Deutschland spricht: Diskussion in Bonn - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Deutschland spricht "Frauen begeben sich bei #Metoo in eine Opferrolle"

Auf dem Papier unterscheiden sie sich sehr, in der Debatte dann weniger - dabei hatten beide Lust auf Konfrontation. Wenn Peter M. und Andrea M. aus Bonn sich widersprechen, dann bei #Metoo.
Bonner Schloss (Archivbild)
Bonner Schloss (Archivbild)

Bonner Schloss (Archivbild)

Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sie sieht sich eigentlich eher links, er eigentlich eher rechts. Aber Peter M. und Andrea M. haben schon bei ihrem ersten Telefonat festgestellt, dass sich ihre Positionen doch etwas ähneln. Und dass das trotzdem klappen könnte mit ihnen und der Diskussion. Das war vor dem Treffen, das durch die Aktion "Deutschland spricht" zu Stande kam. Den Ort, ein Café vor dem Bonner Schloss, hat Peter M. ausgesucht. Er wartet schon mit einem Weizen ("aber alkoholfrei!"), als sie aus dem Regen ins Warme flüchtet.

Die Teilnehmer

Andrea M., 50, wusste sofort, dass sie bei der Aktion mitmachen wollte. Jemanden fernab der eigenen Filterblase treffe man schließlich nicht häufig. Sie wünscht sich, nicht mit vollem Namen und Foto im Internet in Erscheinung zu treten. Soziale Netzwerke nutze sie ja auch nicht. Die Psychologin hat eine 13-jährige Tochter.Peter M., 62, lediger Physiker in der Grundlagenforschung, stellt fest: "Es gibt keine absolute Wahrheit." Deswegen könne man auch über alles diskutieren. Und sollte es auch, findet er. In die Debatte geht er ohne Zielsetzung und den Willen zu überzeugen. Wenn man aber auf gar keinen Nenner käme, könne man sich ja auch nochmal treffen.

Migration und Grenzen

Peter M.: Nicht die deutschen Grenzen sollten mehr kontrolliert werden, sondern die europäischen. Eine unkontrollierte Einreise ist nicht produktiv, schafft Unruhe auf dem Kontinent und spaltet die europäische Idee.

Andrea M.: Ich bedauere es, dass die Entscheidung der Grenzöffnung ein Alleingang von Angela Merkel war, ohne gesetzliche Regelung und Rücksicht auf Kollateralschäden. Wir haben es nicht geschafft, ein Einwanderungsgesetz auf die Beine zu stellen.

Peter M.: Auch noch von den anderen Ländern zu verlangen, Geflüchtete abzunehmen, obwohl es keine gemeinsame europäische Lösung gab, war eine Dreistigkeit.

Andrea M.: Außerdem lassen sich einige Gruppen leichter integrieren als andere. Die ausbleibende, aktive Integrationsarbeit, die Passivität, die ausbleibenden Konzepte sind ein Problem.

Peter M.: Das Problem ist, dass Merkel gesagt hat: "Wir schaffen das." Aber wer soll was schaffen? Das war zwar nur eine Floskel von ihr, aber es sind Leute mit Helfersyndrom aufgesprungen. Aber ohne Konzept war das untragbar.

#Metoo

Peter M.: Frauen begeben sich in dieser Diskussion in eine Opferrolle, obwohl die Debatte das Gegenteil bewirken sollte: Frauen sollten selbstbewusster werden.

Andrea M.: Aber genau das geschieht doch jetzt: Dass sich Frauen zu Wort melden, ist ein Akt des Selbstbewusstseins.

Peter M.: Die Männer fühlen sich dadurch aber verunsichert und einige Frauen nutzen die Rolle des Opfers, um Karrieren zu zerstören. Wenn Männer sexuell belästigt werden, gehen sie damit anders um.

Andrea M.: Auch für die Frauen ist es nicht schick, mit diesen Themen in die Öffentlichkeit zu gehen. Aber so können sie ihre Handlungskompetenz zurückerobern. Außerdem sind die Opfer häufig in Strukturen, die es ihnen nicht ermöglichen, von dem Missbrauch zu berichten. Oft melden sie sich deswegen erst nach Jahrzehnten. Wenn jetzt der Machtmissbrauch aufgedeckt wird, so wie hier, dann ist das ein großer Fortschritt.

Peter M.: Aber im Falle von Weinstein finde ich die Debatte verlogen. Denn die Frauen haben ja mitgemacht, wenn ihnen durch den Sex eine Rolle angeboten wurde. Diese Besetzungscouch gab es ja schon immer, auch wenn sie nicht gut ist.

Andrea M.: Wenn die nicht gut ist, dann heißt es: Es gibt Menschen, die ihre Macht missbrauchen, oder nicht?

Peter M.: Aber dieses System hätte man ja nutzen können: Dann geht man den Deal mit Weinstein ein. Oder man lässt es. Aber als Mann würde ich, wenn ich es nicht wollte, sofort widersprechen.

Nun gewinnt die Diskussion an Fahrt. Andrea M. wischt mit ihrer Serviette über den Tisch, Peter M. verschränkt die Arme vor der Brust.

Andrea M.: Das sehe ich anders. Das ist nämlich kein Deal, sondern Erpressung und Machtmissbrauch. Unter dem Eindruck der Situation kann man das als gewalttätig empfinden.

Peter M.: Aber dazu gehört die Person, die den Machtmissbrauch duldet. Man muss sich eben für seine Interessen einsetzen. Ich bin sowieso so erzogen worden, dass Frauen zu respektieren sind.

Andrea M.: Das ist ja toll, aber wir Frauen haben noch nicht mal die gleiche Bezahlung. Ich glaube, wir stehen uns bei diesem Thema diametral gegenüber.

Fleischkonsum

Andrea M.: Ich fände es gut, wenn der Konsum von Fleisch stärker besteuert wird.

Peter M.: Aber wieso?

Andrea M.: Tierschutz, CO2-Reduktion, Klimawandel?

Peter M.: Klimawandel gibt es immer. Der CO2-Ausstoß ist kein Regler, den man verschieben kann.

Andrea M.: Dann haben wir keinen Handlungsbedarf?

Peter M.: Na ja. Der Grund für die Erwärmung der Erde ist die Überbevölkerung. Da besteht also Handlungsbedarf.

Andrea M.: Aber wenn wir immer mehr Menschen versorgen müssen und dazu mehr Tiere halten, dann wirkt sich das dennoch negativ auf eine Erderwärmung aus.

Peter M.: Aber wir behandeln mit dem Einschränken des Fleischkonsums nur die Symptome, nicht die Ursache. Und ich möchte mich nicht vegetarisch ernähren.

Andrea M.: Ich bin seit meiner Kindheit Vegetarierin. Und ich finde, dass wir auf jeden Fall etwas daran ändern sollten, Billigfleisch unter unwürdigsten Umständen für die Tiere zu produzieren.

Peter M.: Wenn dann sollten durch eine höhere Steuer auf Fleisch nicht der Staat, sondern die Bauern mehr Geld erhalten. Das würde aber bedeuten, dass sich nur reichere Menschen Fleisch leisten können. Und man selektiert.

Andrea M.: Oder man kauft einfach weniger.

Nach über zwei Stück Kuchen, mehreren Weizen und Kannen voll Tee kommen beide zu der Erkenntnis, dass man häufig nicht weit auseinander liege. Das scheinen beide ein bisschen schade zu finden. Schließlich wollte man sich ja auch mal streiten. Wenn sie es dann tun, wie in der #Metoo- und Fleischkonsum-Debatte, drehen sie sich zur Reporterin und halten fest: "Jetzt widersprechen wir uns."