Microsoft-Prozess Wer ist Colleen Kollar-Kotelly?
Niemand wirft Colleen Kollar-Kotelly vor, sie habe keinerlei Erfahrung. Die 1997 von Bill Clinton ans Bezirksgericht berufene Richterin steht im Ruf, die Fakten eines Falles kompetent und gründlich abzuwägen.
Das ist eine richterliche Tugend - aber eine, die im Falle Microsoft einer Verlängerung des Verfahrens gleichkommen könnte. Denn wenn es einen Bereich gibt, in dem Kollar-Kotelly bisher kaum Erfahrung hat, dann in Sachen Kartellrecht. Entsprechend frostig fielen viele erste Reaktionen auf ihre Berufung aus: Ja, Kollar-Kotelly sei eine gute Richterin - aber für einen IT-Kartellprozess?
Gerade zwei ihrer Entscheidungen, meinte der Juraprofessor und Kartellexperte Herbert Hovenkamp gegenüber dem "Industry Standard", ließen sich als Kartellsachen interpretieren. "Und so weit ich das sehen kann", fügte er hinzu, "waren das keine Prozesse, bei denen sie den Fall wirklich analysieren und entscheiden musste".
Auch der Kartellrechtsexperte Ernest Gellhorn, Professor an der George Mason University, hält Kollar-Kotelly für relativ unerfahren: "Es ist offensichtlich, dass sie sich ins Kartellrecht einarbeiten muss, dass sie etwas über Software und die Computerindustrie lernen muss und auch, damit umzugehen, im Scheinwerferlicht der Öffentlichkeit zu stehen".
Doch es gibt auch andere Stimmen
Unter Washingtons Anwälten ist die Richterin durchaus beliebt. Sie gilt als bedächtige Faktenprüferin - was manche mögen, andere erleiden. "Ich denke", kommentiert der Anwalt John J. McDermott, "sie wird einen sehr durchdachten Ansatz finden". Daran zweifelt auch sein Kollege John Coale nicht, nur zieht er daraus einen anderen Schluss: "Sie neigt dazu, Prozesse unnötig in die Länge zu ziehen!"
Das wiederum würden die Vertreter der Anklage kaum begrüßen. Gina Talamona, Sprecherin des Justizministeriums, bringt die Haltung der Anklage auf den Punkt: "Wir brennen darauf, weiter zu machen".
Das weiß mit Sicherheit auch Colleen Kollar-Kotelly, denn ihr Draht zur Politik ist erstklassig: Sie gilt in aller erster Linie als Expertin für die politische Szene Washingtons. Fachlich ist ihre Vergangenheit gezeichnet von Entscheidungen, die sie als "verbraucherfreundlich" ausweisen. Ihre Karriere begann sie als Rechtsbeistand des psychiatrischen Krankenhauses St. Elizabeth in Washington. Und auch als Richterin fiel sie mit Urteilen auf, die zugunsten von Verbrauchern gingen - und gegen die finanziellen Interessen von Banken und Pharmaindustrie.
Die Anwältin Dana Hayter hält Kollar-Kotelly darum für eine "hinreichend gute Wahl".
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Ein ähnlich zwiespältiges Echo hatte es gegeben, als Thomas Penfield Jackson den Fall Microsoft übernommen hatte. Der Mann, hatte es geheißen, habe keine Ahnung von Software - und beschämte im Laufe der Verhandlungen die Microsoft-Anwälte durch so kritische wie kompetente Fragen und Argumente.
Am Ende des Prozesses stand Jackson jedoch als befangen da: Durch unbedachte öffentliche Äußerungen diskreditierte er sich selbst. Der Richter, der bei Gerichtsreportern einst als "langsam, faul und bequem" berüchtigt war, galt nun als voreingenommener Hitzkopf.
In einer Berufungsverhandlung zu seinem "Aufspaltungs-Urteil" entschied ein Richter-Gremium, dass Jackson sich nicht an die Standesregeln gehalten habe. Die Neuverhandlung des Strafmaßes wurde ihm genommen und einem durch ein Zufallsverfahren zu findenden Richter zugesprochen.
Zur Wahl stellten sich zehn Richter des District Court. Die Entscheidung fiel auf Colleen Kollar-Kotelly, der Würfel war virtuell: Die "Lotterie" wurde per PC-Programm durchgeführt. Zumindest indirekt war Bill Gates also durchaus daran beteiligt, seine Richterin zu finden.
Frank Patalong