Trägerin des Alternativen Nobelpreises "Wir leben im Schatten und bringen Licht ins Dunkel"
Khadija Ismayilova wurde verfolgt, gedemütigt und kriminalisiert. Erpresser wollten sie zum Schweigen bringen, indem sie drohten, ein Überwachungsvideo aus ihrem Schlafzimmer zu veröffentlichen. Ihr wurde vorgeworfen, sie habe einen Menschen zum Suizid überreden wollen. Wegen Steuerhinterziehung und "Machtmissbrauchs" sollte sie siebeneinhalb Jahre in Haft.
Warum das alles? Khadija Ismayilova ist Journalistin. In Aserbaidschan. Und sie hat sich mit dem regierenden Alijew-Clan angelegt. Jetzt wurde sie mit dem "Right Livelihood Award" ausgezeichnet, oft als Alternativer Nobelpreis bezeichnet. Die Jury würdigte sie "für ihren Mut und ihre Hartnäckigkeit, Korruption auf höchster Regierungsebene durch herausragenden investigativen Journalismus aufzudecken".
SPIEGEL ONLINE: Frau Ismayilova, Sie wurden nach massiven internationalen Protesten im Mai 2016 aus dem Gefängnis entlassen. Wie geht es Ihnen heute?
Ismayilova: Ich wurde auf Bewährung entlassen. Ich darf das Land nicht verlassen und muss mich einmal im Monat bei den Behörden melden. Ich arbeite von Zuhause aus, weil ich keinen Arbeitgeber mehr habe. Ich darf zwar für ausländische Medien schreiben, aber kein Geld dafür nehmen. So wie mir geht es fast allen Kollegen. Wir leben im Schatten und versuchen, Licht in dunkle Geschäfte zu bringen.
SPIEGEL ONLINE: Werden Sie überwacht?
Ismayilova: Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich verfolgt werde. Manchmal demonstrieren die Sicherheitskräfte aber auch ganz unverhohlen, dass ich unter Beobachtung stehe - wie etwa nach meinen jüngsten Korruptionsrecherchen.
SPIEGEL ONLINE: Worum geht es dabei?
Ismayilova: Um vier in Großbritannien registrierte Briefkastenfirmen, die durch verdächtige Geldtransfers aufgefallen sind. Es geht um 2,9 Milliarden US-Dollar, die zwischen 2012 und 2014 über ein komplexes System gewaschen wurden. Geldempfänger waren Beamte in Aserbaidschan, viele von ihnen mit Verbindungen zur Präsidentenfamilie Alijew, aber auch ausländische Sportler und Unternehmer. Auch europäische Politiker tauchen auf, so der ehemalige CSU-Staatssekretär Eduard Lintner, der in diesem Zeitraum 819.500 Euro von verschiedenen Firmen überwiesen bekam, was er selbst laut "Süddeutscher Zeitung" nicht bestreitet . Er betont aber, die Briefkastenfirmen, die das Geld überwiesen, nicht zu kennen. (Lesen Sie hier den Bericht eines internationalen Recherche-Netzwerks zum "Aserbaidschanischen Waschsalon")
SPIEGEL ONLINE: Die "Kaviar-Diplomatie" der Alijews ist berüchtigt: Seit Jahren gibt es Versuche, Abgeordnete des Straßburger Europarats mit Geld oder Geschenken zu korrumpieren, damit sie wohlwollende Berichte zur Menschenrechtslage und den Wahlen erstellen. Sind die Anti-Korruptionskämpfer machtlos?
Ismayilova: Nein. Nehmen wir den Fall des schwedischen Telekommunikationsunternehmens "Telia", das wegen Zahlung von Bestechungsgeldern an die usbekische Regierung knapp eine Milliarde US-Dollar Strafe zahlen muss. Solange es demokratische Kontrollinstanzen gibt, kann man erfolgreich gegen Korruption vorgehen. Wenn ein Unternehmen beschließt, in Aserbaidschan unter ominösen Bedingungen Geschäfte zu betreiben, dann muss es damit rechnen, dass das eines Tages im eigenen Land herauskommt. Wer immer schmutzige Geschäfte mit unserer Regierung betreibt, bekommt Probleme.
SPIEGEL ONLINE: Sie bekamen Probleme, weil Sie Korruption innerhalb der Regierung aufgedeckt haben. Wie hat das Gefängnis Ihr Leben verändert?
Ismayilova: Zeit ist das Einzige, was man dort hat, aber man kann sie nicht nutzen. Das ist schrecklich. Als Informationsquelle gab es einen Fernseher, auf dem wir einmal am Tag die staatlichen Programme schauen konnten.
SPIEGEL ONLINE: Sie waren elf Monate lang in Einzelhaft. Wie haben Sie das durchgestanden?
Ismayilova: Ich habe mich auf die alltäglichen Dinge konzentriert. Ich habe versucht herauszufinden, wie ich nützlich sein kann. Ich schmuggelte Briefe aus dem Gefängnis, die in internationalen Medien veröffentlicht wurden.
SPIEGEL ONLINE: Ihr Strafmaß wurde von siebeneinhalb Jahren Haft auf eine Bewährungsstrafe von dreieinhalb Jahren reduziert. Warum sind Sie freigekommen?
Ismayilova: Ich hatte sehr gute Anwälte. Außerdem hat die massive internationale Kampagne für meine Freilassung offenbar gewirkt. Eine Gruppe von Journalisten hat zudem beharrlich gefordert, der First Lady Mehriban Alijewa den Status als Unesco-Botschafterin abzuerkennen. Das wollte sie auf keinen Fall. Die Regierung glaubte, wenn ich im Gefängnis bin, berichtet keiner mehr über Korruption. Das war natürlich eine dumme Kalkulation, weil ich nie allein gearbeitet habe. Meine Kollegen haben weiter unter schwierigsten Bedingungen recherchiert und veröffentlicht, damit die Regierung sich nicht in Sicherheit wiegt.
SPIEGEL ONLINE: Die Zahl der verhafteten Regimekritiker im Land ist groß. Spüren Sie die Kraft der Opposition schwinden?
Ismayilova: Ja, absolut. Viele sind ins Ausland gegangen, die Büros unabhängiger Organisationen wurden geschlossen, Konten eingefroren. Es gibt im Prinzip keine unabhängige Zivilgesellschaft mehr. 130 politische Gefangene gibt es in Aserbaidschan, darunter neun Journalisten, zwei Schriftsteller, politische, religiöse Aktivisten und Menschenrechtsaktivisten. All diese Menschen brauchen die Unterstützung Europas und der EU.
SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet der "Right Livelihood Award" für Sie?
Ismayilova: So ein Preis ist viel mehr als eine Auszeichnung für persönliche Leistungen. Er ist eine Botschaft an alle jungen Journalisten in meinem Land, dass es bei unserer Arbeit nicht nur um Drohungen, Erpressung und Gefängnisstrafen geht, sondern auch um Anerkennung.