SPD Müntefering inside out
Berlin - Es sind erstaunliche Töne, die Franz Müntefering im Interview mit dem Magazin der "Süddeutschen Zeitung" anschlägt. Besinnlich und ungewöhnlich introspektiv erlebt der Leser den Vizekanzler, der sonst nüchtern und verschlossen ist. Streckenweise klingt der 66-Jährige so, als bereite er sich bereits auf sein Ausscheiden aus der Politik vor. Die Magazinmacher wollen diesen Eindruck auch suggerieren und haben einen entsprechenden Titel gewählt: "Franz Müntefering zieht Bilanz nach 40 Jahren in der Politik".
Die größte Überraschung sind die Einblicke in Münteferings Seelenleben. Bisher hatte er stets allergisch auf Versuche der "Psychologisierung" reagiert. Nun erzählt er freimütig: "Ich war meistens ein Alleiner". Einmal habe er einen sehr guten Freund gehabt, der aber im Alter von 32 Jahren tödlich verunglückt sei. Seitdem sei er sehr zurückhaltend.
Auf die Frage, ob er ein schlechter Freundschaftenpfleger sei, antwortet Müntefering: "Es mag schon sein, dass ich da eine spezielle Macke habe." Das sei eine Sache, die ihn beschäftige. "Wenn man mal nicht mehr im Betrieb ist wen hat man eigentlich?"
Warme Worte findet Müntefering für Gerhard Schröder, dessen Freundschaftsantrag er vor einiger Zeit in einem Doppelinterview mal brüsk abgewiesen hatte. "Ich bin nicht der Kumpeltyp", hatte er gesagt. Nun betont er, das habe er nicht böse gemeint. Sein Verhältnis zu Schröder sei intensiv gewesen, "sogar freundschaftlich". 2002, als Münteferings Frau schwer erkrankte und gleichzeitig Bundestagswahlkampf war, habe Schröder viel Verständnis gezeigt. Es sei sein schwerstes Jahr gewesen, erzählt Müntefering. "Wir haben nicht oft darüber gesprochen, aber der ist in solchen Sachen empfindsamer als ich."
Überhaupt habe Schröder "viele sympathische Seiten" und sei anders, als er als Politiker wahrgenommen werde. Auch habe Schröder viel sentimentaler als er selbst auf den Rücktritt vom Parteivorsitz reagiert.
Jugend mit WDR III
Freizügig plaudert Müntefering über sein Elternhaus im Sauerland. Seinen Vater habe er nie mit einem Buch in der Hand gesehen, seine Mutter habe ihn vor den Dostojewski-Lesungen im Radio gewarnt: "Mach das nicht, das ist ganz gefährlich. Das führt irgendwo in Untiefen, in Zweifel, in Sinnkrisen, in Unglück." Der Sohn bildete sich dennoch weiter - mit Rowohlt-Taschenbüchern, "Zeit" und WDR III.
Der eiserne Wille, seiner Umgebung zu entkommen, trieb Müntefering in die Politik und dort immer höher. Jetzt könnte bald Schluss sein: Nicht wenige Beobachter glauben, mit dem Ende der Großen Koalition gehe auch Müntefering. Der weist allerdings Rücktrittsgedanken weit von sich. "Vielleicht nach 2009", lautet seine Antwort. Und versprechen könne er nicht, dass er dann weg sei. Es ist die alte Politikerregel: Einen Rücktritt sollte man nicht ankündigen, wenn man noch etwas bewegen will.
Noch hat Müntefering eine Mission: Er will seiner Partei die Sehnsucht nach der Opposition austreiben. "Die SPD hat eine historische Schwäche", sagt er. "Wenn ein Sozi Kanzler ist, dann sagen die Konservativen: Das ist ein historischer Irrtum. Aber schlimmer ist, wenn die Sozis sagen, es sei normal, dass die anderen regieren. Diese Mentalität, die behindert uns." Es sei wichtig, nicht alles besser zu wissen, sondern es besser zu machen.
Damit verankert sich Müntefering fest in der Tradition von Helmut Schmidt und Gerhard Schröder. Das Regieren wurde allerdings sowohl Schmidt als auch Schröder zum Verhängnis: Die Partei versagte ihre Gefolgschaft, es folgte der Kanzlerrückzug. Auch Müntefering hat diesen Liebesentzug bereits erfahren: In der Partei gilt er als unverbesserlicher Regierungssozi.
Der Widerstand scheint Müntefering jedoch nur zu beflügeln. Stellenweise klingen seine Worte wie ein politisches Vermächtnis. Wie Schröder hat er sein großes Thema gefunden, welches sich auch als Parteieminenz im Ruhestand noch trefflich pflegen ließe. "Was ich möchte, ist, dass diese SPD versteht, dass sie sich verändern muss", sagt Müntefering. "Das Festhalten an dieser schönen Zeit, wo wir groß und stark waren und alle zu uns gekommen sind Willy wählen, alles wunderbar - , das ist falsch, und eigentlich ist es ein Vergehen an der Partei und an ihrer Idee."