US-Wahlkampf Mit Salsa ins Weiße Haus
Los Angeles - Pepe Vasquez' erste Amtshandlung als US-Staatsbürger ist es, auf Kommando mit einem kleinen Sternenbanner aus Plastik zu wedeln. "Los schon, los!", ruft der Einpeitscher auf der Bühne, ein Herr in Lederjacke, der den Riesensaal per Mikrofon kommandiert. Vasquez gehorcht, und mit ihm gehorchen 3083 weitere, frisch vereidigte Neu-Amerikaner - ein Meer raschelnder Fähnchen, inszeniert fürs Souvenirfoto. "Bei Ermüdung den Arm wechseln", befiehlt der Einpeitscher.
Eine zugige Messehalle bei Los Angeles: Tausende Immigranten haben sich an diesem Morgen hier eingefunden, um ihre Green Card gegen die US-Staatsbürgerschaft einzutauschen und zu schwören, fortan nur noch "die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika zu beschützen". Sie sind in Gardeuniformen gekommen oder in Knitteranzügen oder auch nur in Jeans, Blumensträuße im Arm, Verwandte im Schlepptau, und sie werden ruckzuck abgefertigt, in zwei Schichten: 3084 am Vormittag, 3143 am Nachmittag.
Diese Masseneinbürgerung, die hier so einmal im Monat stattfindet, hat enormen politischen Nutzwert. Den fasst Norma Bermea von der örtlichen Einwanderungsstelle des Departments of Homeland Security (DHS) in drei unsentimentale Worte: "6227 neue Wähler."
Bald die neue Mehrheit?
Und über die Hälfte von ihnen sind Latinos, an diesem klaren, kalifornischen Morgen. Pepe Vasquez etwa, ein 36-jähriger Farmarbeiter, kommt aus Mexiko, der größten Gruppe. Drei Jahre musste er auf die Einbürgerung warten, nachdem er eine Amerikanerin geheiratet hatte. "Dies ist mein Traum", sagt er. In der Hand hält er ein Grußschreiben mit hohem Dienstsiegel: "Congratulations", schreibt Präsident George W. Bush. "Sie sind nun Teil einer großartigen und gesegneten Nation."
Außerdem sind sie Teil der neuesten Wahlstrategie von Republikanern wie Demokraten. Denn die Latinos, die Amerikaner lateinamerikanischer Herkunft, sind längst keine Minderheit im alten Sinne mehr. Ihre Zahl ist von 1990 bis 2000 (dem Jahr der letzten Volkszählung) durch Einwanderung von 22,4 auf 35,3 Millionen explodiert, ein Anstieg um 58 Prozent. Inzwischen haben sie die Schwarzen als stärkste Minderheit überholt, und in ein paar Jahren werden sie wohl auch die Weißen überholt haben und die neue Mehrheit bilden.
Ihr politischer Einfluss steigt rapide. "Wer die Latinos gewinnt", sagt der Demoskop Sergio Bendixen, "gewinnt das Weiße Haus."
Auch Demokrat John Kerry, der designierte Rivale Bushs, verdankte seinen Erdrutschsieg am "Super Tuesday" den Salsa-Stimmen - vor allem hier in Kalifornien, wo über 40 Prozent der Haushalte Spanisch sprechen. "Spanische Wähler", resümierte Kerrys Senatskollege Bob Graham nach Kerrys Durchmarsch, "haben mehr Einfluss als je zuvor". Der "Super Tuesday" heißt hier jetzt "Latino Tuesday".
Zur Begrüßung ein Bush aus Pappe
Also umturteln die Politiker die Latinos von der ersten Minute an. Dem Neu-Kalifornier Vasquez haben sie gleich eine Merkfibel in die Hand gedrückt. Darin steht unter "Pflichten eines Bürgers": "Es ist meine Pflicht zu wählen." Das wiederholt auch Bezirksrichterin Virginia Phillips, die die Vereidigung leitet. Woraufhin sich die "Kandidaten", ungeduldig auf Klappstühlen ruckelnd, noch ein erbauendes Filmchen über die neue Heimat ansehen müssen - Strände, Skylines, spielende Kinder - und dann zurück zum Eingang gescheucht werden, wo sie grüne Wähler-Registrierkarten ausfüllen dürfen. "Wir können und werden kein Chaos tolerieren", bellt der Einpeitscher.
Doch das ist nur der Anfang. Nachdem sich Vasquez draußen an den Botschaftern hiesiger Esskultur vorbei gekämpft hat ("Fatburger", "Hot Dogs On a Stick"), erwartet ihn, am Gittertor zum Großparkplatz, seine erste patriotische Herausforderung: George W. Bush.
Als lebensgroßer Pappkamerad zumindest, vor einem Zelt, in dem die Republikaner den Neubürgern auflauern. "Herzlichen Glückwunsch!", kreischt eine Frau und nötigt Vasquez ein Faltblatt auf, das die Vorzüge ihrer Partei gegenüber den Demokraten auflistet. Dazu gibt's einen Aufkleber: "Un Nuevo Dia."
Gegenüber harrt die politische Konkurrenz im Anschlag, jedoch verhaltener. "Ich bin stolz auf Sie", flüstert ein Demokrat Vasquez zu, ihm jovial einen Antrag auf Parteimitgliedschaft unterschiebend: "Jede Stimme zählt."
"Burrito-Spanisch" reicht nicht mehr
Das wissen die Politiker in diesem Wahlkampf nur zu gut. Kerry und sein bisheriger Konkurrent John Edwards haben zahlreiche Latino-Bezirke bereist und sich zu den Klängen von Mariachi-Kapellen verkauft. Bushs erste TV-Werbewelle gegen Kerry, die bereits morgen anrollt und 4,5 Millionen Dollar kostet, umfasst eigene Spots "en Español" für die spanischen US-Networks Univision und Telemundo. "Präsident Bush hält es für wichtig, sich auch an die Bürger zu wenden, deren Muttersprache nicht Englisch ist", sagt sein Sprecher Scott Stanzel, als handele es sich um eine höfliche Dienstleistung für Ausländer.
Natürlich steckt mehr dahinter. "Latinos haben sich auf der politischen Bühne von regelrechter Impotenz zum Machtfaktor entwickelt", sagt Harry Pachon, der Direktor des Tomás Rivera Policy Institutes (TRPI) in Los Angeles. Newt Gingrich, der republikanische Ex-Sprecher des Repräsentantenhauses, nennt sie sogar "die absolut unverzichtbare Basis beider Parteien".
Folglich büffeln die Politiker Spanisch. Eine Gruppe Demokraten im US-Kongress trifft sich zwei Stunden pro Woche im Kapitolsgebäude zum Sprachkurs. Die Parteispitze der Republikaner absolvierte zur Wahlkampf-Vorbereitung ein zehntägiges Berlitz-Seminar.
Doch anders als im Wahlkampf 2000, als Bush und Rivale Al Gore sich noch damit begnügten, mit "Spanglish" zu jonglieren - oder, wie die Latinos es nennen, "Burrito-Spanisch", ist diesmal mehr nötig. "Die Zeiten, in denen die Kandidaten einfach nur ein spanisches Duett singen, sind vorbei", sagt Bill Richardson, der Gouverneur von New Mexico, wo fast die Hälfte der Einwohner "Americanos" sind. Richardson muss es wissen: Seine Mutter ist Mexikanerin, was ihn zum ersten Latino-Gouverneur macht.
45 Prozent der Latinos für Bush?
"Spanische TV-Spots sind ja ganz nett", sagt Bianca Figueroa, die Bürgermeisterin der kleinen Gemeinde South El Monte, eine halbe Autostunde von der Staatbürger-Vereidigung in der Messehalle entfernt. "Doch das reicht uns nicht." Fast 80 Prozent der Einwohner dieses industriellen Nestes nordöstlich von Los Angeles sind Latinos. Ihre Hauptanliegen, sagt Figueroa über einem Teller scharfer Tacos: die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und erschwingliche Mieten.
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So kümmern sich plötzlich alle um typische Latino-Themen: Immigration, Bildung, Stellenmarkt. Illegale Einwanderer werden zum heißen Wahlkampf-Eisen. Dass Bush diesen "illegal aliens" die Arbeitserlaubnis anbietet, ist eine klare Avance an den Wählerblock der Immigranten. Die Demokraten wiederum heuern spanische Wahlkampfberater an und flirten damit, Star-Latino Richardson zum Vizepräsidentschafts-Kandidaten zu machen.
Beide Parteien wissen, dass sich die Latinos nicht mehr an ihre traditionellen Stimmreviere halten - republikanisch in Florida, demokratisch anderswo. 1996 hatten die Demokraten landesweit noch einen 51-Prozent-Vorsprung unter den Latino-Wählern; 2000 waren es nur noch 27 Prozent. "Latinos sind nicht länger mehr unsere automatische Basis", sagt Maria Cardona, Chefin des New Democrat Networks.
Bushs Chefstratege Karl Rove hat es deshalb zu einem zentralen Wahlkampf-Motiv gemacht, den Demokraten die "Latino Vote" abzujagen. Ziel: 45 Prozent der Latinos für Bush. "Wenn das gelingt", ahnt Demoskop Bendixen, "haben die Demokraten im November keine Chance."
Club der Steuerzahler und Wahlgänger
Doch so einfach ist das nicht. Immerhin besteht der "Latino-Block" aus 17 Nationalitäten und Kulturen. In der letzten Volkszählung, bei der die Amerikaner erstmal zwei Rassen ankreuzen konnten, identifizierten sich 49 Prozent der Latinos auch als "weiß", 42 Prozent als "andere Rasse" und vier Prozent als "schwarz". "Unsere Gemeinschaft ist komplex und diversifiziert", sagt TRPI-Direktor Pachon. "Sie lässt sich nicht so einfach begeistern." Zum Beispiel die Bürgermeisterin Figueroa: "Ich stehe keiner Partei nahe", sagt sie stolz.
In der zugigen Messehalle bei Los Angeles erfahren die Neulinge derweil, was es heißt, ein Amerikaner zu sein. "Sie gehören jetzt einem ganz besonderen Club an", hat ihnen Richterin Phillips verraten. Oberste Clubregeln: "Dem Gesetz gehorchen, Steuern zahlen und wählen gehen." Pepe Vasquez, in der Hand je einen Beitrittsantrag der Republikaner und der Demokraten, ist unschlüssig. "Mal sehen", sagt er und steckt die Papiere in die Hosentasche.