Geiselnahme in Algerien Schweigen, hoffen, beten
Berlin/Algier - Bevor Marco Mitko am Dienstagabend den Hörer abnahm, hatte er seit Monaten endlich mal wieder Hoffnung. Mitko wusste, dass es nur ein Anruf mit Neuigkeiten über seinen in Algerien entführten Vater sein konnte. Doch schon die Stimme seines Bruders Andreas ließ ihn schnell wieder zusammensacken. "Andreas sagte mir, dass einige Geiseln frei gekommen sind", erinnert sich Marco Mitko, "doch unser Vater sei leider nicht dabei und es gebe auch keine Mitteilung über ihn." Bis zum Donnerstag blieb dies auch so. Zwar informierte der Krisenstab der Behörden die Familie immer wieder über die neuste Lage, doch viel Hoffnung konnten die Beamten nicht verbreiten.
Marco Mitko fällt die Freude über die Freilassung der 17 Geiseln schwer. "Natürlich ist es für die Familien schön", sagt er. Und doch weiß auch Mitko, dass die Nachrichten über die militärische Befreiungsaktion durch algerische Spezialkräfte das Leben seines Vaters ernsthaft bedrohen. "Auch die Geiselnehmer werden wohl Radio hören", malt er sich aus, "sie werden wissen, dass die Zeit der Verhandlungen vorbei ist." Mitko fürchtet nun, dass die Entführer nervös werden könnten. Ihre Opfer könnten sie in einer Kurzschlussaktion umbringen. Oder sie über die Grenze in ein anderes Land bringen. Oder sie einfach schlecht behandeln. "Bis gestern habe ich noch gehofft", sagt Mitko resigniert, "heute können wir nur noch beten." Neben Mitko warten noch neun andere deutsche Familien auf ein Lebenszeichen ihrer Angehörigen.
Lieber im Verborgenen agieren
Auch wenn es von offizieller Seite niemand so offen sagt wie Mitko, wissen alle beteiligten Sicherheitsexperten, dass er Recht hat. Jedem der Beteiligten vom Bundesnachrichtendienst (BND), dem Bundeskriminalamt (BKA) und dem Auswärtigen Amt (AA) wäre es deshalb lieber gewesen, wenn die Befreiung der ersten Geiseln vorerst nicht publik geworden wäre. Vor allem die Tatsache, dass es ein gewaltsamer Zugriff war, wollten die Planer unter der Decke halten. Sie wollten den Überraschungseffekt nutzen, anstatt nun von den anderen Entführern erwartet zu werden. "Es ist eine alte Regel bei Geiselnahmen", sagt einer der Beteiligten, "dass jede Information nur gezielt nach außen gelangen darf."
Nach der Veröffentlichung nun üben sich die Beamten in Schadensbegrenzung. Den freigelassenen deutschen Geiseln haben sie eingeimpft, nicht über die Befreiung zu sprechen - zumindest so lange, bis die anderen Geiseln auch frei sind. Bisher halten sich die Freigelassenen an die Vereinbarung und sprechen nur sporadisch mit der Presse. Einer der Befreiten erwähnte jedoch ein Feuergefecht zwischen Militär und Geiselnehmern, während ein anderer andeutete, die Kidnapper hätten sich bei Ankunft der Soldaten geflüchtet. Nicht jeder der Ex-Geiseln hat bei seiner Zurückhaltung nur das Wohl der noch Entführten im Kopf. Mancher hat auch aus dem Medienspektakel um die Familie Wallert, die lange auf der philippinischen Insel Jolo in Geiselhaft saß, gelernt und fordert nun hohe Euro-Beträge für seine Geschichte in der Wüste. Andere wollen einfach ihre Ruhe haben und haben sich zurückgezogen.
Widersprüchliches aus Algier
Was in Algerien zurzeit passiert, ist vollkommen unklar. Die Nachrichtenagentur AP verbreitete am Nachmittag eine Meldung, wonach algerische Elitesoldaten am Donnerstag die Suche nach den verbliebenen 15 entführten Touristen fortgesetzt hätten. Unter Berufung auf Informationen aus Militärkreisen hieß es, die Vermissten würden in einer Höhle in der Nähe der Wüstenstadt Illizi rund 1200 Kilometer südlich der Hauptstadt Algier vermutet.
Die Einheiten hätten das vermutete Versteck bislang noch nicht angegriffen, schrieb der lokale AP-Korrespondent. Die Behörden befürchteten, die Befreiungsaktion am Dienstagabend könnte die Entführer der verbliebenen Geiseln aufgeschreckt haben. Außerdem sei die zerklüftete Region rund um Illizi wegen eines Labyrinths aus Höhlen schwerer zugänglich als das Versteck der anderen Geiselgruppe.
Wie und ob diese Meldung bewertet werden kann, ist in Berlin umstritten. Aus Sicherheitskreisen war lediglich zu erfahren, dass "sich etwas tut". Gleichwohl ist die Lage in Algerien nicht die einzige offene Frage. Auch das Vorfeld der ersten Befreiungsaktion ist immer noch unklar.
Da ist auch der einen Seite der Besuch von Joschka Fischer, der gemeinsam mit BND-Chef Klaus Hanning nach Algier reiste. Nicht eine Silbe drang aus den vertraulichen Verhandlungen mit den Algeriern. Lediglich, dass sich Fischer nach eigenem Bekunden für eine "friedliche Lösung" stark gemacht habe.
Trotzdem aber begann die Militäraktion gegen die Entführer der so genannten "vierten Gruppe" nur wenige Stunden nach Fischers Visite. "Ist dieser Widerspruch Zeichen einer tief greifenden Differenz zwischen Algier und Berlin?", fragt nicht nur die französische Tageszeitung "Le Figaro" am Donnerstag.
War es wirklich die GSPC?
Ob "sich die algerischen Behörden über die Bedenken und Vorsichtsgebote der Deutschen hinweggesetzt" hätten oder Berlin gar "hinter den Kulissen grünes Licht für die Militäraktion gegeben" hatte, wurde weiter spekuliert. In algerischen Zeitungen wiederum ist von angeblichen Verhandlungen über Lösegelder zu lesen, die aber von deutscher Seite ausgeschlagen worden seien. Aus der Hauptstadt selbst gab es zu diesen Spekulationen freilich keinen Kommentar - seit Beginn der Geiselnahme halten sich die deutschen Behörden mit Informationen zurück. Die Linie der Bundesregierung bleibt, aktiv im Hintergrund zu agieren und die Entführer nicht durch öffentliche Aussagen zu reizen oder anzustacheln.
Ein weiterer Diskussionspunkt bleibt die schnelle Benennung der Täter durch die algerische Führung. Schon am Mittwoch meldeten viele Experten Zweifel an, ob tatsächlich die Organisation GSPC hinter dem Kidnapping steckt. Die Splittergruppe der militanten Islamisten-Vereinigung GIA hatte bislang vorwiegend im Norden und in der Kabylei im Nordosten Algeriens operiert. Auch waren bislang ausländische Touristen noch nie von den Aktivitäten der Salafisten-Gruppe für Predigt und Kampf betroffen. Experten wiesen darauf hin, dass in der betroffenen Region im Süden Algeriens eher Banden von Schmugglern agierten, die mit Geiselnahmen einen neuen Geschäftsbereich entdeckt haben könnten.
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Gleichwohl könnte die schnelle Schuldzuweisung in Richtung der GSPC ein plausibles politisches Argument haben. Die Algerien-Expertin der Stiftung für Wissenschaft und Politik, Isabelle Werenfels, hielt die Darstellung der algerischen Armee zwar für glaubwürdig. In einem Interview mit dem WDR wies sie aber auch darauf hin, dass es den "Hardlinern" in der Armee zugute komme, wenn Terroristen mit Verbindungen zu al-Qaida die Entführungen verübt hätten. Damit würde die algerische Regierung diskreditiert, die eine versöhnliche Politik gegenüber Terrorgruppen propagiere.