Indien: Massenflucht nach dem Beben - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Indien Massenflucht nach dem Beben

Die Großstadt Bhuj bietet einen furchtbaren Anblick: Nichts als Ruinen, Leichen, Verletzte und Bergungstrupps, die unter Hochdruck nach Überlebenden suchen. Mehr als 30.000 Tote vermuten die Behörden nach dem Erdbeben in Westindien, 125.000 werden vermisst.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ahmedabad/Neu Delhi/Bhuj - Und die Zahlen werden fast stündlich höher. Nach offiziellen Angaben wurden bis Sonntag mindestens 6000 Leichen geborgen. Die Zahl der Vermissten wurde mit 125.000 angegeben. Überraschend bargen Helfer auch noch acht Überlebende aus den Trümmern, darunter ein 18 Monate altes Mädchen.

Sie heiße Dollie, ruft ein Mädchen den Helfern zu, eingeschlossen unter Tonnen von Trümmern eines Hochhauses in Ahmedabad. Sie hat das Erdbeben im Unionsstaat Gujarat im Nordwesten Indiens überlebt, aber gerettet ist sie noch nicht. Dazu muss ein Bergungstrupp erst zu ihr vordringen, ohne dass die Ruine gänzlich über dem Kind einbricht. Neben ihr liegen Tote.



Am zweiten Tag nach dem schwersten Beben in Indien seit fünfzig Jahren wird die Tragödie mit Einzelfällen wie Dollie plötzlich anschaulich. Zugleich nimmt sie unvorstellbare Ausmaße an, weil noch bis zu 125.000 Menschen unter den Trümmern der Häuser vermutet werden. Helfer wie die Experten des Technischen Hilfswerks (THW) aus Deutschland können Leben retten, aber die Bergung aller Vermissten droht eine unlösbare Aufgabe zu werden.

Die furchtbarsten Nachrichten kommen aus Bhuj, der Großstadt, die dem Epizentrum des Erdbebens vom Freitag am nächsten liegt. "Um es kurz zu sagen: Unser Ärzteteam hat die Stadt als völlig zerstört beschrieben", sagt ein Regierungsbeamter.

Allein in dieser Stadt, die einmal 150.000 Einwohner hatte, sollen 20.000 Menschen tot sein, die Zahl der Vermissten schätzten die Mediziner auf 50.000. Die THW-Helfer und ihre Kollegen aus der Schweiz werden mit Suchhunden, Spezialkameras, Betonschneidern und Luftkissen alles tun, um möglichst viele von ihnen zu retten.

Es gibt kleinere Städte im Distrikt Kutch, in denen es noch verheerender aussieht. In Anjar, wo 350 Kinder und 50 Lehrer bei einer Feier zum Nationalfeiertag von dem Killerbeben überrascht und verschüttet wurden, sind 80 Prozent der Häuser zusammengebrochen, in Bachhau und in Rapar steht kein einziges mehr.

Wo kein Haus mehr steht, gibt es auch keine Hilfe, keinen Unterschlupf in den kühlen Nächten, nichts zu essen, kein sauberes Wasser. Die Überlebenden verbrennen die Leichen, die sie bergen konnten, und fliehen dann. "Die Straßen sind voller Lastwagen, Traktoren mit Anhängern und Bussen. Offensichtlich gibt es eine Massenflucht", beschreibt der Journalist Kingshuk Nag die Szene.

Ein Teil der Gefährte kommt trotz der teilweise zerstörten Straßen durch bis Ahmedabad, der größten Stadt in Gujarat. In einem Krankenhaus werden Verletzte von der Ladefläche eines Lastwagens gehoben und sofort behandelt. Er könne jede Hilfe brauchen, sagt ein Arzt - Blutkonserven, Schienen, Stahlplatten, Nägel. Viele Menschen hätten Knochenbrüche erlitten oder müssten wegen innerer Verletzungen operiert werden.

Billigbauten wurden zur Todesfalle

In Ahmedabad haben sie eine Chance, die nötige Hilfe zu bekommen, und auch ihre unverletzten Verwandten können auf Essen und ein Dach über dem Kopf hoffen. Denn die Stadt wirkt stellenweise unversehrt, Autos sind unterwegs, Läden sind offen. Und dann plötzlich fehlen in einer Straße mehrere Häuser, liegen als Trümmerhaufen zwischen Gebäuden, die fast ohne Schäden sind.

Hier zeigt sich, dass viele der ungezählten Toten noch leben könnten, wenn sie in einem sicheren Gebäude gewohnt hätten. "Das Haus war erst zwei Jahre alt", sagt ein Mann über einen Appartmentbau in Ahmedabad, der eingestürzt ist. Kein Gesetz zwingt Privatleute, erdbebensicher zu bauen. Die Kosten sind höher als die traditionelle Bauweise. Eine Stahlbetondecke ist teurer als Träger mit eingelegten Steinen. Für mindestens 20.000 Menschen haben sich die billiger gebauten Häuser nun als Todesfalle erwiesen.

Verwandte Artikel