SPD-Hoffnungsträger Schulz Plötzlich Kanzlerkandidat
Sozialdemokrat Schulz
Foto: Michael Sohn/ APSigmar Gabriel kommt ein paar Minuten vor dem designierten SPD-Kanzlerkandidaten und künftigen Parteichef. Fast unbemerkt drückt sich Gabriel am Pulk der Journalisten vorbei, die vor dem SPD-Fraktionssaal im Berliner Reichstagsgebäude warten. Er ist schon einen Tag nach seinem angekündigten Rückzug von der Parteispitze nicht mehr die Hauptfigur: Alle schauen jetzt auf Martin Schulz, den Gabriel für seine Nachfolge und die Kanzlerkandidatur empfohlen hat.
Schulz ist plötzlich die Nummer eins seiner Partei.
Dabei ging er bis zu dem entscheidenden Gespräch mit Gabriel am Samstag noch davon aus, dass er bald das Außenministerium übernehmen werde, da Amtsinhaber Frank-Walter Steinmeier am 12. Februar in der Bundesversammlung wohl zum neuen Staatsoberhaupt gewählt wird. Und die Kanzlerkandidatur? Hatte Schulz abgehakt. Doch es kam anders: So ziemlich von heute auf morgen hat er die Hoffnungen einer ganzen Partei auf die Schultern gepackt bekommen. Schulz soll die SPD führen - und sie bei der Bundestagswahl im kommenden Herbst zurück ins Kanzleramt bringen. Angela Merkel ist jetzt seine direkte Gegnerin.
Schulz soll die SPD retten
Deshalb ist er an diesem Mittwoch auch in der Sondersitzung der SPD-Fraktion: Um den Abgeordneten zu erklären, wie das eigentlich funktionieren soll mit ihm als Merkel-Herausforderer und künftigem Parteichef. Bis vor ein paar Tagen war Schulz noch Präsident des Europaparlaments, jetzt soll er die deutsche Sozialdemokratie retten.
Aber erstmal muss er jetzt eine Menge Menschen umarmen: Angefangen mit Nochaußenminister Steinmeier, kaum jemand kann ihm auf dem Weg bis zu seinem Platz entkommen. Es ist ja seit Dienstagnachmittag, als die überraschenden Personalien bekannt wurden, ohnehin eine erstaunliche Euphorie unter den Sozialdemokraten zu beobachten. Wie viel ist davon echt, wie viel taktisch? Jedenfalls wird Schulz im Fraktionsaal schon vor seinen ersten Worten mit stehenden Ovationen von den Abgeordneten gefeiert.
Dem Rheinländer Schulz eilt eine Freundlichkeit voran, die ihm vieles leichter macht als beispielsweise Sigmar Gabriel. Der konnte zwar auch sehr freundlich sein, aber viele Parteifreunde erlebten öfter sein anderes Gesicht. Schulz' menschenfängerische Art ist ein klarer Pluspunkt für den Wahlkampf, das zeigt sich bereits in den Umfragen. Dazu kommt bei ihm ein gutes Gespür für die richtigen Worte am richtigen Ort. Das Signal an die Fraktion an diesem Tag: Ihr seid wichtig.
Länger als Fraktionschef der Sozialdemokraten im Europaparlament - siebeneinhalb Jahre - sei er nur Bürgermeister seiner Heimatstadt Würselen gewesen, sagt Schulz. Daher wisse er um die Bedeutung der Abgeordneten. "Ich stehe vor einer Regierungsfraktion", ruft er ihnen zu - aber nach der Bundestagswahl wolle er vor einer Regierungsfraktion stehen, "die den Kanzler stellt". Die Abgeordneten könnten sich auf seine Kampfkraft verlassen: "sitzend, liegend und stehend".
Er hat eine Kämpfer-Biografie
Zur Erinnerung: Die SPD liegt in Umfragen bei 20 Prozent, aktuell reichte es demnach nicht einmal per Dreier-Koalition zur Mehrheit. Aber dass Schulz ein erfolgreicher Kämpfer ist, das zeigt seine Biografie: Ohne Abitur schaffte er es bis an die Spitze des Europaparlaments, das bis dahin eher repräsentative Präsidentenamt verwandelte Schulz in einen Machtposten.
Nur: Er agiert nun auf einem ganz anderen Spielfeld.
Dabei fehlt ihm - Problem eins - seine komplette Mannschaft. In Straßburg und Brüssel hatte Schulz ein eingeschworenes Team, seine engsten Leute aber werden dort bleiben. In Berlin muss er nun so schnell wie möglich eine Truppe zusammenstellen. Schulz' sogenanntes Berliner Umfeld besteht mit Markus Engels aus genau einem Mann, allerdings ist der ein sehr erfahrener und gut vernetzter Politik-Profi. Außerdem hat der künftige Kanzlerkandidat in der Parteizentrale ein Büro mit einer Mitarbeiterin, dazu kommt schon seit Wochen eine persönliche Referentin.
Martin Schulz: Vom Fußball in die Politik
Dieser Umstand erinnert an Peer Steinbrücks Kanzlerkandidatur, der personell ähnlich unvorbereitet in die Bundestagswahl 2013 startete. Vergleiche mit Steinbrücks Pannen-Kandidatur hört man ja nicht gerne in der SPD.
Tatsächlich ist kaum vorstellbar, dass Schulz mögliche Fettnäpfchen ähnlich treffsicher ansteuert wie seinerzeit Steinbrück. Aber wie dieser verfügt auch Schulz - Problem zwei - nicht über eigene Truppen in der SPD: Er führt keinen Landesverband an, in der SPD-Bundestagsfraktion gibt es zwar einige aktenkundige Schulz-Fans wie den Chef der Parteilinken, Matthias Miersch, oder den aufstrebenden niedersächsischen Abgeordneten Lars Klingbeil - aber mehr nicht. Wie viel die aktuelle Euphorie wert ist, wird sich deshalb zeigen, falls es doch nicht so gut laufen sollte wie gedacht.
Problem drei: Schulz war nie Bundespolitiker, obwohl er seit Jahren Mitglied des SPD-Präsidiums ist. Er ist deshalb mit wichtigen innenpolitischen Themen wie etwa Rente oder dem Länderfinanzausgleich wenig vertraut. Und die Frage ist: Wie steht es um Detailkenntnisse zu wirtschaftspolitischen Themen oder beispielsweise dem Haushalt? Amtsinhaberin Merkel liebt solche Details und spielt sie gerne aus - da wird Schulz sich mächtig anstrengen und nacharbeiten müssen.
Im Video: So stehen Schulz' Chancen gegen Merkel
Bei CDU und CSU glaubt man auch, dass Schulz wegen seiner EU-Karriere eine leichte Zielscheibe sein wird, um ihn als europäischen Schuldenmacher und Europa-Hansel zu verunglimpfen. Das allerdings dürfte schwierig werden, wo Schulz in den vergangenen Jahren Seite an Seite mit dem konservativen Kommissionschef Jean-Claude Juncker agiert hat. Schulz wird wiederum als Kanzlerkandidat ohne Regierungsamt viel ungenierter den Koalitionspartner attackieren können. Zudem hofft die SPD, dass Schulz den Reiz des Neuen verkörpern kann, obwohl er natürlich seit Jahren zum Polit-Establishment gehört.
Was Schulz den Angriffen entgegenhalten wird, auf welche Themen er genau setzt, wird sich erst in den kommenden Wochen zeigen. Vielleicht weiß man nach seinem ersten großen Auftritt am Sonntag als designierter Kanzlerkandidat im Willy-Brandt-Haus mehr. Aber eines deutet sich schon jetzt an: Es dürfte bei Schulz viel um die elf Jahre als Bürgermeister seiner Heimatstadt mit ihren 40.000 Einwohnern gehen. "Da lernt man die täglichen Sorgen der Menschen kennen", sagte er am Mittwoch nach seinem Fraktionstermin.
Von Würselen wird die Republik noch einiges erfahren in den kommenden Monaten.