US-Vizepräsident: Risikofaktor Cheney - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

US-Vizepräsident Risikofaktor Cheney

Einst war US-Vizepräsident Dick Cheney als heimlicher Herrscher im Weißen Haus gefürchtet, inzwischen ist sein Image von zahlreichen Skandalen stark ramponiert. Obwohl er als schwere Hypothek für den Wahlkampf gilt, braucht ihn George W. Bush. Nun kündigte Cheney seine erneute Kandidatur an.
Von Lars Langenau
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Hamburg - Der Präsident habe ihn gefragt und er habe zugesagt, sagte Cheney gestern Abend in einem Interview des Nachrichtensenders CNN. Cheney entkräftete damit die Spekulation, dass Bush ihn ersetzen wolle. Ab Morgen sollen zudem die ersten Spots der Kampagne "Bush-Cheney '04" landesweit über die Fernsehbildschirme flimmern, hatte kürzlich der republikanische Wahlkampfmanager Ken Mehlman angekündigt.

Allerdings sind laut einer Umfrage des "Time Magazines" und des TV-Senders CNN 42 Prozent der Amerikaner dagegen, dass Richard ("Dick") Bruce Cheney nochmals als Vize gemeinsam mit Bush in den Wahlkampf zieht. Einer Befragung der "New York Times" und des Senders CBS zufolge haben nur noch 20 Prozent der US-Bürger eine positive Meinung von dem 63 Jahre alten Politikwissenschaftler aus Wyoming - vor vier Jahren waren es noch 64 Prozent.

Die Demokraten haben Cheney mittlerweile als Bushs Achillesferse ausgemacht. Zum einen hat Cheney ein Glaubwürdigkeitsproblem auf Grund der fehlenden Massenvernichtungswaffen im Irak, von deren Existenz er felsenfest überzeugt war und bis heute scheint: "Was wir getan haben, war gerechtfertigt."

Zum anderen rückt aber eine Zulieferfirma für die Erdölindustrie ins Zentrum, deren Name bis vor vier Jahren kaum ein US-Bürger kannte: Halliburton.

Gewinn oder Belastung?

"In einer Zeit, in der Halliburton die Regierung betrügt und dem ernsten Verdacht der Bestechung ausgesetzt ist, werden wir diese Debatte zu George Bush tragen", drohte kürzlich John Kerry, der gestern beim "Super Tuesday" in neun von zehn US-Staaten die Vorwahlen der demokratischen Präsidentschaftskandidaten für sich entscheiden konnte.

Kerry und andere Demokraten zerren immer stärker Cheneys Vergangenheit als Vorstandschef des texanischen Ölkonzerns von 1995 bis 2000 an die Öffentlichkeit.

Die Anschuldigungen fallen auf fruchtbaren Boden: Denn immer neue Vorwürfe tauchen im Zusammenhang mit Cheneys ehemaliger Firma auf, die mittlerweile zum Sinnbild der Vetternwirtschaft, der Korruption und des Missmanagements geworden ist. "Ist Cheney ein Gewinn oder eine Belastung?", fragte vor einiger Zeit auch das renommierte "Time Magazine".

Überhöhte Rechnungen, Schmiergelder, Manipulationen

So wurde die Halliburton-Tochterfirma Kellog, Brown & Root (KBR) gleich nach dem Krieg gegen Saddam Hussein mit lukrativen Aufträgen im besetzten Irak in Höhe von mehr als neun Milliarden Dollar belohnt - mehr als jedes andere US-Unternehmen sich je erhoffen konnte.

Doch zugleich machte KBR mit Ungereimtheiten auf sich aufmerksam: Das Pentagon hat vergangene Woche eine Untersuchung eingeleitet, wie es zu Rechnungen in Höhe von 61 Millionen Dollar kommen konnte, die die Firma für die Ölversorgung der amerikanischen Besatzungsarmee stellte. Eine Summe, die doppelt so hoch ist, wie bisherige Rechnungen.

Gerade musste KBR auch Rechnungen in Höhe von 174 Millionen Dollar stornieren, die sie eigentlich für die Verpflegung amerikanischer Soldaten im Irak und in Kuweit von der US-Regierung verlangen wollte. Und das, obwohl die Firma erst vor drei Wochen nach massivem öffentlichen Druck ankündigte, 27 Millionen Dollar zurückzuzahlen, die sie für die Versorgung von fünf Militärlagern zu viel berechnet hatte. Das "Wall Street Journal" berichtete außerdem davon, dass KBR für ein US-Militärlager eine Rechnung über 42.000 Essen ausgestellt hatte, tatsächlich aber nur 14.000 serviert wurden.

Zudem sollen zwei KBR-Angestellte 6,3 Millionen Dollar Schmiergeld eingesteckt haben, um auch kuweitische Firmen an dem Geldsegen aus den USA teilhaben zu lassen. Das Handelsministerium untersucht derweilen auch Verstöße gegen das Handelsembargo gegen Iran.

Außerdem ermittelt die US-Justiz gegen Vorwürfe, dass das Unternehmen nigerianische Regierungsbeamte beim Bau eines Gaswerkes mit Millionenbeträgen bestochen haben soll - und das in Cheneys Zeit als Vorstandsvorsitzender.

"Mephisto im Weißen Haus"

Auch das Auffliegen der verdeckten CIA-Ermittlerin Valerie Plame, deren Identität offenbar wegen der Äußerungen ihres Ehemannes preisgegeben wurde, macht Cheney Probleme. Der Ex-Botschafter Joseph Wilson hatte die Behauptung widerlegt, der Irak habe Uran in Afrika kaufen wollen. Die Enttarnung der Agentin muss vom Weißen Haus betrieben worden sein - neben dem Chefberater Karl Rowe gilt der Vizepräsident höchstpersönlich als Hauptverdächtiger.

Für Bush wäre es eigentlich leicht, Cheney mit Verweis auf seine angeschlagene Gesundheit (drei Herzinfarkte, Bypass-Operation, Herzschrittmacher seit 2001) auszumustern. Doch Cheney ist die graue Eminenz der Neokonservativen - und deshalb ist er noch immer so immens wichtig für Bush, der sich selbst gerne als "mitfühlenden Konservativen" geriert, um damit auch für demokratische Wähler attraktiv zu erscheinen.

Unangefochten gilt Cheney als Wortführer der amerikanischen Rechten, der gegen Abtreibungen wettert, bedingungslos das Recht eines jeden Amerikaners auf Handfeuerwaffen verteidigt und den uneingeschränkten globalen Führungsanspruch der Vereinigten Staaten propagiert. Die republikanische Rechte würde die Ablösung des "einflussreichsten Vizepräsidenten der amerikanischen Geschichte" ("New York Times") als Einknicken vor der Linken verstehen.

Vielleicht spielt aber auch Dankbarkeit eine Rolle, denn bei der Wahl vor vier Jahren brachte Cheney das politische Gewicht auf die Waage, das der jüngere Gouverneur aus Texas vermissen ließ. Seither hat Cheney jederzeit Zugang zum Präsidenten und verfügt über einen mächtigen eigenen Apparat im Weißen Haus. "Dick Cheney trägt das Image des unheimlichen Strippenziehers, des Mephisto im Weißen Haus", urteilt die "Süddeutsche Zeitung".

An einem besseren Image versucht sich zumindest gerade Halliburton. In aktuellen TV-Spots heißt es: "Wir beliefern unsere Soldaten, weil wir uns damit auskennen - nicht weil wir irgendjemanden kennen." ("We're serving the troops because of what we know, not who we know.")