Mauerbau in Berlin: Planen für den "X-Tag" - DER SPIEGEL
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Mauerbau in Berlin Planen für den "X-Tag"

Nach dem "Ja" aus Moskau begann die DDR-Führung im Juli 1961, unter strenger Geheimhaltung die Grenzschließung vorzubereiten. Dennoch wussten westliche Nachrichtendienste Bescheid. Teil vier der SPIEGEL-ONLINE-Serie über den Mauerbau.
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25. Juli 1961

Für die fluchtwilligen Ostdeutschen lief die Zeit nun ab. Am 25. Juli, das belegt ein bislang unbekannter Vermerk, befahl Generalleutnant Grigorij Ariko, Stabschef der sowjetischen Streitkräfte in der DDR, dass "die Gruppe der sowjetischen Streitkräfte in Zusammenarbeit mit dem Ministerium des Innern einen Plan zur Sicherung der Sektorengrenzen erarbeitet". Polizisten und Betriebskampfgruppen sollten die Grenzübergänge sperren, die Nationale Volksarmee (NVA) dahinter sollte größere Durchbrüche verhindern. Divisionen der 20. sowjetischen Gardearmee sollten die Amerikaner von einem Eingreifen abhalten.

Besonders raffiniert: Agitatoren der SED hatten sich an der Grenze unter Schaulustige zu mischen und kleine Debatten zu provozieren. Der Deutsche, erläuterte der sowjetische Diplomat Julij Kwizinski später das Kalkül, sei "bekanntlich nicht abgeneigt, über alles Mögliche zu diskutieren". Die vielen kleinen Diskussionsrunden sollten die Ostdeutschen von Großdemonstrationen abhalten.

Spätestens am Dienstag, dem 8. August, so Ariko, hätten die Pläne fertig zu sein. Walter Ulbricht wollte unbedingt an einem Sonntag losschlagen. Der SED-Chef rechnete damit, dass bei Sommerwetter die Berliner ins Grüne führen; ein Protest würde geringer ausfallen. Der folgende Sonntag war der 13. August 1961.

Der kräftige Oberstleutnant Horst Skerra, der einst als Zuschläger im Braunkohlebergbau gearbeitet hatte, wurde Ende Juli zu seinem Vorgesetzten gerufen. Er solle sich sofort mit einigen Offizieren in das Schloss Wilkendorf bei Strausberg begeben. Als die Truppe im Autobus ankam, fiel den Offizieren auf, wie stark das Gebäude bewacht war. Fast alle Fernmeldeverbindungen wurden sofort gekappt. Niemand sollte ohne Erlaubnis telefonieren können. Dann machten sich die Soldaten ans Werk. "Wir haben damals für den X-Tag" geplant, erinnert sich Skerra heute. "Das Datum war uns nicht bekannt."

4. August 1961

Skerra war der Einzige aus der Gruppe, der am 1. August mit zu Nikita Chruschtschow nach Moskau fliegen durfte. Ulbricht und Chruschtschow wollten dort die osteuropäischen Verbündeten auf Linie bringen.

Insgeheim hoffte Ulbricht wohl noch, Zugriff auf den Verkehr zwischen West-Berlin und der Bundesrepublik zu bekommen. Doch der Kreml-Chef raubte dem Deutschen gleich bei der Begrüßung alle Hoffnungen. Mit der Abriegelung der Grenze sei er einverstanden, "aber keinen Millimeter weiter".

Über die geplante Grenzabriegelung wurde auch unter den Genossen nur unter größter Geheimhaltung gesprochen. Ulbricht ließ wohl deshalb die Passage seiner Rede am 4. August, in der eine Sperrung der Grenze erwähnt wurde, hinterher aus dem offiziellen Protokoll entfernen, das erst kürzlich in Moskau gefunden wurde.

Seine Delegation hielt Ulbricht streng unter Kontrolle. "Wir kamen nie zusammen", erzählt Ulbrichts Dolmetscher Werner Eberlein, "nur jeweils einzeln ging man zu Ulbricht ins Zimmer und verständigte sich mit ihm, so dass Ulbricht der Einzige war, der den Gesamtüberblick besaß."

Besonders misstrauisch waren Deutsche und Sowjets gegenüber den Polen und den Ungarn. Dabei sprudelten viele Informationen aus der SED. Etwa 60 ostdeutsche Funktionäre und Militärs, schätzt der Historiker Armin Wagner vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam, waren eingeweiht.

6. August 1961

Am 6. August bekam die CIA von einem Arzt aus der Umgebung Berlins einen Tipp. Der SED-Mann hatte in einem Parteiausschuss davon gehört, dass "drastische Maßnahmen" zur Abriegelung West-Berlins am nächsten Wochenende vorgesehen seien. Mehrere sowjetische und ostdeutsche Divisionen sollten eingesetzt werden. Auch amerikanische Diplomaten wiesen früh auf die geplante Schließung der Grenzen hin.

Die Franzosen erfuhren von ihrem besten Agenten in Ost-Berlin, einem Zahnarzt, dass die DDR einen großen Schlag gegen West-Berlin plane. Der Mediziner hatte es von seinen Patienten aus der SED-Prominenz erfahren. "Sie wollen Absperrungen mitten durch Berlin bauen", unterrichtete er seinen französischen Führungsoffizier.

Der Bundesnachrichtendienst (BND) war ebenfalls informiert. Das belegen bislang unbekannte interne Recherchen, die der Dienst in den achtziger Jahren für sich anstellte. Mitte Juli sagte eine Quelle des BND voraus: "Die Fluchtbewegung innerhalb der SBZ-Bevölkerung wird die SED in Kürze zu rigorosen Maßnahmen veranlassen ..." Einige Tage später erfuhr der BND, dass ein "SED-Spitzenfunktionär" von Plänen zur Abriegelung West-Berlins berichtet hatte. Diese lägen "seit langem ausgearbeitet vor". Für die Ausführung dieser Pläne gäben die Sowjets "jedoch keine Erlaubnis".

Der BND-Auswerter notierte: "Es kann durchaus damit gerechnet werden, dass sich die SED-Führung intensiv darum bemüht, die Einwilligung Moskaus für das Inkraftsetzen wirksamer Sperrmaßnahmen zu erwirken."

Nach dem Treffen Ulbrichts und Chruschtschows in Moskau herrschte zunächst Unsicherheit in Pullach. Im Wochenbericht 32 vom 9. August hieß es: "Vorliegende Meldungen zeigen, dass das Pankower Regime sich darum bemüht, die Einwilligung Moskaus für die Inkraftsetzung durchgreifend wirksamer Sperrmaßnahmen ­ wozu insbesondere eine Abriegelung der Berliner Sektorengrenze und die Unterbrechung des S- und U-Bahn-Verkehrs in Berlin gehören würde ­ zu erhalten ... Es bleibt abzuwarten, ob und wie weit Ulbricht ... in Moskau ... mit entsprechenden Forderungen durchzudringen vermochte."

12. August 1961

Den wohl größten Coup konnte der BND am Samstag, 12. August, vermelden. Aus Ost-Berlin ging folgende Information ein:

Am 11.8.1961 hat eine Konferenz der Parteisekretäre der parteigebundenen Verlage und anderer Parteifunktionäre beim ZK der SED stattgefunden. Hier wurde u. a. erklärt:

1. Jetzt könne nur der harte Weg beschritten werden. Man rechne mit den "üblichen Protesten" von Seiten des Westens und eventuellen wirtschaftlichen Sanktionen, gegen die man aber die notwendigen Gegenmaßnahmen ergriffen habe. Man rechne außerdem stark mit dem passiven Widerstand der Bevölkerung in der SBZ und vor allem in Ost-Berlin. Dagegen würden Verordnungen erlassen werden, diesen Widerstand mit allen Mitteln zu brechen.

2. Die Lage des ständig steigenden Flüchtlingsstroms mache es erforderlich, die Abriegelung des Ostsektors von Berlin und der SBZ in den nächsten Tagen ­ ein genauer Tag wurde nicht angegeben ­ durchzuführen und nicht, wie eigentlich geplant, erst in 14 Tagen.

Berlins Regierender Bürgermeister Willy Brandt sprach am Samstagnachmittag auf einer Wahlkampfveranstaltung in Nürnberg. Seine prophetischen Sätze klangen, als habe er zuvor mit Pullach telefoniert. Die Menschen würden aus der DDR flüchten, rief er mit seiner heiseren Stimme, "weil sie Angst haben, dass die Maschen des Eisernen Vorhangs zementiert werden. Weil sie fürchten, in einem gigantischen Gefängnis eingeschlossen zu werden".

12. August 1961, ab 20 Uhr

Mauer-Organisator Erich Honecker saß am Samstagabend an seinem Schreibtisch im zweiten Stock des Berliner Polizeipräsidiums nahe dem Alexanderplatz.

Durch das riesige Gebäude wuselten Funktionäre und Uniformträger, als ginge es um die Organisation der Weltjugendfestspiele. Schon seit 20 Uhr wurden die Offiziere der Volkspolizei, abgestuft nach Rang, im Stundenrhythmus eingewiesen; aus den Nebenräumen telefonierten Hans Modrow, der heutige Ehrenvorsitzende der PDS, und andere SED-Funktionäre die Betriebskampfgruppen zusammen. Verteidigungsminister Heinz Hoffmann bereitete im Hauptquartier der NVA in Strausberg die Kommandeure vor. Gegen Mitternacht rief Honecker an: "Die Aufgabe kennst du! Marschiert!" Die X-Zeit war der 13. August 1961, ein Uhr morgens.

13. August, ab 1 Uhr

Die Operation begann pünktlich. An der Grenze gingen die Lichter aus. Militärlaster karrten Truppen und Stacheldraht herbei. Polizisten sprangen mit ihren Maschinenpistolen von den Ladeflächen. Am Brandenburger Tor tauchten Suchscheinwerfer das Gelände in kaltes, bläuliches Licht; mit Presslufthämmern rissen schweißüberströmte Soldaten das Pflaster auf.

Der 19-jährige Unteroffizier Conrad Schumann wurde in seiner NVA-Kaserne in Zepernick von einem Kameraden geweckt: "Los Mann, wir müssen an die Grenze!" Ein Offizier teilte den jungen Männern am Brandenburger Tor mit, sie müssten die Grenze unter Kontrolle bringen, um sie "gegen die Feinde des Sozialismus" zu schützen. Schumann später: "Wir standen rum und guckten zuerst ziemlich dämlich. Keiner hatte uns gesagt, wie man so was macht: eine Grenze unter Kontrolle bringen." Schumann floh zwei Tage später mit einem Sprung über den Stacheldraht in den Westen.

Alle zwei Meter zog ein Posten auf; Betriebskampfgruppen postierten Spanische Reiter auf den Straßen, legten Betonschwellen und montierten Straßensperren. 30 Minuten hatte Honecker dafür vorgesehen, 68 der insgesamt 81 Übergänge nach West-Berlin zu schließen; in weiteren drei Stunden sollten Polizisten und Militärs die Übergänge ordentlich ­ "pioniertechnisch" ­ verrammeln.

Es war eine gigantische Operation: 193 Haupt- und Nebenstraßen mussten abgeriegelt werden, 12 U- und S-Bahn-Linien und 48 S-Bahnhöfe wurden gesperrt. Vopos hatten den Befehl, "die Einstiegsschächte des Kanalisationssystems ständig durch Streifen zu sichern".

Um 3.25 Uhr unterbrach der Sender Rias Berlin sein Programm, in dem gerade "Machen wir's den Schwalben nach" lief. Ein Sprecher verkündete: "Starke Kräfte der Volkspolizei haben heute Nacht die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin gesperrt."

Auf dem Bahnhof Friedrichstraße herrschte um kurz nach 5 Uhr Chaos. Die Reisezüge aus dem Westen hielten nur noch auf dem Bahnsteig A, der für Ostdeutsche nicht mehr zugänglich war. "Auf den Bahnsteigen stehen Hunderte von Menschen, die nach W(est-)B(erlin) wollen", notierte die Volkspolizei. Schreiend, manchmal in Tränen, erzählte der Journalist Peter Wyden, hätten die Menschen versucht, "den Bahnsteig der S-Bahn zu stürmen, ohne zu wissen, dass der Verkehr in den Westen unterbrochen war".

Die Volkspolizei hat in jener Nacht und den darauf folgenden Tagen im Abstand von beinahe fünf Minuten Berichte aus verschiedenen Stadtteilen Berlins notiert, die derzeit teilweise auch im Internet  zu lesen sind. Hinter den Meldungen verbirgt sich das Drama der Millionenmetropole:

  • 9.20 Uhr: "In der Kremmener Straße versuchen Bürger, die Haustüren einzuschlagen, um in die Bernauer Straße zu gelangen."
  • 10.45 Uhr: "Information Mitte: Am Übergang Köpenicker Str. haben sich auf beiden Seiten ca. je 100 Personen angesammelt, die unsere Posten provozieren. Sie versuchen die Sperre zu durchbrechen."
  • 11.20 Uhr: "Information Treptow: Am Flutgraben, Nähe Lohmühlenstr., hat sich ein junges Mädchen gegen 10.00 Uhr bis auf die Unterwäsche entkleidet, ist in den Flutgraben gesprungen und nach WB geschwommen. Sie wurde von der dortigen Menschenmenge ,empfangen'."
  • 11.30 Uhr: "Kontrollpunkt Sonnenallee: Ca. 1500 Personen, die erkennen lassen, dass sie nach West-Berlin wollen ... Zwei Hundertschaften der Kampfgruppen eingesetzt."
  • 16.05 Uhr: "Ca. 300 Jugendliche haben die Drahtsperren in der Wolliner Straße durchbrochen. 7. Bataillon der Kampfgruppen wurde ... in Marsch gesetzt."
  • 17.50 Uhr: "Information Treptow: Vom demokr. Berlin aus schwimmen Jugendliche im Landwehrkanal von einer Seite zur anderen und benutzen teilweise Luftmatratzen."
  • 18.10 Uhr: "Transportpolizei Berlin: Durch den Stellwerker auf dem Bahngelände Eberswalder Str. wurde bekannt, dass Bürger aus dem demokr. Berlin die Trennmauer zwischen Eberswalder Str. und Bahngelände überstiegen und damit illegal das demokr. Berlin verließen."

Die meisten Ost-Berliner wurden von der Grenzschließung überrascht, wie die Vopos stolz vermerkten. Zwar registrierten die Polizisten in fast allen Stadtbezirken große Unzufriedenheit, doch ein Aufstand, wie ihn die SED befürchtet hatte, blieb aus. Wer aufbegehrte, wurde in Schnellverfahren abgeurteilt.

KLAUS WIEGREFE

Am Sonntag in Teil fünf: Straßensperren und Stacheldraht - Warum der Westen beim Mauerbau tatenlos zusah

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