Januar 2025: CDU-Kanzlerkandidat Friedrich Merz kündigt für den Fall seiner Wahl ein »faktisches Einreiseverbot« für illegal Einreisende an. Noch-Kanzler Olaf Scholz von der SPD geht in die Offensive, besonders gern mit Wirtschaftsthemen. Zu diesem Zeitpunkt sind es noch vier Wochen bis zur Bundestagswahl. Merz und Scholz sind beide in Hessen unterwegs. Robert Habeck ist im Süden Deutschlands, Alice Weidel im Osten.
In einer umfangreichen Datenanalyse hat der SPIEGEL Wahlkampfreden der vier Kanzlerkandidaten untersucht, deren Parteien in den Umfragen führen. Satz für Satz haben wir ausgewertet, welche Themen die vier Kanzlerkandidaten im Wahlkampf setzen und ob sie den Wählerinnen und Wählern Hoffnung machen wollen, über ihre Sorgen sprechen oder sich vorrangig echauffieren.
Die Zitate von Friedrich Merz und Olaf Scholz sind nur zwei von fast 7800 Sätzen, die wir uns genauer angeschaut haben. Jeweils fünf Reden von Merz, Scholz, Habeck und Weidel haben wir untersucht – gehalten von Oktober 2024 bis Februar 2025 auf Parteitagen oder bei Wahlkampfauftritten.
Ein Beispiel: In seiner Rede im osthessischen Neuhof am 25. Januar kommt Merz unter anderem auf das Thema Migration zu sprechen. Drei Tage zuvor hatte ein psychisch kranker Asylbewerber in Aschaffenburg ein Kind und einen Passanten in einem Park getötet . Merz sagt:
Diesen Satz sagte Merz gegen Ende seiner Neuhofer Rede.
Bei der Kategorisierung der Politikeraussagen hat uns künstliche Intelligenz geholfen. Jeden Satz einer Rede hat sie einem von 15 vorgegebenen Themen zugeordnet oder unter Sonstiges verbucht. Wie wir die Einstufung überprüft haben, lesen Sie in der Methodenbox unten.
Wenn man alle Reden der vier Kandidaten zusammen betrachtet, ist Wirtschaft das klar dominierende Thema. Wie soll Deutschland raus aus der Rezession, und wie kann das Land attraktiver für ausländische Unternehmen gemacht werden? Fragen, die vor allem Scholz und Merz immer wieder diskutieren.
Bei ihren Auftritten präsentieren beide auch Lösungsansätze, etwa zu Reformen der Steuerpolitik. Dass es die braucht, da sind sich beide Kandidaten einig. Bei der Ausgestaltung sind ihre Vorstellungen sehr verschieden. Denn Entlastungen werden den Staat viel Geld kosten, woher soll es kommen?
Für Scholz ist die Antwort klar: Topverdiener müssten mehr Steuern zahlen, damit die »normalen Leute«, die er immer wieder erwähnt, entlasten werden könnten. Gleichzeitig will er die Mehrwertsteuer für Grundnahrungsmittel senken. Merz wirft ihm vor, Topverdiener und Mittelstand zu verwechseln. Die Union will die Steuern für alle senken, wobei Gutverdiener laut Berechnungen von Wirtschaftsforschern des DIW dabei besonders profitieren würden . Wenn Merz über Steuerpolitik referiert, dann spricht er von einem »Hochsteuerland«, besonders für Unternehmen.
Was die einen sehr beschäftigt, kommt bei den anderen weniger häufig vor. Laut dem Ergebnis unserer Analyse halten sich der amtierende Wirtschaftsminister Robert Habeck und die AfD-Kandidatin Alice Weidel bei Wirtschaftsfragen eher zurück. Das Thema erreicht bei ihnen etwa nur einen halb so hohen Anteil wie bei Merz.
Dafür setzen beide andere Schwerpunkte. Robert Habeck zum Beispiel in der Energiepolitik – gut zu erkennen an den grünen Linien. Besonders stark sticht in seinen Reden aber der violett gefärbte Block hervor.
Die Farbe steht für das Thema Streitkultur. Bei Habeck kommt es mit Abstand am häufigsten vor. Er redet zum Beispiel viel über Populismus, spricht über Fehler der Ampelregierung – typische Aussagen, die wir in diese Kategorie einsortiert haben. Wie auch dieses Zitat:
Immer wieder betont Habeck in seinen Reden, die Demokratie schützen zu wollen, fordert seine Zuhörerinnen und Zuhörer auf, sich gegen Populismus zu stellen, Demokratie sei schließlich kein Zuschauersport.
Alice Weidel setzt andere Akzente als Merz, Scholz und Habeck. Sie zieht über die Energiepolitik der Regierung her und kündigt an, Windkraftanlagen niederzureißen. Oder sie spricht über ihre guten Verbindungen in die USA, zu Elon Musk, der ihren Wahlkampf unterstützt.
Die meisten von ihr gesprochenen Sätze haben wir dem Bereich Inneres (rote Farbe) zugeordnet. In fast jedem fünften ihrer Sätze geht es um Migration und innere Sicherheit, wobei sie etwa der Ampelregierung und der Großen Koalition den Vorwurf macht, die Kontrolle über Deutschlands Außengrenzen verloren zu haben.
Analysiert haben wir nicht nur die Inhalte der 20 Wahlkampfreden – mit KI-Unterstützung konnten wir den Sätzen auch Emotionen zuordnen. Die Ergebnisse haben wir überprüft und drei Gefühle besonders in den Fokus genommen, weil sie sehr häufig vorkommen: Empörung, Besorgnis und Hoffnung. Immerhin der Hälfte aller Sätze konnten wir eine dieser drei Emotionen zuweisen.
Empörung taucht in den Reden am häufigsten auf. Etwa, wenn die Kandidaten ihre Konkurrenten kritisieren oder deren Vorschläge abwerten wollen. Alice Weidel ist besonders häufig auf Zinne – Sätze mit der Emotion Empörung kommen auf einen Anteil von rund 40 Prozent. Eine Wutbürgerin par excellence. Ein Beispiel sind die folgenden zwei Sätze:
Weidels Reden sind in unserer Darstellung durchzogen von gezackten Linien, welche die Emotion Empörung markieren.
Olaf Scholz wirkt im Vergleich zu Weidel fast schon wie ein Motivationscoach. Er setzt in seinen Reden besonders häufig auf positive Emotionen. In etwa jedem vierten Satz scheint er laut unserer Analyse Hoffnung zu verbreiten. Optimistisch schaut er etwa auf soziale Themen, versichert stabile Renten und ein besseres Pflegesystem. Mit mir und der SPD, so seine Botschaft, wird alles gut.
Habeck ist in seinen Emotionen etwas zurückhaltender als Scholz. Jeweils 20 Prozent seiner Sätze sind als Empörung oder Hoffnung klassifiziert. Die Ausgewogenheit passt durchaus zu Habecks Diskursstil .
Merz fällt am ehesten aus dem Rahmen. Er gilt als guter Rhetoriker, neigt jedoch als Jurist auch zu technokratischer, emotionsarmer Sprache. In der Analyse kommt er auf die niedrigsten Werte für Empörung (18 Prozent) und Hoffnung (14 Prozent).
Wenn Sie noch tiefer einsteigen wollen in die Themen und Emotionen der Kanzlerkandidaten: Im folgenden Explorer können Sie die 20 Wahlkampfreden interaktiv erkunden.
Methodik - So haben wir die Wahlkampfreden analysiert
Mitarbeit: Gerret von Nordheim, Frank Kalinowski
Credits: [M] DER SPIEGEL; Fotos: Armin Weigel/dpa, EPA