Franz Müntefering Der Notvorsitzende
Berlin - Der Kanzler war in Not. Zusammen mit seinem Außenminister Joschka Fischer und Franz Müntefering saß er in seinem Amtszimmer und suchte händeringend nach einer Lösung für die schwierige Personalie. "Franz, Du musst es machen", sagte Schröder. Aber der Sauerländer winkte ab: "Ich weiß, was ich kann". Was so viel hieß wie: Er weiß auch, was er nicht kann - Zum Beispiel den Parteivorsitzenden der SPD spielen. Das war 1999, als Oskar Lafontaine seinem Parteifreund Schröder den Parteivorsitz vor die Füße warf - und der Kanzler aus Not selbst einsprang und eher getrieben als begeistert sich an die Spitze der Genossen stellen musste.
Fünf Jahre später ist Schröder wieder in Not. Doch diesmal ist er selbst verantwortlich für die Misere und dieses Mal lässt sich Müntefering in die Pflicht nehmen. Notgedrungen. Was hat sich geändert für den Sauerländer, dass er nun glaubt die 24-Prozent-Partei vor der völligen (Selbst-)Demontage zu retten? Von allen führenden SPD-Politikern hat Müntefering den weitesten Weg hinter sich. Er war lange Traditionalist, Gewerkschafter der alten Schule, ein Klassenkämpfer und Verteilungspolitiker wie sie nur die SPD hervorbringen konnte.
Die ersten Zweifel an der reinen Lehre tauchten bei Müntefering auf, als er nach der Wende von Helmut Schmidt zu Helmut Kohl als junger Abgeordneter mit ansehen musste, wie die Brandt-Enkel sich um das Erbe stritten und der Sozialdemokratie einen 16 Jahre währenden Machtentzug bescherten: "Ich weiß, wie hart die Oppositionsbank ist" sagt Müntefering bis Heute über jene bittere Zeit.
"Das Machbare gestalten"
Seine Lehre aus jener Zeit lautete: Idealismus ist schön und gut, aber Politik ist Organisation. Man muss Mehrheiten herstellen und Einigkeit bewahren. "Das Wünschbare nicht vergessen, aber das Machbare gestalten" lautet die neue Formel des Müntefering-Pragmatismus. Müntefering hat sich schon öfter gehäutet, aber anders als beim Bundeskanzler empfand die SPD das bei ihrem Franz nie als Opportunismus oder Populismus. Müntefering besitzt in der Partei noch immer das, worunter Schröder und damit auch seine Politik zuletzt am heftigsten gelitten hatte: Glaubwürdigkeit.
Er organisierte von Nordrhein-Westfalen aus, dem wichtigsten Landesverband der SPD, den Bundestagswahlkampf 1998 und ging dann als Verkehrsminister in das erste Kabinett Schröder. Nach der Fahnenflucht von Lafontaine wechselte er als erster Generalsekretär der Partei in das neu geschaffene Amt, um dem neuen Boss Schröder in der Parteiarbeit den Rücken frei zu halten.
Auch in seiner neuen Rolle, die er eher als General denn als Sekretär interpretierte, kam Müntefering zu neuen Einsichten. Zu seinen Lebenswahrheiten gehörte lange: Nie wieder deutsche Soldaten auf dem Balkan. Lange stand er gegen die Beteiligung deutscher Soldaten an dem Nato-Einsatz im Kosovo. Heute sagt er: "Die schwierige Entscheidung damals war richtig".
Ruppiger Charme
"Münte" gehört mit seinem ruppigen Charme zu den wenigen Spitzenpolitikern, die noch die Sprache der Basis sprechen. Egal ob er an einer Theke oder einem Infostand in der Fußgängerzone steht - "der Franz, der kann's", heißt es in der SPD. Er kennt das politische Geschäft mit all seinen Fallen von der Pike auf - und er kokettiert gerne mit seiner Erdung, seinem Volksschulabschluss und seiner Basisnähe: "Ich kann nur kurze Sätze", sagt er gern und sucht bevorzugt Analogien in der Fußballersprache.
Müntefering besitzt bei allem Charme aber auch eine jähzornige Ader. Die Partei steht für ihn immer über Einzelinteressen. Abgeordnete haben sich unterzuordnen, sonst erinnert er sie auch gerne mal daran, wem sie ihr nettes Leben als MdB zu verdanken haben und droht damit, Disziplinlosigkeit bei der nächsten Listen-Aufstellung für Wahlen zu "berücksichtigen".
Die für ihn schwierigste Metamorphose erlebte Müntefering mit der Agenda 2010. Anfangs stand er ihr noch skeptisch gegenüber. "Es war Einsicht", sagt er nun: "Es ging ja nicht darum, dass wir als Regierende noch einen Sack Geld im Keller hatten, den wir nur nicht rausrücken wollten". Er sieht Deutschland an einem historischen Scheideweg und konnte es nicht ertragen, die Gestaltung dieses Wandels Union und FDP zu überlassen, denen er schlicht nicht über den Weg traut. In der Frage ist er klassischem Lagerdenken verhaftet: Merkel, Merz, Stoiber und Co. Sind für ihn Reizfiguren, die das Kanzleramt als Erbhof betrachten und den Staat als Beute. In der Abteilung Attacke schießt er dann auch gerne mal über das Ziel hinaus. Hat er sich einmal entschieden, fährt er volle Kraft voraus. Müntefering war es, der für Schröder Partei und Fraktion mit auf den steinigen Reformweg drängte.
"Ich kann keine langen Sätze"
Seit dem Bochumer Parteitag im vergangenen November gilt Müntefering längst als der mächtigste Mann in der SPD. Viele vergleichen ihn mit Herbert Wehner, dem es als Fraktionschef auch egal war, wer unter ihm Parteivorsitzender war. Wo andere lange erklärten, zögerten und zweifelten, stellte Münte sich mit seiner wohl kürzesten und kämpferischsten Rede ans Pult in Bochum und riss den Parteitag mit einer schlichten Formel mit: "Die Partei ist gut und die Fraktion auch. Glück auf." Für so was lieben sie ihn.
Einige wollen seit Bochum ein paar Veränderungen beobachtet haben. Eitler sei er geworden, machthungriger, wo er sich früher eher noch in die Pflicht hat drängen lassen. Müntefering gefällt sich in seiner Rolle, auch deshalb greift er nun nach dem Parteivorsitz, von dem er früher nicht mal geträumt hätte.
Aber diese neue Rolle birgt auch für ihn Risiken. Die mutlose Partei steht an einem historischen Scheideweg - und ihr kann im schlechtesten Fall sehr viel mehr blühen als nur wieder 16 Jahre Opposition. Die Zukunftsfähigkeit der SPD als Volkspartei steht auf dem Spiel. Die Personalie Müntefering wirft auch ein Licht auf das mehr als dünne Nachwuchstableau der Genossen. "Münte", der schon den weitesten Weg in der SPD hinter sich weiß, hat nun wohl das schwierigste Stück noch vor sich.