Der optische Bereich - DER SPIEGEL
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Nürnberg Der optische Bereich

• aus DER SPIEGEL 46/1957
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Stadtverwaltung von Nürnberg versucht zur Zeit mit Eifer herauszufinden, wem wohl das »ganz verarmte Gehirn« - so Bundespräsident Heuss - gehören könne, dem die Idee entsprang, Nürnberg dürfe sich nicht wie geplant an der Weltausstellung 1958 in Brüssel beteiligen.

Der Generalkommissar der Bundesrepublik für die Weltausstellung, der Bremer Exportkaufmann und Senator außer Dienst Hermann Wenhold, 66, war Anfang dieses Jahres darangegangen, den deutschen Part für den Brüsseler Jahrmarkt der Nationen zu konzipieren. Einer seiner Architekten hatte vorgeschlagen, »die verschiedenartigen Fürsorgemaßnahmen in der Bundesrepublik am Beispiel einer einzigen Stadt - und zwar der Stadt Nürnberg - anschaulich« zu machen. Der Bauexperte argumentierte, Nürnberg liege »als historische alte Stadt durch viele Publikationen auch im optischen Bereich des Auslandes« und müsse den Ausstellungsbesuchern nicht erst vorgestellt werden.

Die Nürnberger Stadtverwaltung hat sich nach dem Kriege durch ihre Sozialleistungen einen Namen gemacht, sie baute Kindergärten, die als vorbildlich gelten, und ließ die Feste Hoheneck zur vielbesuchten Jugendburg umbauen. Für den Einfallsreichtum der Nürnberger Stadtverwaltung spricht, daß sie in Lücken der Stadtmauer Heime für alte Leute einbaute. So wurde der Stadtverwaltung Nürnberg also angeboten, ihre sozialen Errungenschaften in Brüssel auszustellen, und die Nürnberger begannen, Ausstellungsmaterial zu produzieren.

Ihr Elan wurde jedoch nach einigen Monaten durch ein Gerücht gebrochen, das die Stadtverwaltung in der Nachbarstadt Augsburg aufgefangen hatte. Danach hatte Generalkommissar Wenhold den Augsburger Magistrat wissen lassen, Nürnberg komme »aus außenpolitischen Gründen« für eine Beteiligung in Brüssel nicht mehr in Frage. Statt Nürnbergs solle Augsburg in Brüssel demonstrieren, wie städtische Sozialfürsorge in Deutschland aussieht.

Nürnbergs damaliger Oberbürgermeister Dr. Otto Bärnreuther - er starb inzwischen - empfand diese formlos-inoffizielle Ausladung als einen »Akt grober Unhöflichkeit«. Er forderte den Generalkommissar Wenhold auf, seine merkwürdige Entscheidung - Augsburg statt Nürnberg - und ihre Begründung umgehend der Stadt Nürnberg offiziell mitzuteilen.

Die Nürnberger vermuteten, irgendein ressentimentbeladener Ausländer habe die Rolle Nürnbergs im Dritten Reich Adolf Hitlers nicht vergessen wollen und deshalb bei den Deutschen dagegen protestiert, daß die ehemalige »Stadt der Reichsparteitage« und der »Nürnberger Gesetze« in Brüssel ausstelle*. Die gastgebenden Belgier wurden gefragt, ob sie etwa Bedenken gegen Nürnberg vorgebracht hätten. Sie ließen jedoch wissen, ihnen sei es völlig gleichgültig, welche deutsche Stadt die Sozialpolitik der Bundesrepublik in Brüssel repräsentiere.

Ein Brief des deutschen Weltausstellungs-Generalkommissars Wenhold, der einige Zeit später bei dem Nürnberger Oberbürgermeister Bärnreuther eintraf, gab schließlich Aufschluß darüber, daß die Bedenken gegen Nürnberg nicht im Ausland, sondern in der Bundesrepublik erhoben worden waren.

»Der vom Generalkommissar mit seinem Mitarbeiterstab unter sachlichen und menschlichen Gesichtspunkten getroffenen Entscheidung (Nürnberg ausstellen zu lassen)«, so schrieb Wenholds Vertreter, »wurde nun die politische Entscheidung des Beirates, in dem Regierungsstellen beziehungsweise Ministerien vertreten sind, entgegengestellt.« Dabei sei »von Regierungsseite her sehr nachdrücklich darauf hingewiesen worden, daß die Heranziehung von Nürnberg als Beispiel im Ausland Angriffspunkte für absichtliche und unabsichtliche Mißverständnisse gibt«.

Weil »der Name dieser Stadt mit den Nürnberger Gesetzen, den Reichsparteitagen und dem Kriegsverbrecherprozeß nun einmal im Ausland unlöslich verbunden ist«, dürfe Nürnberg die Sozialfürsorge des demokratischen Deutschlands nicht repräsentieren.

Bestürzt ob dieser Einstellung wandte sich Oberbürgermeister Bärnreuther an den Bundespräsidenten, der sich schon mehrmals für eine Rehabilitierung Nürnbergs eingesetzt hat. Theodor Heuss ließ seinen Persönlichen Referenten nach Nürnberg schreiben: »Nur ein ganz verarmtes Gehirn kann, wie Dr. Heuss meint, die bösen Geschichten, die nach 1933 und nach 1945 sich mit dem Namen Nürnbergs verbunden haben, als eine Provokation der Weltmeinung betrachten.«

Indes ist bekannt, wer im Beirat des Ausstellungs-Generalkommissars die Ausladung Nürnbergs durchsetzte: Der christlich-demokratische Staatssekretär Dr. Hans Busch, 61, der neuerdings für den Posten eines Staatssekretärs im Bundesschatzministerium ausersehen ist.

Dr. Hans Busch war unter Christine Teusch Staatssekretär im Kultusministerium der nordrhein-westfälischen Landesregierung des stellvertretenden CDU-Vorsitzenden Karl Arnold. Als SPD-Ministerpräsident Steinhoff die Landesregierung übernommen hatte, trat Busch in den Wartestand. Bald holte ihn sich jedoch der Generalkommissar Wenhold als Mitarbeiter.

Nun war der Schlag Buschs gegen die Nürnberger Ausstellungsabsichten zweifellos geeignet, die Bevölkerung der Stadt gegen die »Regierungsseite«, also die CDU, aufzubringen. So gleichgültig das der »Regierungsseite« zunächst sein konnte - die Sache erschien in einem anderen Licht, als der SPD-Oberbürgermeister der Stadt, Dr. Otto Bärnreuther, starb.

Die Bevölkerung muß nun nämlich einen neuen Oberbürgermeister wählen*. Die Wahlen sind am nächsten Sonntag, und einer der Bewerber für den Posten ist Dr. Hanns Bencker von der CSU.

Oberbürgermeister - Kandidat Bencker suchte darum eine Chance, Nürnbergs Schild reinzuwaschen und als Retter des Nürnberger Ansehens vor die Wähler zu treten. Er fuhr nach Bonn zu seinem obersten Parteichef, Bundeskanzler Dr. Adenauer, um ihn zu einer offiziellen Ehrenerklärung für Nürnberg zu veranlassen. CDU-Parteivorsitzender Adenauer reagierte denn auch wie erwartet: »Man kann doch das Nürnberg von heute nicht mit dem von früher vergleichen.« Und weiter: »Sie (Dr. Bencker) können überall sagen, daß wir gute Freunde sind.«

Auch andere Bonner Minister, unter ihnen Bundeswirtschaftsminister Professor Erhard, die vorher von der Nürnberger SPD-Stadtverwaltung vergeblich um Hilfe angegangen worden waren, sagten nun ihrem Parteikollegen Bencker jede Unterstützung für seinen Plan zu, Nürnberg auf der Weltausstellung mit vollem Namen zuzulassen.

Während Benckers Anwesenheit in Bonn geschah sogar ein echtes Wunder: Ein vom 13. September 1957 datiertes Telegramm des Bundeskanzlers an die Stadtverwaltung von Nürnberg, das - so behauptet jedenfalls Nürnbergs Bürgermeister Franz Haas - dort nie eingegangen ist, wurde vom Bundespresseamt veröffentlicht. Darin erklärt der Kanzler, er habe »mit Bedauern« von den Diffamierungen Nürnbergs Kenntnis genommen und den Generalkommissar Wenhold »um Bericht bitten lassen, warum auf dieser Ausstellung die sozialen Verhältnisse in der Bundesrepublik nicht am Beispiel Nürnbergs dargestellt werden sollen«.

Dagegen erklärte Generalkommissar Wenhold am vergangenen Donnerstag, vom Bundeskanzler sei ein solcher Bericht bisher nicht angefordert worden.

* Nachdem seit 1927 alle Parteitage der NSDAP in Nürnberg stattgefunden hatten, ernannte Hitler die Stadt 1933 zur »Stadt der Reichsparteitage«. - 1935, auf dem »Reichsparteitag der Freiheit«, wurde das »Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre« ("NS-Rassengesetz") verkündet, das Eheschließungen zwischen Juden und Deutschen oder Menschen »artverwandten Blutes« verbot und etwa im Ausland zur Umgehung geschlossene Ehen für nichtig erklärte. - Zehn Jahre später, 1945, begannen in Nürnberg die alliierten Prozesse gegen deutsche Kriegsverbrecher.

* Nach Artikel 17 der Gemeindeordnung für den Freistaat Bayern vom 25. Januar 1952 wählen die Bürger mit der Mehrheit ihrer abgegebenen gültigen Stimmen den Oberbürgermeister. Stirbt der Oberbürgermeister vor Ablauf seiner sechsjährigen Amtszeit, so hat binnen zwei Monaten eine Neuwahl zu erfolgen.

Weltausstellungs-Generalkommissar Wenhold

Ein Akt grober Unhöflichkeit

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