Dreikönigstreffen der FDP in Stuttgart - DER SPIEGEL
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Dreikönigstreffen der FDP Liberale Lebenszeichen

"Wir sind noch da!" Das ist die Botschaft der FDP beim Dreikönigstreffen in Stuttgart. Die Anhänger feiern den neuen Parteichef Christian Lindner frenetisch. Aber der Blick in die Zukunft ist unsicher: Es dominieren Durchhalteparolen.
Dreikönigstreffen der FDP: Liberale Lebenszeichen
Dreikönigstreffen der FDP: Liberale Lebenszeichen

Dreikönigstreffen der FDP: Liberale Lebenszeichen

Foto: Bernd Weissbrod/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf den ersten Blick ist alles wie immer. Das Staatstheater von Stuttgart ist bis auf den letzten Platz gefüllt, das Publikum deutlich in den Sechzigern und darüber. Doch auf den zweiten Blick offenbaren sich die Veränderungen. Im Jahr nach dem Rauswurf der FDP aus dem Bundestag fehlen beim traditionellen Dreikönigstreffen einige, die hier Stammgäste waren, Reden hielten und beschworen, warum das Land die FDP brauchte. Guido Westerwelle, der Ex-Außenminister, ist nicht gekommen. Es fehlen auch: Philipp Rösler, Ex-Parteichef, Daniel Bahr, Ex-Gesundheitsminister, Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, Ex-Justizministerin.

Dafür quält sich der seit seinem schweren Sturz noch immer angeschlagene Ex-Fraktionschef Rainer Brüderle die Treppen zum Staatstheater hinauf. Sonnengebräunt kommt der neue Parteivize Wolfgang Kubicki daher und wird von einem der wenigen treuen Anti-FDP-Demonstranten angeraunzt, in welcher TV-Talkshow er denn heute auftrete. Kubicki nimmt es gelassen. Auch Dirk Niebel, Ex-Entwicklungsminister, gibt sich in seinem Heimatland die Ehre. Ganz der frühere Generalsekretär verkündet er vor Journalisten vollmundig: "Wir sind nicht nur da, die Bürger merken schon heute, die FDP wird gebraucht."

Im Theater schließlich steht vor den Garderoben auch Hans-Dietrich Genscher, der vor Weihnachten die vorzeitige Freilassung des russischen Oligarchen Chordorkowski aus langer Gefangenschaft bewirkt hat. Genscher sagt: "Ich bin weder mit Wehmut noch mit Demut gekommen, sondern mit Mut." Die FDP ist aus dem Bundestag geflogen, erstmals in ihrer Geschichte, aber der Ehrenvorsitzende sagt mit Blick auf eine Rückkehr: "Das wird klappen!"

Vielleicht das letzte Treffen im Staatstheater

Dreikönigstreffen in Stuttgart - das war immer auch ein Mutmacher für die Liberalen zu Beginn jedes Jahres. In trister Zeit ein heller Schein. Jetzt aber brauchen sie ihn umso nötiger. Wenn Opposition Mist ist, wie es der SPD-Politiker Franz Müntefering einmal gesagt hat, dann ist außerparlamentarische Opposition großer Mist.

Das ist in Stuttgart zu spüren und zu sehen. Die Zahl der Journalisten ist überschaubar. Mancher, der noch vor einiger Zeit in Berlin die FDP betreut hat, ist gar nicht erst in die Landeshauptstadt gekommen. Und auch sonst sind die Aussichten wenig heiter. Vielleicht ist die Partei in diesem Jahr zum letzten Mal im Staatstheater aufgetreten, denn das Haus will künftig mehr Miete haben. Und die FDP, die Partei der sozialen Marktwirtschaft, muss sparen.

So ungewiss wie der künftige Ort, so ungewiss ist die Lage der Partei. Zwar sind ihr gerade vom Forsa-Institut fünf Prozent in einer Umfrage attestiert worden, aber was hilft das gegen den Rauswurf aus dem Bundestag? Was gegen den trüben Alltag?

Der Landesverband Baden-Württemberg als Ausrichter des Dreikönigstreffens hat den traditionellen Ball, der am Vorabend im Hotel "Maritim" abgehalten wurde, schon mal abgeschafft. Stattdessen spielte eine Big Band. Einzig die Raucherbar, in der Brüderle einst die "Stern"-Reporterin Laura Himmelreich verbal anzüglich angegangen sein soll, ist noch geblieben. Schon scherzte mancher FDPler, der Ort heiße künftig "Laura-Himmelreich-Gedächtnis-Lounge".

In Stuttgart versuchen die Liberalen, sich Mut zu machen. Aufbruch, Neustart - das ist der Tenor, der alle vier Reden an diesem Tag durchzieht. Es sind vor allem Beschwörungsformeln, die vom Publikum dankbar aufgenommen werden. Es wird so laut geklatscht wie lange nicht mehr bei einem Dreikönigstreffen. Als wollten die Totgeglaubten sich selbst zurufen: "Hurra, wir leben noch!"

Lindner bietet Altvertrautes

Die neue Generalsekretärin Nicola Beer beschwört eine "Stimmung zum Ärmel-Aufkrempeln", man müsse "nicht über die Menschen sprechen, sondern mit ihnen". Man wolle in Zukunft nicht nur in den Bundestag zurück, sondern bei der Europawahl, bei den Landtags- und Kommunalwahlen "respektable Ergebnisse" erzielen.

Schließlich tritt Christian Lindner auf, seit Dezember neuer Parteichef, er hat hier schon als Generalsekretär geredet und damals Parteichef Guido Westerwelle die Show gestohlen. Nun muss er der Partei Orientierung geben. Seine Rede kreist um Europa, die Wahlen für das Europaparlament stehen im Mai an. Lindner bietet Altvertrautes. Bei dem Treffen geht es nicht um einen neuen Kurs, er grenzt sich von der AfD ab, zählt sie zusammen mit der britischen UKIP und den Rechten Le Pens in Frankreich zu den "Bauernfängerparteien".

Es folgen Seitenhiebe auf CSU-Chef Horst Seehofer, der jüngst schärfere Regeln bei der Binnenzuwanderung in der EU verlangt hatte. Auch die USA geht er in der NSA-Affäre an. Schließlich kriegt auch noch die Große Koalition ihr Fett weg. Sie mache da weiter, wo sie vor vier Jahren aufgehört habe, stehe für "höhere Schulden, das Plündern der Sozialkassen und Subventionen auf Pump".

Nicht zum ersten Mal beschwört Lindner die neue FDP. Noch nie in ihrer Geschichte sei sie so "unabhängig und eigenständig" gewesen wie jetzt, unabhängig vom politischen Wettbewerber und von "einzelnen Interessengruppen". Diese Unabhängigkeit, ruft Lindner, "gibt uns auch neue Souveränität".

Die FDP-Anhänger und Mitglieder im Saal wollen es ihm glauben. Sie stehen auf, um ihm donnernd zu applaudieren.