Microsoft-Offensive Frech, frecher, freundliche Frage
Angriff ist die beste Verteidigung, scheinen die Anwälte von Microsoft zu glauben. Nachdem ein Berufungsgericht vor rund drei Wochen das von Thomas Penfield Jackson verhängte "Teilungs-Urteil" aufgehoben hatte, fühlt sich Microsoft offenbar in seinen Positionen gestärkt. Zwar hatte auch das Berufungsgericht das Urteil der vorgeordneten Instanz nicht aufgehoben, sondern nur das Strafmaß als nicht angemessen zurückgewiesen, doch stellt Microsoft nun eine der Kernklagen in Frage, die zu seiner Verurteilung führten.
Dabei geht es um den Internet Explorer, heute der weltweit weitverbreitetste Browser. Das, argumentierten die Kläger im Kartellprozess, geschah nicht zufällig: Durch die Verknüpfung des Internet Explorers mit dem Betriebssystem Windows - am stärksten ausgeprägt in der Programmversion Windows 98 - habe Microsoft seine Monopolstellung zum Schaden von Mitbewerbern missbraucht.
Gemeint war damit vor allem Netscape. Bis Ende der neunziger Jahre stellte Netscape quasi den Standard-Browser: Microsoft war erst spät auf den fahrenden Internet-Zug aufgesprungen - dann aber mit Anlauf. Binnen zweier Jahre gelang es Microsoft, das Konkurrenzprodukt Netscape förmlich vom Markt zu fegen. Das Unternehmen geriet auch finanziell ins Straucheln und verlor schließlich seine Eigenständigkeit durch die Übernahme durch AOL.
Der Onlinedienst AOL jedoch sah sich außer Stande, umgehend auf die Ressourcen einer nun hauseigenen Browser-Entwicklungsabteilung zuzugreifen: Verträge koppelten den AOL-Dienst mit einer angepassten Version des Internet Explorers. Netscape geriet in eine gefährliche Sackgasse, die für einen langen Entwicklungsstillstand sorgte und das Unternehmen weitere Marktanteile kostete. Der lange Zeit technisch überlegene Browser sah sich mit einem Mal auch in dieser Hinsicht vom Internet Explorer überholt.
Strategie: Freundliche Nachfrage
Doch dass die Kopplung von Internet Explorer und Betriebssystem nun tatsächlich einen Missbrauch eines Monopols dargestellt habe, mit der dieses auf illegale Weise ausgeweitet werden sollte, wird von den Microsoft-Anwälten nun grundsätzlich in Frage gestellt: In einer Erklärung des Unternehmens heißt es, dies sei ein Punkt, der durch die Zeugen der Regierung "nicht gestützt" worden sei.
Das sehen die Anklagevertreter natürlich anders. Eine Sprecherin des Justizministeriums wies darauf hin, dass diese Frage bereits von beiden Gerichtsinstanzen beantwortet worden sei - von Penfield Jackson nicht zuletzt als Teil seiner Urteilsbegründung. Justizministerium und Vertreter der Gruppe der Klage führenden Bundesstaaten kündigten an, auf den Microsoft-Vorstoß mit eigenen Repliken an das Berufungsgericht reagieren zu wollen.
Dabei will Microsoft doch nur lernen: Firmensprecher Vivek Varma wies darauf hin, dass es Microsoft ja nur um eine "Klarstellung" gehe. Zu dem Schluss, dass die diskutierte Anschuldigung nicht hinreichend belegt sei, sei das Unternehmen nach "eingehender Analyse des Urteils des Bezirksgerichts" gelangt. Das alles sei keine Bagatelle, denn schließlich könnte das dazu führen, dass PC-Hersteller davon ausgingen, den Internet Explorer aus Windows 98 entfernen zu dürfen - "fälschlich", wie Microsoft meint.
Das ist eine subtil vorgetragene Attacke auf die Grundbedingungen des Jackson-Urteils: Sollte das Berufungsgericht Microsoft zustimmen, ginge es bei der Neuverhandlung vor dem Bezirksgericht plötzlich um weit mehr als nur die Findung eines neuen Strafmaßes. Die Begründung von Klage und Urteil wären in Frage gestellt. Gates scheint auf das spürbar freundlichere Klima seit Beginn der Bush-Präsidentschaft zu setzen - und auf das Prinzip "Frechheit siegt".
Die Microsoft-Anwälte beharren darauf, dass es wirklich nur um eine Klärung der Sachlage ginge. Das alles sei völlig losgelöst von der Tatsache zu sehen, dass Microsoft bereit sei, den Fall außergerichtlich beizulegen.
So ganz wohl nicht: Gut möglich, dass nach Microsofts freundlicher Anfrage auch auf Seiten der Anklagevertreter das Interesse an einer außergerichtlichen Beilegung spürbar wächst. Was sonst passiert, können sie sich nun vorstellen: Dann geht unter Umständen der ganze Prozess von vorne los.
Frank Patalong