem Vizepräsidenten Francois Lavaste durch Europa. Dabei traf sich Lavaste auch mit EU-Kommissar Erkki Liikanen. Lavaste hatte einige Anliegen: "Wichtig erscheint mir, den Begriff Spam klar zu definieren. Gewöhnliche Werbemails sind zum Beispiel in Großbritannien erlaubt, in Deutschland hingegen verboten. Solche Abgrenzungen sind für unsere Produktentwicklung natürlich wichtig."

Brightmail setzt auf sein neues technisches Gegengift: Mit 100 Millionen Köderadressen liegt man in Foren und Chatrooms auf der Lauer und analysiert die Herkunft des eingehenden Spams. Mit diesen Adressen füttert man die Sperrdatenbank und schon werden all diese Absender am Mailserver abgewiesen. Erfolgsquote laut Brightmail: 94 Prozent.

Das Interesse potenzieller deutscher Kunden an solchen Spam-Filtern ist, so resümiert Lavaste etwas irritiert, sehr gemischt und in der Tendenz eher abwartend.

Keine Linderung in Sicht

Doch geschehen muss etwas, denn der Scheitelpunkt der Spam-Flut ist noch längst nicht erreicht. Opt-out, Opt-in, Double-Opt-in, Strafen für Verursacher: Ein globales Problem kennt keine europäische Lösung.

Während die Debatte leise köchelt, kocht der Müll im Postfach über. Unabhängig von den anstehenden Entscheidungen aus Brüssel und Berlin kann unser Posteingang auch morgen wieder so viele Wunderdiäten und barbusige Schönheiten offerieren, dass so manch wichtige E-Mail schlichtweg übersehen und gelöscht wird. Denn so viel ist sicher: Wenn nichts geschieht, liegt vor uns die Spam-Flut.