Castor Steine gegen Polizeibusse
Lüneburg - Bei der Attacke gingen Scheiben zu Bruch. Auch Leuchtmunition wurde in den Abendhimmel abgefeuert. Die Einsatzkräfte verhielten sich zunächst defensiv. Der Zug mit dem hochradioaktiven Abfall fährt von Lüneburg etwa 50 Kilometer auf der Schiene nach Dannenberg. Dort werden die Castor-Behälter dann auf Spezial-Tieflader umgehoben und schließlich die letzten 20 Kilometer auf der Straße nach Gorleben gebracht. Der letzte Teil der Strecke soll am Mittwoch bewältigt werden.
Trotz massiver Proteste von Atomkraftgegnern war der Castor-Zug mit Atommüll aus Frankreich bis Dienstagnachmittag ohne größere Behinderungen seinem Ziel Dannenberg entgegengefahren. Der von Tausenden Polizisten geschützte Zug umfuhr die Stadt Göttingen, wo sich Hunderte Demonstranten versammelt hatten. Nahe dem niedersächsischen Lüneburg stürmten mehrere hundert Demonstranten auf die Schienen, um den später erwarteten Zug aufzuhalten. Die Polizei setzte massiv Schlagstöcke ein, um die Gleise zu räumen.
Mehrere Castor-Gegner ketteten sich auf den Bahnschienen zwischen Lüneburg und Dannenberg an. Insgesamt seien 20 Personen an der Aktion beteiligt gewesen, sagte ein Sprecher der Umweltschutzorganisation Greenpeace. Vier Protestierern sei es gelungen, sich bei Dahlenburg fest zu ketten. Auch zwei Mitglieder von Robin Wood hätten sich bei Bavendorf an die Gleise gekettet, hieß es.
5000 Demonstranten bei Kundgebung
Rund 5.000 Menschen protestierten am Abend mit einer Kundgebung auf dem Marktplatz in Dannenberg gegen den Castor-Transport. "Dieser Transport muss einfach umkehren", sagte die Vorsitzende der Bürgerinitiative Lüchow-Dannenberg, Edelgard Gräfer. Die BI-Vorsitzende verlangte einen Atomausstieg, "der diesen Namen verdient" und kritisierte die starke Polizeipräsenz. Die Polizei habe "aus diesem Landkreis einen gigantischen Käfig gemacht".
Der Lüchower Pastor Rolf Adler forderte, mit der Produktion von Atommüll sofort aufzuhören. Solange die Transporte nur Platz für neuen Müll schaffen sollten, werde in der Region kein Castor angenommen. Der Pastor gab der Menschenmenge mit auf den Weg, "mit viel Mut, aber mit Frieden im Herzen" zu gehen
Mehrere Festnahmen
Der Castor-Zug war in der Nacht nach seinem Eintreffen in Deutschland bei Wörth zweimal kurz durch Schienenblockaden gestoppt worden. Die Polizei nahm mehrere Personen fest. Die weitere Fahrt nach Niedersachsen verlief dann bis zum Nachmittag ohne Zwischenfälle. Nach einem Halt in Bebra, wo die Diesellok betankt wurde, setzte der Zug die Fahrt nach Norden fort. Um Demonstranten aus dem Wege zu gehen, wurde der Atommüll-Transport um Göttingen herum geleitet.
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Während es im Laufe des Tages an der Zugstrecke in Reinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Bayern und Hessen weitgehend ruhig blieb, gab es in Niedersachsen schon seit dem Morgen Protestaktionen. An zahlreichen Stellen entlang der 50 Kilometer langen Strecke zwischen Lüneburg und Dannenberg versuchten Atomkraftgegner Blockaden und Gleisbesetzungen.
Greenpeace besetzte Eisenbahnbrücke
Bei Hitzacker im Wendland besetzen Mitglieder der Umweltschutzorganisation Greenpeace vorübergehend eine Eisenbahnbrücke, über die später der Castor-Zug geführt werden sollte. Die Greenpeace-Mitglieder waren mit Schlauchbooten herangefahren und mit Spezialleitern auf die Brücke über die Jeetzel geklettert. Dort brachten sie ein Transparent mit der Aufschrift "Stopp Castor" an. Zehn Umweltschützer hingen an Seilen von der Brücke herab, bis die Polizei sie dort herunterholte. Ein Umweltschützer sei verletzt worden, teile Greenpeace mit.
Auch an anderen Stellen entlang der Strecke protestierten Atomkraftgegner. Bei Oldendorf in der Nähe von Göhrde wurden 20 Personen in Gewahrsam genommen, weil sie eine Brücke über der Bahnstrecke mit Traktoren blockierten. "Wir räumen hier erst die Kreuzung, wenn die Bauern wieder frei gelassen sind", sagte ein Bäuerin Imme Zachow. Zusammen mit ihren Mann und anderen Landwirten hatte sie an der Bundesstraße 191 eine Straßenkreuzung in der Ortschaft Pudripp bei Dannenberg blockiert.
Verletzte in Wendisch-Evern
Zu den schwersten Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei kam es am Nachmittag bei Wendisch-Evern in Niedersachsen. An zwei Stellen stürmten Atomkraftgegner auf die Schienen und überwanden dabei mehrere Polizeiketten, die sich ihnen in den Weg stellten. Ein Demonstrant kettete sich an das Gleis. Die Polizei drängte die Demonstranten ab und setzte dabei massiv Schlagstöcke ein. Dabei sind mindestens zwei Demonstranten verletzt worden. Die Umstände des Vorfalls seien noch nicht geklärt, teilte die Polizei mit. Es könne sich auch um eine Notwehrsituation seitens der Beamten gehandelt haben. Dem gegenüber sprach die Anti-Castor-Initiative "X- tausendmal quer" von sieben zum Teil schwer verletzten Demonstranten. Die Polizei brachte die Atomkraftgegner in einem eigens eingesetzten Zug nach Lüneburg.
Landrat: Lüchow-Dannenberg im Belagerungszustand
Der Landrat von Lüchow-Dannenberg, Christian Zühlke (SPD) sprach mit Blick auf die hohe Polizeipräsenz von einem Belagerungszustand, in dem sich die Region befinde. Es seien weitaus mehr Polizisten im Einsatz als beim letzten Atomtransport vor vier Jahren. Damals waren bundesweit 30.000 Polizisten und Grenzschützer im Einsatz, um den Castor-Transport zu schützen - 15.000 davon im Wendland. Dieses Mal sollen dort bis zu 20.000 Polizisten und Grenzschützer eingesetzt werden.