Westen gegen Gaddafi: Countdown für den Gegenschlag - DER SPIEGEL
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Krise in Libyen: Neue Gefechte um Bengasi

Foto: U.S. Navy/ Getty Images

Westen gegen Gaddafi Countdown für den Gegenschlag

Kämpfe in Bengasi, Diplomatie in Paris: Die internationale Gemeinschaft trifft letzte Vorbereitungen für einen Militäreinsatz gegen Diktator Gaddafi. Offenbar sind bereits britische Spezialkräfte in Libyen eingedrungen, um Ziele für Luftschläge zu markieren.
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Paris/Bengasi - Jetzt zählt jede Stunde: Die internationale Gemeinschaft bereitet einen Militäreinsatz gegen Libyens Regime vor. In Paris sind am Samstagmittag Spitzenpolitiker der Europäischen Union, der Vereinten Nationen und der Arabischen Liga zusammengekommen, um das weitere Vorgehen abzustimmen. Laut der französischen Zeitung "Le Figaro" soll es noch an diesem Nachmittag erste Luftschläge gegen das libysche Regime geben. Frankreich, Großbritannien, Kanada und Norwegen seien die ersten Länder, die Angriffe fliegen würden, hieß es unter Berufung auf Verhandlungskreise der Libyen-Konferenz. An späteren Einsätzen würden sich dann die USA und mehrere arabische Staaten beteiligen.

Die ersten Luftschläge könnten unmittelbar nach Abschluss des Pariser Gipfels erfolgen, hieß es in dem Bericht. Der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy will das Treffen um 15.30 Uhr mit einer Erklärung beenden.

Laut "Le Figaro" bestand noch kurz vor dem Gipfel Uneinigkeit über die Befehlsstruktur bei dem geplanten Einsatz. Während London eine Führungsrolle der Nato befürworte, plädiere Paris für ein multinationales Kommando unabhängig von der Nato. Frankreich halte die Nato nicht für geeignet, eine neue Front in der arabischen Welt zu eröffnen, schreibt das Blatt.

Nach Informationen der Zeitung will Frankreich für den Einsatz bis zu 25 Kampfflugzeuge der Typen Rafale und Mirage 2000 bereitstellen. Außerdem soll am Montag der Flugzeugträger Charles de Gaulle in das Krisengebiet entsandt werden. Dänemark schickte sechs F-16-Kampfflugzeuge für den Libyen-Einsatz nach Sizilien.

Wie das Münchner Magazin "Focus" unter Berufung auf Berliner Sicherheitskreise berichtet, befinden sich bereits seit Wochen britische Sonderkommandos in Libyen, um Kampfeinsätze vorzubereiten. Sie hätten strategische Ziele wie Fliegerhorste, Luftabwehrstellungen und Kommunikationszentralen vermessen und für Bombenangriffe markiert. Es handele sich um Teams der Eliteienheiten Special Air Service (SAS) und Special Boat Service (SBS).

Der Weltsicherheitsrat hat ein Flugverbot über Libyen beschlossen und militärische Maßnahmen zum Schutz der Zivilbevölkerung erlaubt - ohne den Einsatz von Bodentruppen.

Schwere Kämpfe in Bengasi

Aber käme der internationale Einsatz überhaupt noch rechtzeitig? Die Soldaten von Diktator Muammar al-Gaddafi rücken mit schwerem Geschütz gegen die Rebellen-Stellungen in Bengasi und Misurata vor. Vor allem in Bengasi gab es heftige Kämpfe. Ein Kampfjet wurde über der Stadt abgeschossen und ging in Flammen auf. Der Flieger soll allerdings zu den Streitkräften der Gaddafi-Gegner gehören - das berichtet der arabische Sender al-Dschasira unter Berufung auf einen Sprecher der Rebellen. Dem Sender zufolge sind Gaddafis Getreue bereits in die Stadt eingedrungen. Die Truppen setzten demnach auch schweres Artilleriefeuer und Raketen gegen Wohngebiete ein ( alle aktuellen Informationen finden Sie im Liveticker). Ein britischer Reporter berichtet, die Truppen Gaddafis hätten zwar Raketenwerfer dabei, würden aber hauptsächlich mit Maschinengewehren schießen.

Weniger gut vorbereitet scheinen die Gegner des Regimes: "Die Atmosphäre in der Stadt ist sehr angespannt, die Kämpfer der Rebellen sind immer noch unorganisiert, fahren mit Taxis den Soldaten Gaddafis entgegen", berichtet SPIEGEL-ONLINE-Reporter Stock. In den Straßen Bengasis errichteten die Menschen Barrikaden aus Müllcontainern, Holzpaletten, Steinen und Bettgestellen. Junge Männer bauten Molotow-Cocktails, um sich zu verteidigen.

Einheimische Kämpfer berichten, dass Gaddafis Soldaten sich inzwischen zurückgezogen haben. Sie rechnen aber mit einem weiteren Angriff in den kommenden Stunden, berichtet SPIEGEL-ONLINE-Reporter Stock. Gaddafis Soldaten haben den Rebellen zufolge den Süden der Stadt mit Artillerie beschossen und sind dann mit Panzern eingerückt. Zwei Panzer wurden erobert und mehr als zehn Gefangene gemacht. Die Panzer werden in der Stadt gezeigt. In das Dschala-Krankenhaus in Bengashi werden seit 8 Uhr morgens Verletzte und Tote gebracht. Nach Angaben von Dr. Hasam, Mitarbeiter des Krankenhauses, waren es bis 13 Uhr mehr als 20 Tote und mehr als 50 Verletzte. Darunter ist auch der Pilot des abgeschossenen Rebellenflugzeuges. Tausende Menschen versuchen, aus der Stadt Richtung ägyptischer Grenze zu fliehen.

Die Rebellen werfen dem Westen vor, nicht schnell genug einzugreifen. "Wir Libyer denken, dass die Internationale Gemeinschaft versagt hat. Gaddafi hat schon so viele Verbrechen verantwortet, dieser Krieg gegen sein eigenes Volk ist ein weiteres", sagte Fateh Terbel, Mitglied des provisorischen nationalen Übergangsrates, im Interview mit SPIEGEL ONLINE. "So wie sie jetzt mit ihm umgehen, ist es nicht akzeptabel. Sie haben Hilfe versprochen, es ist keine Hilfe gekommen."

"Heute gibt es in Bengasi eine Katastrophe"

Ein Rebellensprecher klagte: "Wo sind die Westmächte? Sie haben gesagt, sie könnten binnen Stunden zuschlagen." Mustafa Abdul Dschalil, der Vorsitzende des oppositionellen libyschen Übergangsrats, richtete über al-Dschasira einen dramatischen Appell an die Öffentlichkeit: "Die internationale Gemeinschaft greift spät ein, um Zivilisten vor Gaddafis Truppen zu schützen. Heute gibt es in Bengasi eine Katastrophe, wenn die internationale Gemeinschaft nicht die Resolution des Uno-Sicherheitsrats durchsetzt."

Laut al-Dschasira gibt es in Bengasi viele Opfer, in den Krankenhäusern herrsche großer Andrang, sagte Abdul Dschalil. Das Regime in Tripolis bestritt jedoch, die Stadt angegriffen zu haben. Vielmehr habe man sich gegen Attacken der "Verbündeten von al-Qaida" zu Wehr setzen müssen. Dabei hätten die Rebellen "in klarer Verletzung der vom Uno-Sicherheitsrat verhängten Flugverbotszone" auch einen Hubschrauber und ein Kampfflugzeug eingesetzt. Zugleich zeigte sich die Regierung gesprächsbereit.

Gaddafis Streitkräfte waren am Freitagabend aus mehr als 100 Kilometer Entfernung kommend auf Bengasi vorgerückt. Kurz zuvor hatte das Regime noch einen Waffenstillstand verkündet.

In Briefen erklärte Gaddafi den Uno-Beschluss für nichtig. "Die Resolution steht im Widerspruch zur Uno-Charta, die jede Einmischung in die inneren Angelegenheiten eines Mitgliedslandes verbietet", heißt es in dem Schreiben, das der libysche Regierungssprecher Ibrahim Mussa am Samstag in Tripolis verlas. Der Brief war an den französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, den britischen Premier David Cameron und UN-Generalsekretär Ban Ki Moon adressiert.

Gaddafi schrieb einen weiteren Brief an US-Präsident Barack Obama, in dem er diesen seinen "Sohn" nannte. "Selbst wenn Libyen und die USA - Gott verbiete es - in den Krieg miteinander treten, wirst Du für immer mein Sohn bleiben", schrieb Gaddafi.

har/dpa/dapd