Wohnzimmer-PCs Multimediamaschinen für die Sofaecke
HDTV: Hochauflösendes Abkürzungs-Wirrwarr
Dass Computer nicht grau und laut sein müssen, hat sich bei deutschen PC-Käufern mittlerweile herumgesprochen. Die eben zu Ende gegangene Cebit hat aber auch gezeigt, dass die PC-Hersteller eine andere Lektion gelernt haben: Es reicht nicht, die bisher grauen Kisten den Konventionen der HiFi-Anlagen-Produzenten entsprechend
schwarz anzumalen, um damit neue Zielgruppen zu erschließen und nach den Büros nun auch die Wohnzimmer zu erobern.
Für diesen Zweck geeignete Rechner sehen deshalb nicht nur anders aus, sie funktionieren auch anders. Sie müssen sich zum Beispiel vom Sofa aus mit einer Fernbedienung steuern lassen. Den Filmgenuss dürfen sie nicht durch übermäßigen Lüfterlärm vermiesen. Drückt ihr Besitzer die Einschalt-Taste, sollten sie nicht erst betriebsbereit sein, wenn die ersten fünf Minuten der Sportschau bereits abgelaufen sind. Und schließlich müssen sie sich an handelsüblichen Fernsehern statt an speziellen Monitoren betreiben lassen.
Dass die
heute und in nächster Zukunft auf den Markt kommenden Geräte diese Anforderungen erfüllen, ist einigen technologischen Neuerungen zuzuschreiben. So gehen PC-Hersteller zum Beispiel mehr und mehr dazu über, in den flachen Geräten eigentlich für Notebooks vorgesehene Chips einzusetzen. Die arbeiten besonders stromsparend und erzeugen nicht so viel Abwärme, die man durch rauschende Lüfter abführen müsste. Damit die Geräte schneller betriebsbereit sind, lassen sie sich in spezielle Schlaf-Modi versetzen, aus denen sie binnen weniger Sekunden wieder aufwachen. Dadurch wird der minutenlange Bootprozess vermieden, den Besitzer von Schreibtisch-Rechnern allzu gut kennen. Der Chiphersteller Intel hat Anfang des Jahres mit
"Viiv" ein Konzept vorgestellt, das die typischen Anforderungen an einen Computer fürs digitale Heim berücksichtigt - beim Konkurrenten AMD heißt dieser Standard LIVE!.
Von Doppeltunern und Doppelpässen
Was soll der PC überhaupt im Wohnzimmer? Zunächst übernimmt er auf komfortable Weise die Aufgabe eines Videorecorders. Mit Hilfe eines elektronischen Programmführers ("Electronic Program Guide", EPG) lassen sich Aufnahmen bequem automatisieren. Gute Geräte besitzen gleich zwei eingebaute Empfänger ("Doppeltuner"). Das hat den großen Vorteil, dass man trotz laufender Aufzeichnung beliebig durch den Sender wechseln kann. Klingelt gerade während eines spannenden Fußballspiels das Telefon, drückt man einfach den Aufnahmeknopf und kann das Spiel dann später zeitversetzt verfolgen.
Bei der System-Auswahl ist außerdem zu berücksichtigen, welcher Empfangsweg im eigenen Haushalt zur Verfügung steht: Wer am TV-Kabel hängt oder digitales Antennenfernsehen (DVB-T) bezieht, braucht einen anderen Tuner als Besitzer einer Satellitenanlage.
Wer den Wohnzimmer-Rechner nur als gleichwertige Alternative zum modernen DVD-Recorder betrachtet, wird den auf absehbare Zeit kaum schrumpfenden Preisaufschlag allerdings nicht rechtfertigen können.
Aus Großbild mach Kleinbild
Tatsächlich haben PCs den Vorteil, dass sie als offenes System geschaffen wurden. Dadurch hat ihr Besitzer zum Beispiel auch unbeschränkten Zugriff auf all seine TV-Aufnahmen und kann diese mit ein paar Mausklicks in das passende Format wandeln, um sie anschließend auf dem portablen Videoplayer (etwa dem
iPod Video von Apple oder der
PSP von Sony) mit auf Reisen zu nehmen.
Auch um Netzwerk-Anbindung beginnen sich Recorder-Hersteller erst langsam zu kümmern - beim Wohnzimmer-PC ist es hingegen heute schon möglich, auf demselben Bildschirm gerade ablaufende eBay-Auktionen zu verfolgen und trotzdem den Sonntagabendkrimi nicht zu verpassen. Über die ebenfalls fast immer eingebauten Speicherkartenleser wandern Bilder aus der Digitalkamera flott ins Archiv auf der PC-Festplatte, von wo aus man sie der ums Sofa gruppierten Verwandtschaft im Großformat auf dem TV vorführen kann. Inzwischen schlucken Wohnzimmer-PCs sogar fast alle gängigen Speicherkarten-Typen.
Wirkliche Alleskönner sind die Wohnzimmer-PCs jedoch trotzdem nicht. Ihre Bauweise bedingt, dass die Hersteller auf schnelle Grafikkarten meist verzichten müssen. Die Computer eignen sich deshalb kaum für aktuelle Action-Spiele - wohl aber für gemütlichere Genres wie Abenteuer oder Strategie, wo es nicht so sehr auf rasante 3D-Berechnungen ankommt.
Außerdem ist zurzeit noch kein Wohnzimmer-PC auf dem Markt, der das neue, hochauflösende Fernsehen (HDTV, siehe Kasten) entschlüsseln kann - die Hersteller versprechen allerdings einhellig, diesen Mangel spätestens bis zum Sommer zu beheben. Man sollte sich deshalb beim Kauf am besten schriftlich versichern lassen, dass ein solches Software-Update in angemessener Frist zur Verfügung stehen wird - und dass die notwendigen Hardware-Voraussetzungen bereits eingebaut sind, was bei
weitem nicht bei allen Geräten der Fall ist.
Von Matthias Grabner, ddp