Eskalation in Ferguson verhindert Ein Sieg für die Wächter der Vernunft
Wer in den USA protestiert, marschiert im Kreis. Oder im Oval. Der Kreisverkehr ist ein Wesensmerkmal der amerikanischen Demonstrationskultur. Auf der einen Seite geht es die Straße hoch, auf der anderen wieder runter. So geht das derzeit auf der West Florissant Avenue von Ferguson, dem Epizentrum der Proteste seit dem Tod des Michael Brown. Nacht für Nacht. Es gilt: Je länger der Kreisel läuft, desto friedlicher sind die Proteste. Kommt er zum Stillstand, ist dies das erste Anzeichen für drohende Eskalation. Es ist, als zöge ein Gewitter auf.
In der Nacht auf Dienstag läuft der Kreisel ziemlich lange. "Hände hoch! Nicht schießen!" rufen die Protestler ihre Botschaft in die Nacht. Die Straße hoch, die Straße runter. Gut 500 Demonstranten sind es wohl auf dem Höhepunkt, an ihrer Seite selbst erklärte "Peace Keeper", wie etwa Geistliche aus den umliegenden Kirchen, die des Öfteren die Konfrontation mit der Polizei verhindern.
Sie putschen sich gegenseitig auf
Denn dies war ja das Problem der vergangenen Nächte: Irgendwann krachte es immer. Molotowcocktails auf der einen, Tränengas auf der anderen Seite. Eine Kleinstadt im Kriegszustand. Es waren verstörende Bilder. Polizisten in Militärklamotten und teils angereiste Krawallmacher putschten sich gegenseitig auf. Am meisten litten darunter die Anwohner: Weil ihr friedlicher Protest diskreditiert wurde; weil ihre Geschäfte auf der West Florissant zerstört wurden.
Damit soll nun Schluss sein, endlich, in der zehnten Nacht. Anthony Cage jedenfalls gibt sich alle Mühe. Seine Stimme ist schon bei Einbruch der Dämmerung schwer angeschlagen, der Mann ist schweißgebadet. Denn Runde für Runde gibt er den Sprechchor vor: "Wir echten Demonstranten plündern nicht! Wir wollen Gerechtigkeit für Mike Brown!" Cage sagt, durch ihren friedlichen Protest würden die Leute hier Geschichte schreiben, schon lange habe sich der Ärger über die Ungleichbehandlung von Schwarz und Weiß durch die Polizei aufgestaut. Runde für Runde geht das gut auf der West Florissant Avenue.
"All diese Leute hier", sagt der Pfarrer Garry Mitchell, "wissen nicht genau, wie sie reagieren sollen, es gibt ja keine Definition einer angemessenen Reaktion." Das Einzige, was sie wüssten, sei dies: "Keine Antwort zu geben, das ist nicht angemessen."
Noch am Montagnachmittag droht die Stimmung in eine gefährliche Richtung zu kippen. Nur zehn Autominuten entfernt von Ferguson, noch innerhalb der Stadtgrenzen von St. Louis, erschießen Polizisten einen 23-jährigen Afroamerikaner. Der Mann hatte zuvor Lebensmittel in einem Supermarkt gestohlen und danach offenbar die Polizisten mit einem Messer bedroht. Das hat er mit dem Leben bezahlt. Schnell sammeln sich Demonstranten, brüllen ihre Wut heraus, beschriften Plakate mit denselben Botschaften wie drüben in Ferguson. Die bange Frage: Was wird daraus werden in der nahenden Nacht?
Ein zweiter Fall
Die Antwort gibt ein paar Stunden später Anthony Cage, der Sprechchor-Mann von der West Florissant: Alles halbwegs im Griff, denn anders als in Ferguson habe die Polizei von St. Louis gleich alle Fakten auf den Tisch gelegt, "nicht mal 24 Stunden hat das gedauert". Tatsächlich hatte der örtliche Polizeichef schon kurz nach den tödlichen Schüssen eine erste Pressekonferenz am Tatort gegeben. Der Getötete war - anders als Michael Brown - bewaffnet. Es gab von Anfang an mehrere Zeugen. Dennoch ist erstaunlich, welchen Einfluss eine veränderte Polizeitaktik haben kann.
Man erlebt das kurz darauf auch in Ferguson. Über Stunden belauern sich Polizisten und die Unruhestifter unter den Demonstranten. Jede Geste wird interpretiert: Setzen die Polizisten Helme auf? Welche Waffen tragen sie? Vermummen sich einzelne Protestler? Während Cage und Kollegen ihre Runden ziehen, entschließt sich die Polizei um halb zehn Uhr abends, einen an der Seite parkenden Kleintransporter zu räumen, den Provokateure zur musikalischen Beschallung der Umstehenden nutzen. Hektisch gehen die schwer bewaffneten Polizisten zu Werke, die Lage ist explosiv. Doch die Protestler fügen sich.
22 Uhr: Unter Demonstranten kommt es zu einer Schlägerei. Polizisten stürmen hin, um die Fraktionen zu trennen. Von Ferne sieht es aus, als würde die Polizei attackieren. Die ersten brechen aus dem Demonstrationszug aus, laufen rüber. Tumulte. Immer mehr Leute lösen sich, dem Demo-Kreisel droht der Stillstand. Die Peace Keeper gehen dazwischen: "Weitergehen, weitergehen!", rufen sie. Es funktioniert.
Grand Jury startet mit Beweisaufnahme
Mitternacht: Nur noch wenige Dutzend Demonstranten sind zurückgeblieben, nicht wenige Unruhestifter darunter. Wasserflaschen fliegen in Richtung der Polizisten. Die reagieren, gehen gezielt gegen einzelne Akteure vor. Doch diesmal eskaliert die Lage nicht. Um halb drei Uhr morgens gibt Polizeikommandeur Ron Johnson die Zahlen des Tages bekannt: Zwei Feuerwaffen seien sichergestellt worden in einem Auto, das sich einem Polizeiposten genähert habe; insgesamt 47 Verhaftungen; keine Rauchbomben, kein Tränengas, nur wenig Pfefferspray; keine Schießereien; keine Molotowcocktails.
Die Bilanz der Nacht also ist halbwegs positiv - an diesem Mittwoch aber stehen schon die nächsten Herausforderungen an: Eine Grand Jury beginnt mit der Beweisaufnahme im Fall Michael Brown, und Justizminister Eric Holder kommt nach Ferguson. Es sind zwei Momente, von denen sich die Einwohner viel versprechen.
Zwei Momente, die also auch enttäuschen können.