Jahrhundertflut: Sandbomben aus Hubschraubern - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Jahrhundertflut Sandbomben aus Hubschraubern

In der Region Wittenberg sind in der Nacht sieben Deiche gebrochen - mancherorts können Sandsäcke nur noch per Hubschrauber angeliefert werden. Aus der Luft werfen Soldaten ganze Container ab, um die Löcher zu stopfen. Obwohl die Pegel langsam sinken, bleibt die Lage dramatisch.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dresden - Trotz sinkenden Wasserstands der Elbe ist die Lage im Landkreis Wittenberg am Montagvormittag weiterhin kritisch. Ein Sprecher des Landkreises sagte, zu den sieben Dammbrüchen im Kreisgebiet seien in der Nacht zwar keine weiteren hinzugekommen, allerdings seien die Deiche vollkommen durchweicht.

Bitterfeld: Einsatzfahrzeug des Technischen Hilfswerkes

Bitterfeld: Einsatzfahrzeug des Technischen Hilfswerkes

Foto: DPA
Zeltlager bei Pirna: 10.000 Menschen sollen hier in den kommenden Wochen unterkommen

Zeltlager bei Pirna: 10.000 Menschen sollen hier in den kommenden Wochen unterkommen

Foto: DPA
Überflutete Straße bei Riesa

Überflutete Straße bei Riesa

Foto: AP
Hunderte Helfer stapeln bei Dessau Sandsäcke

Hunderte Helfer stapeln bei Dessau Sandsäcke

Foto: AFP
Per Helikopter werden Sandsäcke nach Bitterfeld geflogen

Per Helikopter werden Sandsäcke nach Bitterfeld geflogen

Foto: DDP
Stadtzentrum von Dresden: Der Pegel sinkt

Stadtzentrum von Dresden: Der Pegel sinkt

Foto: DPA
Die sächsische Stadt Döbeln liegt teilweise in Trümmern

Die sächsische Stadt Döbeln liegt teilweise in Trümmern

Foto: DDP
Helfer an einem Damm bei Bitterfeld

Helfer an einem Damm bei Bitterfeld

Foto: DPA
Einsatzkräfte im überfluteten Pirna

Einsatzkräfte im überfluteten Pirna

Foto: DDP


Klicken Sie einfach auf ein Bild, um zur Großansicht zu gelangen!

An den labilsten Stellen müssen die Wälle nun mit Plastikplanen abgedeckt werden, Taucher sind im Einsatz, die die Folien unter die Wasseroberfläche ziehen und am Deichfuß befestigen. Der größte Dammbruch wurde bei Prettin registriert. Dort brach der Deich auf einer Länge von 200 Metern - die Wassermassen ergossen sich durch den Ort. Am Montagmorgen sank der Pegelstand auf 6,80 Meter, aber die Lage im Kreis ist nach Angaben des Sprechers stellenweise sehr kritisch.

Insgesamt seien 38 Ortschaften im Landkreis von Überschwemmung akut bedroht, sagte der Sprecher. 40.000 Menschen seien aufgefordert worden, ihre Wohnungen zu räumen. Über den Deichbrüchen werfen seit dem Morgen Soldaten der Bundeswehr aus Hubschraubern Sandcontainer und sogar Eisenbahnschwellen ab.

Bei Torgau wurde in der Nacht von Einsatzkräften der Bundeswehr, des Technischen Hilfswerks und zahlreichen freiwilligen Helfer ein vier Kilometer langen Damm gebaut. Der Wasserstand der Elbe ging dort weiter zurück und hatte am Montagmorgen die Pegelmarke von 8,89 Meter erreicht. Katastrophenschutzalarm war beim Pegelstand von 7,80 Meter ausgerufen worden. 2400 Kräfte der Bundeswehr, des Bundesgrenzschutzes, der Feuerwehr und des Technischen Hilfswerkes sind im Einsatz, um die Dämme zu sichern, sagte der Leiter des Katastrophenschutzstabes, Robert Schöpp.




In Bitterfeld hatten die Behörden nach einem weiteren Dammbruch am Tagebausee Goitzsche die Zwangsräumung von Teilen der Stadt angeordnet. Fünf Stadtteile Bitterfelds standen unter Wasser. Die Innenstadt blieb zunächst verschont, auch der Chemiepark war nicht bedroht. Die Lage war nach Angaben des Krisenstabes in der Nacht zu Montag stabil.

Dammbrüche in Bitterfeld

Im Norden Sachsen-Anhalts war die Lage angespannt. Allerdings wurde in Magdeburg der Scheitelpunkt des Elbehochwassers erst für Mittwoch und damit später als ursprünglich befürchtet erwartet. Der Fluss könnte eine Wasserhöhe zwischen 6,80 Meter und 7,00 Meter erreichen, sagte eine Sprecherin der Feuerwehr. 7,25 Meter gelten in der Landeshauptstadt als kritischer Wert. Dann erreicht das Wasser die natürliche Deichkrone.

Im südbrandenburgischen Mühlberg stieg Montag früh die Hoffnung weiter, von einer Überflutung durch die Elbe verschont zu bleiben. Der Pegelstand fiel innerhalb von acht Stunden bis 2 Uhr um 24 Zentimeter auf 9,53 Meter. Am Samstag hatte das Hochwasser die seinerzeit zehn Meter hohe Deichkrone des evakuierten Ortes erreicht. Entspannung gibt es nach Ansicht von Experten jedoch erst, wenn der Pegelstand unter neun Meter sinkt. Von den bisherigen Evakuierungen waren bis Sonntagabend in Mühlberg und anderen Orten der Region mindestens 5780 Personen betroffen.

Auch elbeabwärts in Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein rüsten sich die Menschen für die heranrollende Flutwelle. Im niedersächsischen Schnackenburg wird am Montagnachmittag mit der ersten Flutwelle gerechnet, die kritische zweite wird für Mitte bis Ende der Woche erwartet. Für die Elbmündung prognostiziert der Wetterdienst Meteomedia das Hochwasser erst für das Wochenende.

Zur Beseitigung der Hochwasserschäden in Deutschland wird die EU bis zu fünf Milliarden Euro beisteuern. Diese Zahl nannte EU- Kommissionspräsident Romano Prodi am Sonntag bei einem Gipfeltreffen mit Bundeskanzler Gerhard Schröder und den Regierungschefs der ebenfalls von der Flut betroffenen Länder Österreich, Tschechien und Slowakei in Berlin.

Die von der EU in Aussicht gestellten Mittel müssen aus dem Strukturfonds für Deutschland umgeschichtet werden. Sie sind an weitere Hilfszusagen des Bundes gebunden. Über deren Höhe will das Bundeskabinett an diesem Montag beraten. Im Anschluss will Schröder die genaue Höhe bekannt geben.