Terrorismus: Neuralgische Punkte - DER SPIEGEL
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Terrorismus Neuralgische Punkte

Einem organisierten Cyber-Angriff auf deutsche Computer wäre die Republik hilflos ausgeliefert. In einer vertraulichen Regierungsstudie schlagen Experten Alarm.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Für nordkoreanische Verhältnisse waren die 35 Angreifer luxuriös ausgerüstet: mit robusten Kaufhaus-Computern und erprobter Gratis-Software aus dem Internet. Mehr brauchten die Cyber-Soldaten des nordkoreanischen Diktators Kim Jong Il nicht, um die Supermacht USA erfolgreich zu attackieren. Nach zwei Wochen bereits kontrollierten sie mit ihren Discount-Rechnern die Stromnetze und Feuerwehr-Notrufanlagen in neun amerikanischen Städten.

Unbemerkt drangen die Dunkelmänner aus dem fernen Osten in 34 Computernetzwerke des Pentagon ein und sorgten mit falschen Befehlen für Chaos: Ein Tankwagen mit Flugbenzin wurde zum nächsten Marine-Stützpunkt dirigiert. Vergebens wartete eine F-16-Kampfflugzeugstaffel auf neue Raketen; geliefert wurde stattdessen eine Ladung Lkw-Lampen.

Die Amerikaner kamen noch einmal davon: Die Attacke vor viereinhalb Jahren war eine Übung, als nordkoreanische Agenten traten Mitarbeiter der National Security Agency auf. Drastisch zeigte das Manöver, wie hilflos selbst die Weltmacht USA einem Angriff aus internationalen Datennetzen ausgeliefert war. Washington zog die Konsequenzen: Mittlerweile sind etwa 2000 Spezialisten damit beschäftigt, eine Cyber-Attacke zu verhindern.

Nach den Terroranschlägen des 11. September ist jetzt auch die Bundesregierung aufgewacht. In einer internen 16-seitigen Studie analysieren die Planungsstäbe von Joschka Fischers Auswärtigem Amt und Rudolf Scharpings Verteidigungsministerium die Gefahren durch Angriffe aus dem Netz.

Das Ergebnis ist alarmierend: "Mit gezielten Eingriffen an besonders neuralgischen Punkten" wie Telekommunikation, Strom-, Gas- und Ölversorgung ließen sich auch in Deutschland "gegenseitig aufschaukelnde Ausfallerscheinungen hervorrufen, die das gesellschaftliche Leben buchstäblich lahm legen". Dieses "Gefahrenpotenzial" zu missachten "könnte sich in zukünftigen Konflikten bitter rächen".

Die "Bedrohung für Staat und Wirtschaft" aus dem Computer, warnen die Ministerialen, sei spätestens seit dem 11. September real: "Für Terroristen bietet das Internet geradezu perfekte Arbeitsbedingungen."

Dass die komplexen Kommunikationssysteme moderner Industriegesellschaften extrem anfällig für Angriffe sind, konnten die Deutschen schon früher merken. So legte im Frühjahr 2000 der "I love you"-Virus massenweise deutsche Bürocomputer lahm, doch das waren nur Spielereien einzelner Hacker. Seit dem 11. September dagegen, so fürchten die deutschen Sicherheitsexperten, sind auch politisch motivierte Angriffe nicht mehr auszuschließen.

Die Abwehr ist teuer. Deutschland müsse mehr Geld für Schutztechnologie ausgeben, fordert die Studie, die von beiden Ministerien unter Verschluss gehalten wird. So müssten "unabhängige nationale Software- und Kryptoprogramme" entwickelt werden ­ mit hohem Aufwand.

Der politisch heikle Grund: Vor allem amerikanische Anbieter werden verdächtigt, "Trojanische Pferde" in ihren Systemen zu installieren, die US-Geheimdienste im Krisenfall zur Spionage auf den Festplatten nutzen könnten. Technische Lösungen anderer Nationen, heißt es diplomatisch, seien "stets auch unter dem Aspekt daraus resultierender Risiken zu bewerten".

Das deutsche Gegenmittel: Die Verbeamtung der Cyber-Abwehr

Die Beamten raten, wenig überraschend, der Gefahr durch eine neue Behörde zu begegnen, um Vorwarnsysteme zu installieren und nationale Notfallpläne bei einem Hackerangriff in Kraft zu setzen. Die bestehenden Einrichtungen in Deutschland, wie die Anfang 2000 von Bundesinnenminister Otto Schily gegründete Task Force "Sicheres Internet", genügten diesen Ansprüchen "nur ansatzweise".

Denn schon die Aufgabe, einen möglichen Angreifer überhaupt sicher zu identifizieren, erweist sich als ziemlich kompliziert. So hatte das Pentagon eine Attacke auf einige seiner Computersysteme entdeckt und die Quelle in Abu Dhabi am Persischen Golf geortet. Der Auftraggeber schien klar: Saddam Husseins Irak.

Doch das Greifkommando, das in der arabischen Hafenstadt zuschlug, fand nur einige Server: eine Sackgasse. Die wahren Täter waren zwei Teenager aus Kalifornien, die eine falsche Fährte durchs Netz gelegt hatten. "Die Unterscheidung in Kombattanten und Nicht-Kombattanten", so das Fazit der Berliner Cyber-Abwehr, "ist beim Krieg im Datennetz nicht mehr möglich."

Nicht nur einzelne Hacker gefährden die nationale Sicherheit. Richtig bedrohlich wird es, wenn fremde Regierungen die schlecht geschützten Datennetze Deutschlands angreifen. Auch kleine Staaten könnten im Zuge der "asymmetrischen Konfliktaustragung" militärisch überlegenen Gegnern empfindlichen Schaden zufügen, fürchten die Berliner Experten.

Großmächte wie Russland und China investieren bereits viel Geld in ihre defensive Computerrüstung. Sie wissen, was jetzt auch die Deutschen herausgefunden haben: Die gefährlichsten Cyber-Angriffe drohen nicht aus "Schurkenstaaten" wie Nordkorea oder dem Irak ­ sondern, technisch gesehen, aus den USA. Die Supermacht "dürfte heute ein Monopol in der Fähigkeit besitzen", heißt es in dem Berliner Papier, "kritische Infrastrukturen wirkungsvoll anzugreifen".

RALF BESTE