Mauerbau in Berlin "Die offene Wunde schließen"
Die Stimmung auf der Gartenparty von Walter Ulbricht war prächtig. Die Augustsonne strahlte vom Himmel, und nach dem Kaffee schlenderten die Funktionäre über die Wiese hinter dem Haus zu den Birken am Großen Döllnsee. Partei- und Staatschef Ulbricht hatte eigens den sowjetischen Lustspielfilm "Rette sich, wer kann!" besorgen lassen; seine Gäste sollten sich nicht langweilen. Doch die DDR-Minister, Staatssekretäre und Vorsitzenden der Blockparteien plauderten lieber. Nur wenige hatten bei der Anfahrt die Panzer und Soldaten in den Wäldern gesehen.
Die Gäste wussten, dass Ulbricht die Wochenenden oft in dem mehrstöckigen Ferienhaus mit dem Walmdach verbrachte; Hitlers Protegé Hermann Göring hatte das Gebäude einst für seinen Leibjäger nördlich von Berlin errichten lassen. Etwas merkwürdig mutete die Besucher allerdings Ulbrichts betonte Heiterkeit an. Der asketische, arbeitswütige Sachse, der jeden Morgen um sechs Uhr Frühsport trieb und gern Rohkost mit Eiern aß, dozierte auch nach Feierabend am liebsten über den Aufbau des Sozialismus. Doch an diesem Nachmittag scherzte der Diktator mit der Fistelstimme so charmant, als sei er auf einer Feier zum internationalen Frauentag.
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Volkskammerpräsident Johannes Dieckmann von der pseudoliberalen Blockpartei LDPD wurde schließlich unruhig und wandte sich an den groß gewachsenen Alfred Neumann, den damaligen Kronprinzen Ulbrichts: "Sagen Sie einmal, Neumann, warum sind wir heute am Döllnsee?" Neumann, langjähriger Vertrauensmann des sowjetischen militärischen Geheimdienstes GRU, log: "Ich habe keine Ahnung."
"Paradies der Menschenhändler"
Es war gegen 22 Uhr; das Geschirr vom Abendbrot war bereits abgedeckt, als Ulbricht seine Gäste plötzlich in einen Nebenraum bat: "Wir machen jetzt noch eine kleine Sitzung."
Ulbricht war der mächtigste Kommunist, den Deutschland je hervorbrachte; er hatte Lenin noch persönlich erlebt und mit Stalin verkehrt. Nun wollte er, dass der Ministerrat, die offizielle, aber machtlose Regierung der DDR, sein streng geheimes Vorhaben absegnete: den Bau der Berliner Mauer.
Eine Diskussion war nicht vorgesehen: "Ich lasse sie nicht weg, bis die Aktion beendet ist", hatte Ulbricht tags zuvor dem sowjetischen Botschafter Michail Perwuchin angekündigt, "sicher ist sicher."
Seit Jahren ließ Ulbricht die deutsch-deutsche Grenze zwischen Ostsee und Bayerischem Wald mit Stacheldraht ausbauen und ab 1960 auch Stockminen verlegen. Grenzpolizisten durften auf Flüchtlinge notfalls ohne Warnschuss feuern. Trotzdem flohen die Ostdeutschen zu Hunderttausenden in den Westen die meisten über Berlin.
An den Grenzübergängen zwischen Ost-Berlin und den Westsektoren, etwa am Potsdamer Platz oder an der Bernauer Straße, kontrollierten die Posten nur sporadisch; mit einer S-Bahn-Karte für 20 Pfennig konnten Fluchtwillige wie der spätere Außenminister Hans-Dietrich Genscher einfach in den Westteil der Stadt fahren und von dort in die Bundesrepublik ausfliegen. West-Berlin, schimpfte Ulbricht, sei "ein Paradies der Menschenhändler, Spione, Diversanten, eine Eiterbeule, die junge Menschen systematisch durch Filme verseucht, die Mord und andere Schwerverbrechen lehren".
Seinen Gästen am Döllnsee verkündete Ulbricht, dass in einigen Stunden, am 13. August 1961 um 1 Uhr morgens, die Operation "Rose", wie die Stasi es nannte, beginnen werde: die Abriegelung West-Berlins. "Alle einverstanden?", fragte der SED-Chef rhetorisch in die Runde. Ulbrichts Gäste schwiegen und nickten.
"Ich weiß, wie man mich dafür hasst"
10.680 Tage, bis zum 9. November 1989, sorgte die Berliner Mauer dafür, dass die Menschen in Ostdeutschland dem real existierenden Sozialismus der SED nicht entkommen konnten. Die Mauer rettete die Existenz der DDR. "Wir mussten die offene Wunde West-Berlin schließen", rechtfertigte sich Ulbricht in vertrauter Runde, "ich weiß, wie man mich dafür hasst, aber ich musste das auf mich nehmen, für den Sozialismus."
165,7 Kilometer Betonmauer und Metallgitterzaun, bewehrt mit Wachtürmen, Panzersperren und Hundelaufanlagen, trennten schließlich die Berliner und damit alle Deutschen. Die Mauer riss Geschwister, Liebende und Freunde auseinander. An der extra eingerichteten Kontrollhalle neben dem Ost-Berliner Bahnhof Friedrichstraße, über den West-Berliner und Westdeutsche zum Besuch ein- und ausreisen durften, spielten sich Tag für Tag ergreifende Szene ab. Die Berliner tauften das gläserne Gebäude "Tränenpalast".
Im Westen wurde die Berliner Mauer zur grausigen Weltsensation, die Touristen anzog wie das Charlottenburger Schloss oder der Wannsee. Nie zuvor hatte eine Regierung ihr Volk einfach eingesperrt, um es einem gesellschaftspolitischen Experiment zu unterziehen. Von hohen Holzplattformen aus schauten die Besucher über den Stacheldraht hinweg "nach drüben", argwöhnisch beobachtet von den Grenzern mit dem Schießbefehl. Die Berliner Mauer Symbol politischen Staatsbankrotts.
Die Fotos, die vom Westen an der Mauer aufgenommen wurden, diskreditierten die SED für immer: Der Maurer Peter Fechter verblutet im Todesstreifen, nachdem Grenzer den Fliehenden angeschossen haben; eine Frau stürzt sich in der Bernauer Straße aus dem Fenster in das Sprungtuch der Feuerwehr. Das Haus steht im Osten, der Bürgersteig gehört zum Westen. Mit Taschentüchern winken tränenüberströmte Berliner in Ost und West einander zu, während Bauarbeiter die Mauer immer höher ziehen.
Im Osten brachte das mörderische Bollwerk eine ganze Generation um die Wahl zwischen Bundesrepublik und DDR. Mindestens 230 Menschen kamen bei dem Versuch ums Leben, die Berliner Mauer zu überwinden; wie viele insgesamt starben, weil sie die DDR verlassen wollten, ist bis heute ungeklärt. Die Experten Bernd Eisenfeld und Roger Engelmann rechnen mit etwa 950 Toten. Sie ertranken in der Ostsee oder im Schwarzen Meer, traten auf Minen oder wurden von Selbstschussanlagen getötet. Das letzte Opfer, Frank M., der über das schon freie Polen flüchten wollte, wurde Anfang November 1989 aus der Oder gezogen.
KLAUS WIEGREFE
Am Donnerstag in Teil zwei: Der Mann hinter dem Bollwerk - Wer gab den Anstoß zum Mauerbau?