Unglück vor Lampedusa Gauck fordert humanere Flüchtlingspolitik
Bundespräsident Gauck: Flüchtlinge "nicht hineinsegeln lassen in vorhersehbaren Tod"
Foto: Franziska Kraufmann/ dpaRom - Bundespräsident Joachim Gauck hat angesichts des Flüchtlingsdramas vor Lampedusa an die Europäische Union appelliert, Flüchtlingen einen besseren Schutz angedeihen zu lassen. Leben zu schützen und Flüchtlingen Gehör zu gewähren, seien wesentliche Grundlagen der Rechts- und Werteordnung, sagte Gauck bei der Verleihung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland in Berlin.
"Zuflucht Suchende sind Menschen - und die gestrige Tragödie zeigt das - besonders verletzliche Menschen. Sie bedürfen des Schutzes. Wegzuschauen und sie hineinsegeln zu lassen in einen vorhersehbaren Tod, missachtet unsere europäischen Werte", sagte der Bundespräsident laut Redemanuskript.
Nach der Katastrophe auf einem Flüchtlingsboot vor der italienischen Insel werden immer mehr Tote aus dem Mittelmeer geborgen. Die Küstenwache teilte mit, bis zum Morgen hätten Rettungskräfte 111 Leichen aus dem Wasser geholt. "Aber das ist noch keine definitive Bilanz, weil Dutzende weitere Leichen im Wrack des gesunkenen Bootes sind", sagte Innenminister Angelino Alfano dem TV-Sender Canale 5.
"Es ist wie in einem Horrorfilm, da unten ist eine Masse von eingeklemmten Leichen, eine über der anderen im Laderaum", sagte Taucher Rocco Canell der Nachrichtenagentur Ansa. Andere Taucher berichteten, dass sie nahe dem Schiffswrack am Meeresgrund Dutzende weitere Tote gesehen hätten.
Von den insgesamt 450 bis 500 vorwiegend afrikanischen Flüchtlingen, überwiegend aus Somalia und Eritrea, konnten bis Donnerstagabend nur 155 gerettet werden. Deshalb befürchten die Rettungskräfte, dass bei der Tragödie mehr als 300 Menschen gestorben sein könnten. "Wir haben keine Hoffnung mehr, Überlebende zu finden", sagte ein Polizist.
Das Schiff war in der libyschen Hafenstadt Misurata gestartet und am Donnerstag vor der Küste Lampedusas gekentert. Nach Berichten von Überlebenden hatten die Flüchtlinge zuvor ein kleines Feuer an Bord entzündet, um die Küstenwache auf ihr Boot aufmerksam zu machen. Kurz vor der Küste war der Motor ausgefallen. Als das Feuer an Bord außer Kontrolle geriet, brach Panik aus, woraufhin das Schiff kenterte. Das Wrack liegt in 40 Metern Tiefe, rund 550 Meter vor der Küste.
Staatstrauer in Italien
Der mutmaßliche Kapitän, ein 35-jähriger Tunesier, wurde festgenommen. In ganz Italien wurden die Flaggen am Freitag auf Halbmast gesetzt, während in Schulen eine Schweigeminute für die Opfer abgehalten wurde.
Papst Franziskus sprach von einem "Tag der Tränen". Der italienische Staatspräsident Giorgio Napolitano forderte die Abschaffung eines Gesetzes gegen die Begünstigung illegaler Einwanderung, nach dem auch Retter bestraft werden können.