Muslimfeindlichkeit weitverbreitet: Experten drängen auf Ernennung eines Bundesbeauftragten - DER SPIEGEL
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Bilanz von Fachleuten Muslimfeindlichkeit in Deutschland weitverbreitet

Deutschland sollte einen Posten schaffen, um Muslimfeindlichkeit zu bekämpfen. Das empfiehlt ein Expertengremium in einem Bericht zum Thema. Innenministerin Faeser spricht von »bitteren Befunden«.
Frau mit Kopftuch (in Hamburg 2016): Vorurteile, Ressentiments, Diskriminierung
Frau mit Kopftuch (in Hamburg 2016): Vorurteile, Ressentiments, Diskriminierung

Frau mit Kopftuch (in Hamburg 2016): Vorurteile, Ressentiments, Diskriminierung

Foto: Georg Wendt / dpa

Muslime in Deutschland sind in ihrem Alltag häufig mit Vorurteilen, Ressentiments und Diskriminierung konfrontiert. Zu diesem Ergebnis kommt der aus zwölf Mitgliedern bestehende Unabhängige Expertenkreis Muslimfeindlichkeit (UEM) in seinem Abschlussbericht. Die Fachleute schlagen vor, die Bundesregierung sollte eine Beauftragte oder einen Beauftragten ernennen, um das Phänomen zu bekämpfen.

Der UEM hatte seit 2020 – auf Initiative des damaligen Innenministers Horst Seehofer (CSU) – etwa auf Grundlage von Studien, Kriminalstatistiken und Antidiskriminierungsstellen ein gesellschaftliches Lagebild zur Muslimfeindlichkeit gezeichnet.

Definition »Muslimfeindlichkeit«

Der Unabhängige Expertenkreis Muslimfeindlichkeit definiert das Phänomen als »die Zuschreibung pauschaler, weitestgehend unveränderbarer, rückständiger und bedrohlicher Eigenschaften gegenüber Muslim*innen und als muslimisch wahrgenommenen Menschen. Dadurch wird bewusst oder unbewusst eine ›Fremdheit‹ oder sogar Feindlichkeit konstruiert«.

Das Phänomen sei weitverbreitet, schreiben die Fachleute aus Wissenschaft und Verbänden. So stimme laut Untersuchungen etwa jede beziehungsweise jeder Zweite muslimfeindlichen Aussagen zu. Vorurteile gegen Zuwanderer und Muslime als Anhänger einer angeblich besonders »rückständigen« Religion überschnitten sich, Betroffene würden gleich doppelt stigmatisiert.

Muslimische Frauen berichteten, dass sie als nicht selbstbestimmt wahrgenommen würden, muslimische Männer wiederum erzählen, sie würden als aggressiv und gewalttätig wahrgenommen. Für sie seien das keine Einzelereignisse, sondern wiederkehrende und mitunter sehr belastende Erfahrungen. Sie erführen Ausgrenzung und Diskriminierung bis hin zu Gewalt.

Expertenrat fordert Fortbildungen für Lehrer und gezielte Kampagnen

Nötig sei neben einem oder einer Bundesbeauftragten auch ein Sachverständigenrat, der dieser Person zur Seite stehe. Auch müsse die Bundesregierung die Teilhabe von Menschen »mit muslimischen Identitätsbezügen« in allen staatlichen Einrichtungen fördern und dies etwa mit gezielten Kampagnen begleiten.

Für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter staatlicher Einrichtungen wie Lehrerinnen, Erzieher oder Polizisten solle es Fortbildungen geben. In den Schulen müsse die Auseinandersetzung mit Muslimfeindlichkeit verpflichtend werden. Rassismuskritische Studien sollten angeschoben und gefördert werden.

Faeser nennt Befunde »bitter«

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD), wegen Terminschwierigkeiten nicht bei der Vorstellung des Berichts anwesend, versprach eine intensive Beschäftigung damit. Muslimisches Leben gehöre selbstverständlich zu Deutschland, alle sollten die gleichen Chancen und Rechte haben.

»Umso bitterer sind die Befunde dieses ersten umfassenden Berichts zur Muslimfeindlichkeit in Deutschland: Viele der 5,5 Millionen Musliminnen und Muslime in Deutschland erleben Ausgrenzung und Diskriminierung im Alltag – bis hin zu Hass und Gewalt«, sagte Faeser. Es sei sehr wichtig, dies sichtbar zu machen und ein Bewusstsein für noch immer weit verbreitete Ressentiments zu schaffen.

fek/dpa