meinung •Pisa-Studie Wie Deutschland seine Migrantenkinder im Stich lässt und Potenziale verschenkt
Kita in Baden-Württemberg: Wieder mal eine Migrationsdebatte
Foto: Uli Deck / dpaEine bessere Unterrichtsqualität, mehr Ganztagsschulen, Maßnahmen gegen die Personalnot an Schulen? Um die Frage, welche Lehren die deutsche Politik aus den desaströsen Pisa-Testergebnissen ziehen sollte, wird derzeit heftig gestritten.
Weil Schüler und Schülerinnen mit Zuwanderungsgeschichte beim diesjährigen Testschwerpunkt Mathematik im Schnitt schlechter abschnitten als Gleichaltrige deutscher Herkunft , führen wir – wie bei fast allen Problemen in diesem Land – wieder mal auch eine Migrationsdebatte. Das Problem wird ethnisiert. Kinder sollten zu Hause gefälligst Deutsch sprechen, wird dann schnell gefordert.
Dabei ist längst bewiesen: Je besser sie ihre Muttersprache beherrschen, desto leichter fällt es ihnen, weitere Sprachen zu lernen. Eine Konsequenz aus dem Pisa-Desaster muss daher sein, dass Deutschland massiv in eine erfolgreiche frühkindliche Erziehung investiert, das heißt die notwendigen personellen und finanziellen Mittel bereitstellt.
Kinder aus armen und benachteiligten Familien, und zwar unabhängig davon, ob sie einen Migrationshintergrund haben oder nicht, haben das Pech, dass sie in einer sprachlich armen und anregungslosen Umwelt aufwachsen. Sie haben keine Chance, mit Kindern aus sozial besser gestellten Elternhäusern, denen viel persönliche Zuwendung entgegengebracht wird, mitzuhalten.
Die Erzieher:innen in Brennpunkt-Kitas resignieren schon lange: »Wie sollen wir uns denn diesen Kindern individuell zuwenden, fast alle Kinder haben deutliche Defizite und wir haben überhaupt keine Zeit«, höre ich häufig. Noch schlimmer als Kitakinder sind jene betroffen, die gar nicht in die Kitas kommen und bei denen dann der verantwortliche Schularzt feststellt: »Einige dieser Kinder können Farben nicht unterscheiden«. Unglaublich, aber wahr.
Sprachwissenschaftler und auch Bildungsökonomen wissen und sagen es schon sehr lange: Die Sprachentwicklung fängt ganz früh an. »Französische Babys lallen anders als deutsche Babys«. Sie ahmen bereits sehr früh die Sprachmelodie ihrer Mütter nach – so sie denn familiäre Zuwendung erfahren. Die Nationalakademie Leopoldina weiß: In der frühen Kindheit gibt es kritische und sensible Phasen, in denen zwingend bestimmte (sprachliche) Umwelterfahrungen gemacht werden müssen. Findet das nicht statt, sind die Defizite häufig irreversibel.
Vor diesem Hintergrund ist es nicht überraschend, dass viele Schulen vergeblich (und mittlerweile verzweifelt) versuchen, die Defizite dieser Kinder aufzuholen. Oft ist es dann aber schon zu spät.
Auch deshalb habe ich vor drei Jahren mit anderen Mitstreiter:innen den Verein Sprachpat*innen für KiTa-Kinder e.V. gegründet. Ziel ist es, Kitakindern aus einkommensschwachen Haushalten die deutsche Sprache näherzubringen. Unsere Sprachpat:innen sind vor allem in Brennpunkt-Kitas im Einsatz. In einer 1:1 Betreuung bringen die Pat:innen zweimal pro Woche zwei bis drei Kindern spielerisch die deutsche Sprache bei. Wir sehen, wie die Kinder durch die persönliche Zuwendung aufblühen und in Spiel- und Sprachsituationen schnell dazulernen.
Unsere Erfahrung ist übrigens, dass viele dieser benachteiligten Kinder auch in ihrer Muttersprache einen sehr kleinen Wortschatz haben, dies gilt auch für benachteiligte deutsche Kinder. Wir bräuchten im Prinzip deutschlandweit Sprachpat:innen, die diese Kinder individuell mit hinreichender Zeit unterstützen.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie wichtig es ist, früh auf Bildung und Sprache zu setzen. Das politische System in Deutschland schreibt Biografien wie meine nicht vor. Erst in der ersten Klasse habe ich Deutsch gelernt: Mein Vater bestand darauf, dass wir zu Hause Arabisch sprechen. Er hatte Angst, dass wir unsere Muttersprache verlernen würden. Mein Glück einer sprachlich anregungsreichen und zugewandten Erziehung durch meine Familie haben viele der fast 6000 Berliner Kinder nicht, die jährlich im Sprachfeststellungstest (ein gutes Jahr vor der Einschulung, also viel zu spät) auffallen. Diese Kinder wachsen praktisch von Geburt an in einer »bildungs- und anregungsarmen Umgebung« auf. Wir müssen also mit Politik und Zivilgesellschaft die frühkindliche Erziehung stärken. Das wird von den Fachleuten immer wieder gefordert, aber wir müssen Wege finden, dies auch zu tun.
Ich weiß, dass die Kitas am Anschlag arbeiten und keine Ressourcen haben, um diese notwendigen Aufgaben zusätzlich zu stemmen. Ich weiß auch, dass der Markt für Erzieher:innen leer gefegt ist. Und die Arbeit von ehrenamtlichen Sprachpat:innen nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein kann.
Wenn wir jetzt nicht neue Wege suchen, riskieren, probieren und gehen, sehen wir uns in drei Jahren in Pisa wieder.
Ich habe in der ersten Klasse schnell Deutsch gelernt, war nach kurzer Zeit Klassenbeste. Ich hatte Glück, hatte tolle Lehrer, die an mich geglaubt haben, und mein Elternhaus, das einen Sinn für Bildung hatte – auch wenn mein Vater und meine Mutter Analphabeten waren.
Die Zukunft unserer Kinder darf aber nicht vom Glück abhängen und auch nicht davon, ob sie die bildungspolitische Aufholjagd aus eigener Kraft schaffen. Glück ist zudem nicht gerecht. Jedes Kind, das mit guten Deutschkenntnissen seine Schullaufbahn startet, hat größere Chancen auf einen sozialen Aufstieg. Wenn wir mehr Kindern aus einkommensschwachen Elternhäusern, mit oder ohne Migrationshintergrund, diesen Aufstieg ermöglichen, schaffen wir mehr Diversität in allen gesellschaftlichen Bereichen.
Dann sind Biografien wie meine endlich selbstverständlich.