Renate Künast Superstar Drogenbekämpfung mit der Mistgabel
Stuttgart - Einen solchen Begeisterungssturm konnte nicht einmal der grüne Oberzampano Joschka Fischer auslösen. Als Renate Künast mit ihrer Rede zur "neuen Landwirtschaft" den dritten und letzten Tag der Bundesdelegiertenversammlung in Stuttgart eröffnet, bedenkt sie das Publikum mit stehenden Ovationen, auf dem Podium herzen sie die Parteichefs Fritz Kuhn und Claudia Roth. Künast kommt an.
Etwas fehl am Platz fühlt sich die neue Landwirtschaftsministerin manchmal schon in ihrem Amt, gesteht sie den Delegierten. Wenn sie auf die "Ahnengalerie" im Ministerium sieht, sind da "lauter dicke, runde Männer - mehr so wie Rezzo". Und jetzt sie, diese kleine, zierliche "Großstadtgöre", wie sie immer gern genannt wird. Doch diese Göre ist der Superstar der Grünen. Mit Künast hat die Partei eine neue Identifikationsfigur. Zurück zur Ökopartei, aber weg vom Müsli - das verkörpert die Frau auf dem Podium, die da so viel von neuer Landwirtschaft spricht und doch nichts Neues verrät. "Seit der BSE-Krise ist nichts mehr, wie es einmal war", erzählt Künast ihrer Partei, und setzt mit einer "frohen Botschaft" nach: "Es wird auch nichts mehr so werden, wie es war."
Neue schöne Landwirtschaft
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Mit BSE sei die Schmerzgrenze für Menschen, aber auch für Tiere erreicht. Und es gibt für die neue Amtsinhaberin noch mehr Ställe auszumisten. "Wir haben ein Drogenproblem", klagt Künast. Das gigantische Dealen in den Schweineställen müsse aufhören. Das Verbot von Tiermehl müsse wirksam kontrolliert werden. Die gläserne Produktion soll beginnen. "Wer Lebensmittel verkauft, hat eine Bringschuld." Und das Wirrwarr von 150 Qualitätszeichen soll auch ein Ende haben. Künftig, so schwebt es der Landwirtschaftsministerin vor, soll es nur noch zwei geben: Das eine Siegel soll an Produkte vergeben werden, die besonders strengen ökologischen Maßstäben entsprechen, das andere für solche, die Mindeststandards erfüllen. Verbraucherschutz dürfe nicht erst einsetzen, "wenn das Rind schon in den Brunnen gefallen ist". Und alle sollen sie geschützt werden: die Verbraucher, die Tiere, aber auch die Bauern vor ihren Verbänden.
"Jetzt muss es wirklich anders werden." Nicht einiges besser, sondern alles anders will Künast machen. Immer wieder beschwört sie die neue schöne Landwirtschaft der Zukunft. Grün und ökologisch soll sie sein. Lauter glückliche, gesunde Kühe, die auf der Weide grasen, bis sie von glücklichen, gesunden Menschen verspeist werden. Dass dazu der grüne Wille allein nicht ausreichen wird, dass es noch zahlreiche fast unüberwindbare Hürden in Brüssel zu nehmen gibt, das verklausuliert die kleine Blonde mit dem Igelschnitt lieber. EU-Agrarkommissar Franz Fischler habe ja schon an mancher Stelle Einlenken signalisiert, und das mit der Massentötung von 400.000 Rindern sei absolut nicht "das, was ich mir vorgestellt habe".
Aber Künast räumt ein: "Wer etwas verändern will, braucht den langen Atem eines Marathonläufers." Und letztendlich liege die wirkliche Macht, etwas zu ändern, bei einer neuen Art der Bürgerinitiative: dem Verbraucher, der "mit Messer und Gabel bewaffnet vor seinem Teller sitzt und fragt: was ist da drin?". Und für den hat Künast gleich zwei Empfehlungen parat: "Erstens Qualität kaufen, zweitens Grün wählen." In zwei Wochen wird sich in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz zeigen, wie sich die wiedererwachte Ökopartei im Zeitalter von BSE verkauft.