Kommentar Microsoft-Prozess wird zum Mummenschanz
Überraschend kam das Urteil nicht: Bereits seit Tagen pfiffen es die Spatzen von Dächern, dass Microsoft durch das Urteil des Berufungsgerichtes wohl kaum die Spaltung zu erwarten hätte.
Obwohl das Gericht viele der Vorwürfe gegen Microsoft im Wesentlichen bestätigte (unter anderem den Monopol-Vorwurf), ließ es das Urteil Thomas Penfield Jacksons nicht stehen, Microsoft aufzuteilen. Ein wesentlicher Grund dürfte in einer Verfehlung Jacksons liegen, die vielleicht menschlich, aber nicht standesgemäß war: Er verplapperte sich gegenüber dem Journalisten Ken Auletta vom "New Yorker". Richtig vom Leder zog er in dem Interview, tadelte Bill Gates Charakter ("Er braucht Disziplin") und die Geschäftpraktiken und die "Hybris" des Unternehmens Microsoft.
Wasser auf die Mühlen der Microsoft-Verteidiger war das, die Richter Jackson Voreingenommenheit vorwarfen.
Eine Meinung, der sich auch die Richter des Berufungsgerichtes anschlossen. Jacksons Eigentor wird wohl seine Karriere beenden, gibt allen Beteiligten aber die Gelegenheit, den Prozess noch einmal neu aufzurollen.
Allen Beteiligten?
Alle Seiten hatten gestern einen Sieg zu feiern: Microsoft den Etappensieg Richtung Freispruch, die Ankläger den Sieg, nun das Gesicht wahren zu können und Microsoft trotzdem nicht zu verurteilen. Bill Gates wurde in der Urteilsbegründung getadelt - das Strafmaß für seine Verfehlungen muss nun neu definiert werden.
Allzu drakonisch wird das wohl kaum noch ausfallen. Es ist nur zu offensichtlich, das die Bush-Administration kaum Interesse daran hat, den Prozess überhaupt weiterzuführen. Georg W. Bush findet, dass in Amerika sowieso "zu viel geklagt wird". Der von ihm eingesetzte Chef der Federal Trade Commission (in vielen Aufgabenbereichen ein Äquivalent zum Bundeskartellamt) glaubt fest an die Selbstregulierungskräfte des Marktes und daran, dass sich der Staat grundsätzlich "weniger einmischen" sollte.
Die Neuverhandlung wird endgültig zur Farce, wenn man sieht, dass sowohl die Klagevertreter des Bundes als auch Microsoft direkt nach der Urteilsverkündigung verlauten ließen, nun sei man zu einer außergerichtlichen Einigung bereit.
Bill Gates fühlt sich anscheinend bereits freigesprochen: Sein Unternehmen geht gestärkt aus dem Prozess hervor. Nur wenige Stunden brauchte er, um im Rahmen einer Pressekonferenz sein wiedergewonnenes Selbstvertrauen zur Schau zu tragen. Ab sofort, verkündete er, werde Microsoft Software wieder so entwickeln, wie das die Kunden wollten. Windows XP zum Beispiel, mit all den von Konkurrenten und Experten misstrauisch beäugten Features und Details.
Gates lieferte damit eine nur vordergründig positive Botschaft, die man auch so übersetzen könnte: Ab sofort nehmen wir wieder weniger Rücksicht auf Konkurrenten, die uns verklagen könnten.
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Denn was die "Orientierung an Kundenwünschen" für Microsoft bedeutet, hatte das Unternehmen keine 48 Stunden zuvor klar gemacht, als es öffentlich erklärte, nun doch auf die umstrittene "Smart Tag"-Technologie verzichten zu wollen. Die Begründung: Das Unternehmen habe es im Vorfeld wohl versäumt, mit der gebührenden Sorgfalt "zwischen den Interessen anderer Inhalteanbieter und den Wünschen der Kunden" abgewogen zu haben.
Microsoft kniff zwar vor den öffentlichen Protesten von Presse und Konkurrenten, unterstellt aber weiterhin, "Smart Tags" hätten im Kundeninteresse gelegen. Künftig, signalisiert Gates nun, stehe dieses wieder klar im Vordergrund.
Was man auch anders sagen kann: Microsoft glaubt nun, die in den letzten eineinhalb Jahren gezeigten Rücksichtsnahmen wieder fallen lassen zu können. Gates reagierte auf das Urteil mit freudigem Grinsen - und stoßbereit gespitztem Ellbogen.