Mauerbau in Berlin: "Wir wollen keinen Krieg" - DER SPIEGEL
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Mauerbau in Berlin "Wir wollen keinen Krieg"

Im Juni 1961 rückt Berlin in den Mittelpunkt einer Machtprobe zwischen Kennedy und Chruschtschow. Für Ulbricht, der sich "im Schützengraben" wähnt, steht die Lösung des Konfliktes bereits fest. Teil drei der SPIEGEL-ONLINE-Serie über den Mauerbau.
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17. Oktober 1960

Am 17. Oktober 1960 berichtete die sowjetische Botschaft in Berlin, dass "unsere Freunde" über eine "Schließung der Sektorengrenze" diskutierten. Nikita Chruschtschow stellte eine Woche später grundsätzlich klar: Walter Ulbricht möge bitte "keine Maßnahmen durchführen, die die Lage an der Grenze zu West-Berlin verändern". In den USA standen Wahlen an. Chruschtschow wollte abwarten, wie sich das Verhältnis zu dem neuen Präsidenten entwickelte.

Für Ulbricht war schon Anfang 1961 die Schließung der Grenze nur noch eine Terminfrage, wie der damalige Kulturfunktionär Hans Bentzien nach der Wende berichtete. Der junge Greifswalder (Wahlspruch: "Die Kultur soll bliehen, darum wählt Bentzien") begann am 23. Februar 1961 seinen Dienst als Kulturminister in dem umgebauten Barockpalais am Berliner Molkenmarkt. Noch am selben Nachmittag musste der gelernte Lehrer mit den buschigen Augenbrauen zu Ulbricht kommen. Bentzien dachte, er würde eine Einweisung in sein Amt erhalten, stattdessen nahm er an einer Plansitzung zur Abriegelung der Grenze teil.

Chefplaner Bruno Leuschner jammerte, es gebe nicht genug Stacheldraht. Verkehrsminister Erwin Kramer, der schon im Spanischen Bürgerkrieg gekämpft hatte, legte Entwürfe für die Fahrpläne der geteilten Stadt vor. Ulbricht sprach das Schlusswort: "Der Termin ist abhängig vom Ergebnis eines Treffens zwischen Genossen Chruschtschow und Kennedy."

29. März 1961

Was danach im sowjetischen Imperium geschah, erzählte Jahre später der tschechoslowakische General Jan Šejna, der in den Westen floh. Am 29. März um 9 Uhr trafen sich Chruschtschow und Ulbricht mit den osteuropäischen Parteiführern im Kreml.

Šejna zufolge zog Ulbricht richtig vom Leder: Die Monopolkapitalisten würden skrupellos die besten Produktivkräfte abwerben. Auf die Frage der Genossen, was man dagegen tun könne, soll Ulbricht "eine rigorose Abschnürung West-Berlins" gefordert haben, "mit Posten unserer Grenzorgane, mit Barrieren, vielleicht auch mit Stacheldrahtzäunen".

Die osteuropäischen Alliierten waren laut Šejna entsetzt. Die einen fürchteten Krieg mit dem Westen, die anderen sorgten sich um das Ansehen des sozialistischen Lagers, wenn mitten durch die Stadt ein Stacheldrahtzaun verliefe. Chruschtschow hat angeblich am Abend abstimmen lassen: 5: 1 gegen Ulbricht, Chruschtschow soll sich enthalten haben.

Ulbrichts Dolmetscher Werner Eberlein ist einer der letzten Überlebenden des Ostblockgipfels. Er erinnert sich noch mit Schaudern an die Unterkunft der DDR-Delegation auf den Leninbergen in Moskau. Das Grundstück war von einer meterhohen Mauer umgeben. Trat man aus dem Haus, so Eberlein, "sah man immer nur diese Mauer".

An einen Vorstoß seines Chefs zur Abgrenzung West-Berlins kann Eberlein sich nicht erinnern; das Redeprotokoll Ulbrichts, das inzwischen im Berliner Bundesarchiv liegt, stützt seine Version. Von Stacheldraht ist dort keine Rede, Ulbricht jammerte nur über das "große Loch inmitten unserer Republik"; gemeint war West-Berlin.

19. Mai 1961

Am 19. Mai meldete der sowjetische Botschafter Michail Perwuchin nach Moskau: "Die Freunde möchten jetzt jene Kontrolle über die Grenze zwischen dem demokratischen Berlin und West-Berlin etablieren, die es ihnen, wie sie sagen, ermöglichen würde, das 'Tor zum Westen' zu schließen, die Republikflucht der Bevölkerung einzudämmen und den Einfluss der Wirtschaftsverschwörung gegen die DDR ... zu schwächen." Außenminister Andrej Gromyko gab den Bericht an das Archiv des sowjetischen Außenministeriums weiter, wo ihn die Historikerin Hope Harrison fand.

3. Juni 1961

Kreml-Chef Chruschtschow war ein impulsiver Mann. In einer Sitzung der Uno-Vollversammlung trommelte er aus Protest mit seinem Schuh auf den Tisch vor sich. Bei einem DDR-Aufenthalt versuchte er, auf der Herrentoilette den Wasserhahn abzuschrauben; er wollte ein ähnliches Modell in der Sowjetunion fertigen lassen.

Als er Präsident John F. Kennedy am 3. Juni 1961 in dem in Grau und Rot gehaltenen Musikzimmer der amerikanischen Botschaft in Wien traf, lief er sogleich "Amok", wie Kennedy nach dem Treffen erzählte. Der intellektuelle Kennedy, der sich als Student in Harvard mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges beschäftigt hatte, wollte eines verhindern: einen "Krieg aus Versehen", insbesondere einen nuklearen.

Chruschtschow stellte am nächsten Tag seinem Gegenüber ein neues Berlin-Ultimatum. Kennedy: "Ich möchte fragen, ob Ihre Worte bedeuten, dass unser Zugang nach West-Berlin gesperrt wird?" "Sie haben richtig verstanden, Herr Präsident", antwortete Chruschtschow. Dann, so Kennedy, "werden wir uns von Angesicht zu Angesicht gegenüberstehen". Chruschtschow: "Wir wollen keinen Krieg, wenn Sie ihn uns aber aufzwingen, wird es einen geben." Kennedy: "Es scheint einen kalten Winter zu geben in diesem Jahr."

Am Abend vergnügte sich Chruschtschow auf einem Empfang. Er tanzte, sang und spielte Schlagzeug. "Ist das immer so?", fragte Kennedy verstört seinen Moskauer Botschafter. Antwort: "Mehr oder minder."

In Wien gewann der junge US-Präsident den Eindruck, Chruschtschow unterschätze ihn. "Solange der glaubt, ich habe keine Erfahrung und kein Rückgrat, werden wir mit ihm kein Stück weiterkommen", erklärte Kennedy einem Journalisten. Ende Juli verkündete er ein gigantisches Aufrüstungsprogramm. West-Berlin war für Chruschtschow nur noch durch einen Krieg zu haben, den er nicht wollte. Für das Abdichten des Fluchtlochs mussten er und Ulbricht sich eine andere Lösung einfallen lassen.

Noch im Juni 1961 lud der SED-Chef Botschafter Perwuchin zum Essen an den Döllnsee ein. Ulbricht prophezeite an jenem Tag "den Zusammenbruch" der DDR, wenn die Grenze offen bliebe. In Moskau, aber auch in Ost-Berlin entwarfen Diplomaten und Funktionäre damals immer neue Vorschläge, wie sich der Flüchtlingsstrom stoppen ließe. Könnte man nicht eine Absperrung um ganz Berlin errichten, so dass Fluchtwillige gar nicht erst nach Ost-Berlin gelangen konnten? Unmöglich, lautete das Gegenargument, die stark zentralisierte DDR sei schließlich ganz auf die Hauptstadt Ost-Berlin ausgerichtet.

Ulbrichts Forderung umfangreicher Wirtschaftshilfen aus dem Ostblock, um die DDR aufzupäppeln, lehnten die osteuropäischen Bruderstaaten ab; den Ostdeutschen ging es schon besser als allen anderen. Vergebens bat Ulbricht um sowjetische Arbeitskräfte als Ersatz für die Flüchtlinge. Chruschtschow gab zu bedenken, wie sich ein Proletarier aus dem Vaterland aller Werktätigen dabei wohl fühlen würde: "Er hat den Krieg gewonnen, und nun muss er eure Toiletten putzen. Wir können das nicht machen."

Viele Flüchtlinge, das wusste Ulbricht, flohen aus politischen, nicht aus wirtschaftlichen Gründen. Die nahe liegende Schlussfolgerung eines sanften Sozialismus mochte Ulbricht nicht ziehen. "Der da hinten kann sich alles leisten", lästerte er über Tauwetter-Experimente Chruschtschows, "ich aber sitze im Schützengraben. Welcher Soldat im Schützengraben zündet sich eine Zigarette an?"

Am 4. Juli schrieb Botschafter Perwuchin an Außenminister Gromyko, es gebe nur zwei Möglichkeiten: Entweder schließe man die Sektorengrenze, oder die DDR müsse den Zugriff auf den gesamten Verkehr zwischen West-Berlin und der Bundesrepublik bekommen, insbesondere auf den Flugverkehr. Die Maschinen von Pan-Am, British European Airways und Air France flogen damals durch drei alliierte Korridore von den Flughäfen Tempelhof und Tegel aus. Perwuchin wollte die West-Berliner zwingen, nur noch DDR-Flughäfen zu nutzen oder ostdeutschen Grenzpolizisten das Recht einräumen, in Tegel und Tempelhof die Reisenden zu kontrollieren. DDR-Flüchtlinge hätten West-Berlin nicht mehr verlassen können.

6. Juli 1961

An den 6. Juli erinnert sich Sowjetdiplomat Julij Kwizinski genau. Perwuchin rief ihn zu sich: "Wir haben ein Ja aus Moskau!" Kwizinski bekam den Auftrag, Ulbricht sofort ausfindig zu machen; er fand ihn in der Volkskammer.

Mit einer dunklen Sil-Limousine rasten die beiden Diplomaten in die nahe Luisenstraße. Er habe eine Nachricht von Chruschtschow, erklärte Perwuchin dem SED-Chef, die Grenze dürfe geschlossen werden. Ulbricht, so Kwizinski, "nickte mit dem Kopf und bat, Chruschtschow seinen Dank zu übermitteln".

Ulbricht und Perwuchin mochten sich nicht, heimlich sammelte der Deutsche Material gegen den Wirtschaftsexperten, der einst unter Stalin als Hoffnungsträger gegolten hatte. Doch jetzt hielten sie zusammen. "Wenn etwas schief geht", warnte Perwuchin, "reißt man uns beiden den Kopf ab."

Die Koordination der Vorbereitungen übertrug Ulbricht dem jungen Sekretär für Sicherheitsfragen Erich Honecker. Der gebürtige Saarländer hatte das besondere Vertrauen des SED-Oberen. Honecker hatte zu ihm gehalten, als das Politbüro Ulbricht während des Aufstands vom 17. Juni 1953 absetzen wollte.

Honecker musste sich eng mit den Sowjets abstimmen. Kwizinski übersetzte die Berichte, in denen die deutschen Genossen über die Trennung der U-Bahn oder der Stromversorgung berichteten. Anschließend schickte Kwizinski die Dokumente mit dem Kurier nach Moskau. Funken kam nicht in Frage; das Geheimnis der Grenzabriegelung sollte gewahrt bleiben.

Ein großes Problem war der Mangel an Stacheldraht. Über 100 Tonnen karrten Lastwagen von der innerdeutschen Grenze zunächst quer durch die ostdeutsche Republik, um die westlichen Geheimdienste zu täuschen, ehe sie ihre Fracht im Umland Berlins deponierten. Nach einer Aktennotiz aus der Abteilung Honeckers im Bundesarchiv fehlten allerdings kurz vor dem Mauerbau 300 Tonnen. Woher diese dann kamen, ist ungeklärt.

Dolmetscher Eberlein erinnert sich, dass die Metalldornen grundsätzlich über Rumänien importiert wurden; Diplomat Kwizinski meint, 1961 seien die Rollen mit dem stählernden Flechtwerk von der deutsch-polnischen Grenze angekarrt worden. Die westdeutsche "Fachvereinigung Draht" beteuerte nach dem Mauerbau, die Unternehmen ihres Verbandes hätten nicht geliefert.

KLAUS WIEGREFE

Am Samstag in Teil vier: Planen für den "X-Tag" - Wie die DDR-Führung die Grenzschließung vorbereitete

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