Saarlands Union: Ein Programm namens Müller - DER SPIEGEL
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Saarlands Union Ein Programm namens Müller

Die Union im Saarland will am 5. September ihr bislang bestes Wahlergebnis erzielen. Das Ziel ist durchaus realistisch. Ausschlaggebend ist nicht nur der desaströse Auftritt der SPD, sondern vor allem Peter Müller. Binnen einer Legislaturperiode veränderte der CDU-Mann sein Image vom jungen Wilden zum kumpelhaften Landesvater.
Von Lars Langenau
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Saarbrücken ist in diesen Tagen zugepflastert mit Wahlkampfutensilien. In Schnitzelläden schreiben die Wirte mit SPD-Kugelschreiber, in Weinlokalen liegen FDP-Flyer aus, in China-Imbissen stehen die Getränke auf Bierdeckeln von den Grünen. Und überall in der saarländischen Hauptstadt sind Großflächenplakate aufgestellt, auf denen Peter Aloysius Müller, 48, mit der schlichten Botschaft "Fortsetzung folgt" für sich wirbt.

Seit fünf Jahren ist er Ministerpräsident des kleinsten Flächenstaates Deutschlands. Er wird am Sonntag seine Politik mit einer marginalisierten Opposition fortsetzen können. Alle Umfragen sagen der CDU im ehemals tiefroten Saarland einen fulminanten Sieg voraus.

Was wäre das für ein Triumph für diesen Mann aus Eppelborn, der sich damit brüstet, den Ruf seines Landes binnen einer Legislaturperiode vom hoffnungslosen Almosenempfänger zum "Aufsteigerland" gemacht zu haben. 1999 erlangte die Union überraschend, mit lediglich ein paar tausend Stimmen, eine Mehrheit von nur einem Sitz im Landtag. Nun ist der einzige Gegner der Partei nur noch die "eigene Bequemlichkeit und Gemütlichkeit", wie CDU-Abgeordnete Land auf Land ab mahnen. Auch Müller warnt: "Die Leut' sagen, die Hasen sind doch schon im Stall. Aber Stimmungen sind noch keine Stimmen."

"Für das beste Ergebnis aller Zeiten"

Um sich noch etwas Spannung in diesem weitgehend entpolitisierten Wahlkampf zu erhalten, hat Müller in den vergangenen Wochen seine persönliche Meßlatte für den 5. September immer wieder ein Stück höher gelegt: Vom Ziel, abermals stärkste Partei im Saarland zu werden, zur eigenen Mehrheit, dann zur absoluten Mehrheit und nun zum "besten Ergebnis aller Zeiten", das die CDU im Saarland erreichen soll. Vor fünf Jahren erreichte er 45,5 Prozent, nun peilt er ein Ergebnis jenseits der 50 Prozent an.

Deshalb bereist Müller derzeit tagaus tagein sein Bundesland. Am vergangenen Mittwoch etwa feiert er Richtfest mit einer Jugendherberge in Homburg, wo um 10 Uhr morgens das erste Pils aufgefahren wird. Der bekennende Morgenmuffel ("Je später der Abend, umso besser der Müller") geht jovial durch die Reihen, grüßt hier und da und drückt so ziemlich jedem, den er erwischt, die Hand. Doch der vom Deutschen Brauer-Bund ausgezeichnete "Botschafter des Bieres 2004" lässt das Pils dann doch lieber erstmal stehen.

Der Tag ist noch jung. Beim Besuch eines Anzeigenblättchens in Homburg lobt er, dass die Stadt den Strukturwandel vom Kohle- und Stahlland zum Dienstleistungs- und Hightech-Land schon vollzogen habe. Schließlich will er das dem ganzen Land verordnen. Dann verabschiedet er sich: "Im Saarland gilt der Grundsatz, um 12 wird gegess'." Er muss noch zum Geburtstag seines Vaters, der lange eingefleischter Sozialdemokrat war, aber seit ein paar Jahren zu den tausenden Ex-SPD-Mitgliedern gehört.

Nach der Mittagspause legt Müller den Grundstein für einen Kindergarten. Er findet warme Worte zur Erziehung und im Anschluss singen die Kinder im Refrain "Ja, ist das schön, an diesem Ort wird ein neues Haus entstehen" und tanzen für den Ministerpräsidenten. Es folgen Lobpreisungen von örtlichen CDU-Abgeordneten, die Besichtigung einer Schraubenfabrik und der Besuch des historischen Kupferbergwerks Düppenweiler, wo er seinen ihn begleitenden minderjährigen Sohn Maximilian über die Kluft der Arbeiter im Stollen aufklärt: "Das ist ein Arschleder."

Müller nutzte die letzten Wochen für eine ausgiebige Tour durchs kleine Land, die vor allem aus Besuchen bei der Kirmes besteht. Dass der Wahlkampf mitten in den Sommerferien ausgetragen wird, empfindet die SPD hingegen als eine von Müller ausgeheckte Nickeligkeit, da so keine Zeit für echte Auseinandersetzungen bleibe. Doch auf den Jahrmärkten dreht der Mann erst richtig auf. Hier zieht er sein Jackett aus, die Menschen sagen "Du, Peter" zu ihm und manchmal holt er auch seine Klarinette raus und begleitet die örtliche Blaskapelle. Der Landesvater von etwas mehr als einer Million Einwohnern sagt dann mit dem rollendem "r" seiner Mundart, "das müsse mir mache", "da hascht", "das Problem sind nicht die Leut' selbscht" - und "Fescht". "Die Saarländer feiern gern."

Er reißt gerne kleine Witzchen und schmeißt sich im Anschluss vor Lachen weg. "Die Leut" sagen dann von ihm, er habe den nötigen Humor.

"Ich bekenne skrupellos, Skat gespielt zu haben"

Zwischenzeitlich sitzt Müller leger auf der Tischkante eines Vereinsheimes, hält sein erstes Bier in der Hand und schwätzt mit den Menschen. Der Vater von drei Söhnen gibt sich menschlich, will sich nicht auffressen lassen von der Politik. Hin und wieder schaufelt er sich Termine frei für einen gelegentlichen Kick beim FC Union Saar ("die wohl älteste Fußballmannschaft der Welt") und seine große Leidenschaft: "Ich bekenne skrupellos, gestern Abend ab 21 Uhr Skat gespielt zu haben - mitten im Wahlkampf."

Er hat sich vom Image des jungen Wilden gelöst, das ihm wegen gelegentlicher, durchaus frecher Widerworte zu Helmut Kohl vor einem Jahrzehnt verliehen wurde. Heute pflegt er das Bild eines Reformers in seiner Partei und wirkt wie die Inkarnation eines Klaus Töpfers, der gegen den damals übermächtigen Ministerpräsidenten Oskar Lafontaine jedoch chancenlos blieb. Seine eigene Partei hat es aber auch noch heute nicht immer leicht mit Müller. Er stehe zu dem Systemwandel, der auf dem letzten CDU-Parteitag beschlossen wurden, sagt er etwa. So sei es "notwendig, die Finanzierung des Sozialausgleichs für die Gesundheitsprämie mit der Steuerreform in Einklang" zu bringen sei. "Da besteht Harmonisierungsbedarf."

Schattenkampf gegen Lafontaine

Überhaupt wäre ihm Lafontaine als Gegner lieber gewesen. Sagt er zumindest. "Es wäre eine sehr viel profiliertere Auseinandersetzung geworden." Den ehemaligen SPD-Chef und heutigen Dissidenten am Ende zu überwinden, "hätte auch eine ganz andere bundespolitische Ausstrahlung gehabt".

Lafontaine sei Unternehmer in eigener Sache, "einer, der immer den Verzicht predigt und den Luxus lebt". "Aber es gibt ein gewisses Maß an Verlässlichkeit bei Oskar Lafontaine: Wenn Landtagswahlen im Saarland sind, bringt er eine Nummer, die den eigenen Leuten eher Probleme bereitet." Schließlich beförderte Lafontaine schon kurz vor der Wahl 1999 mit seinem Rückzug als Finanzminister und als SPD-Chef Müllers Erfolg im Saarland.

Hartz IV, so wirkt es zumindest, ist im Saarland nur ein Thema für Lafontaine, die PDS und die NPD, laut Umfragen werden die zuletzt genannten aber unter fünf Prozent bleiben. Vergangenen Montag machten sich in Saarbrücken gerade einmal 1200 Menschen auf, um gegen die Arbeitsmarktreformen zu demonstrieren. Und trotzdem kümmert sich auch da "der Peter" drum: Auf seinen Wahlkampfterminen verspricht er eine Bundesratsinitiative zur Nachbesserung von Hartz IV.

SPD: Müller ist ein Pharisäer

Dass die SPD ihm nun Pharisäertum vorwirft, weil er doch selbst im Vermittlungsausschuss gesessen hat und nun nachträglich noch an dem Gesetz herumdoktern will, ist für ihn "einfach ein bisschen dümmlich": Die Opposition könne schlicht nicht zwischen Gesetzestext und Gesetzesvollzug unterscheiden. Und: "Ich bin für die Ignoranz der Opposition nicht verantwortlich."

Auch weitere Vorwürfe der SPD prallen an ihm ab wie Gummibälle. Er sei für die Aushebelung der Tarifverträge: "Quatsch". Für die Lockerung des Kündigungsschutzes: "Wenn die Opposition nicht will, dass Arbeitslose in Beschäftigung kommen, ist das ihr Bier." Dass die Schulden des Landes mit 7,4 Milliarden Euro so hoch seien wie 1994: "Die Verantwortung für die weiterhin bestehende Haushaltsnotlage liegt aber nicht bei der Landesregierung. Da müssen die Genossen hier schon mit den Genossen in Berlin reden."

Müller hat es im Saarland geschafft, sich die Begrifflichkeiten der Sozialdemokraten hegemonial anzueignen. Etwa wenn er sagt: "Soziale Gerechtigkeit war unser Thema und wird immer unser Thema bleiben." Vergessen sind dann die Verschärfungen und Härten, die die Union eigentlich den Schwachen noch zusätzlich zumuten will und die er höchstpersönlich im Vermittlungsausschuss vertrat. Er ist eben ein Meister des Einlullens.

Und wenn er nun diese magische SPD-Formel von der sozialen Gerechtigkeit benutzt, schießen auch seinen Anhängern Tränen in den Augen. Am späten Abend erntet Müller nicht nur bei ein paar markigen rechten Sprüchen Bravo-Rufe von rund 300 Anhängern. Er kündigt in der Stadthalle von Illingen auch an, dass die Angestellten im öffentlichen Dienst sich genauso auf Kürzungen einstellen müssen, wie es die Beamten jetzt schon erleben. Er sage dies "vor der Wahl, bewusst vor der Wahl, damit uns nachher niemand vorwerfen kann, das haben wir verschwiegen", ruft er in den Saal. Trotzdem ehren ihn die Anwesenden mit stehendem Applaus. Müller steigt auf einen Stuhl und reckt die Arme in Siegerpose empor.

"Unser Programm ist Peter Müller", sagen sie in der Union. Derzeit kann sich das Programm alles leisten.