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Hamburg - Besonders rühmlich ist der Abschied von Olaf Scholz aus seinem Amt als SPD-Generalsekretär nicht. Dabei begann seine Polit-Karriere ziemlich hoffnungsvoll, wenngleich ganz weit links außen.
"Stamokaps" nannten sich die ganz harten Jungs der Jusos damals. Sie sahen den spätkapitalistischen Staat als Erfüllungsgehilfe ökonomischer Monopole. Das Wort "Stamokap" ist die Verkürzung der Warnung des russischen Revolutionärs Lenin vor einem staatsmonopolistischen Kapitalismus.
1975 wurde Scholz Sozialdemokrat. In dieser Partei wollte er sich "für Gerechtigkeit einsetzen". Sieben Jahre später wurde er bereits stellvertretender Vorsitzender der Jusos und erklomm als "linker Pragmatiker" (Eigeneinschätzung) Stufe für Stufe der Parteihierarchie.
Der kleine Olaf erblickte am 14. Juni 1958 als Sohn von Kaufleuten in Osnabrück das Licht der Welt. Seine Eltern stammen aus dem Hamburger Arbeiterstadtviertel Altona, in dem er mit seinen beiden Brüdern aufwuchs. Scholz studierte nicht an einer Eliteuniversität, sondern immatrikulierte sich in Jura in seiner Heimatstadt. 1985 wurde er Rechtsanwalt und spezialisierte sich auf Arbeitsrecht.
Lob von Schröder
1994 übernahm er in Altona den Vorsitz seiner Partei und war damit auch Mitglied im Landesvorstand der Hamburger Sozialdemokraten. Vor vier Jahren wurde er Chef der Hamburger SPD und überließ doch Ortwin Runde die Spitzenkandidatur bei den Bürgerschaftswahlen vor zweieinhalb Jahren.
Schließlich hatte er bei der Bundestagswahl 1998 ein Direktmandat gewonnen und stieg im Bundestag rasch zum Fraktionsvize der SPD auf. Vor zwei Jahren lobte ihn Schröder öffentlich und bezeichnete ihn gar als einen potenzieller Nachfolger im Amt des Bundeskanzlers. Hamburg war damit eigentlich zu klein für einen wie ihn.
"Ich bin liberal, aber nicht doof"
Aber kurze Zeit später ließ er sich doch als neuer Innensenator in Hamburg in die Pflicht nehmen. Seine Feuertaufe. Scholz versuchte mit harten Parolen zur inneren Sicherheit die schlechten Umfragewerte der SPD kurz vor der Bürgerschaftswahl noch zu drehen.
Er stellte mehr Polizisten ein, kündigte den Ausbau von Programmen gegen Jugendkriminalität und einen härteren Umgang mit Drogendealern an. Nachdem klar wurde, dass die Attentäter des 11. Septembers 2001 jahrelang in Hamburg gelebt hatten, setzte sich Scholz kompromisslos für die Rasterfahndung ein und forderte einen schärferen Umgang mit Islamisten. Sein Spruch: "Ich bin liberal, aber nicht doof."
Trotzdem wählten die Hamburger lieber das Law-and-Order-Original - Ronald Schill.
Auch nach der verlorenen Hamburg-Wahl galt er noch lange als unangefochtene Nummer eins seines Landesverbandes, den er nach dem Verlust der Macht nach 44 Jahren konsequent auf Modernisierungskurs getrimmt hatte. Nach seinem Weggang nach Berlin glitten ihm aber zu Hause mehr und mehr die Zügel aus den Händen. Im vorigen November gab er alle Ambitionen in Hamburg auf und erklärte öffentlich, er sehe seine politische Zukunft in der Bundespolitik.
Erst dieser Rückzug aus Hamburg ermöglichte seiner Ehefrau, der Bürgerschaftsabgeordneten Britta Ernst, die Chance, in der SPD der Hansestadt Karriere zu machen. Prompt berief Thomas Mirow, SPD-Spitzenkandidat der Bürgerschaftswahl Ende des Monats, sie in sein Schattenkabinett.
Karlsson auf dem Dach
Bei den Bundestagswahlen 2002 konnte Scholz seinen Wahlkreis verteidigen. Kurze Zeit später wurde der damalige Generalsekretär (und seit heute designierte Parteivorsitzende) Franz Müntefering neuer Chef der SPD-Bundestagsfraktion - und Scholz sein Nachfolger.
Zum einen wurde bei Scholz "unermüdlicher Arbeitseifer, hohe Intelligenz, schnelle Auffassungsgabe" gewürdigt. Kritiker warfen ihm aber Ungeduld, brennenden Ehrgeiz und "napoleonisches Gehabe" vor.
In diesem neuen Amt und mit Beginn der Reformagenda 2010 benahm sich Scholz jedoch oft wie Karlsson auf dem Dach. Etwa wenn er beherzt ins verbale Fettnäpfchen griff wie mit der "Lufthoheit über die Kinderbetten". Und dem Hauptdarsteller in der schwedischen Kinderserie ähnelte er auch noch äußerlich. So wurde er zum Sinnbild eines Formulierungsautomaten, der dem Kanzler willenlos alles nachplapperte. Einer, der zwar geschliffen reden kann, aber ohne Inhalt.
Beim Bochumer Bundesparteitag der Sozialdemokraten bekam Scholz am 17. November 2003 die Quittung: Nur fünf Delegierte mehr als nötig hatten ihn im Amt bestätigt. Viele Genossen gaben ihm die Schuld an der "Kakophonie" innerhalb der SPD-Führung.
Das jähe Ende seiner bis dato steilen Parteikarriere, dem der 45-Jährige mit 52,6 Prozent der Stimmen im November gerade noch entgangen war, hat ihn nun doch ereilt. Insider halten jedoch ein schnelles Comeback des "Scholzomats" für denkbar. Schließlich gibt es für das Amt des 71 Jahre alten Innenministers Otto Schily nicht übermäßig viele geeignete Kandidaten.
Auf der Homepage der Bundes-SPD war Scholz heute übrigens noch lange mit einem Bild und einer prophetischen Aussage zu bewundern: "Der Reformprozess ist noch nicht abgeschlossen."
Olaf Scholz wurde noch kurz vor dem Wochenende zum vorerst letzten Opfer der Reformbemühungen der Bundesregierung.