Struck und Kauder: "Vermisst Du mich?" - DER SPIEGEL
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Peter Struck: Rückblick eines Politikers

Foto: Stephanie Pilick/ dpa

Struck und Kauder "Vermisst Du mich?"

Als Fraktionschefs hielten sie die Große Koalition zusammen und wurden Freunde: Peter Struck (SPD) und Volker Kauder (CDU) sind eine Ausnahme in der Spitzenpolitik. Nun hat Struck ein Buch geschrieben: Über Schwarz-Rot - und auch über den Gegner, der zum Freund wurde.
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Vor ein paar Wochen hat Peter Struck mal wieder seinen Freund Volker Kauder angerufen. "Wie geht's dir?", fragte er. "Vermisst du mich?" Zuerst habe er gedacht, der Struck will sich mal wieder in Erinnerung bringen, erzählt Kauder schmunzelnd. Doch dann habe Struck gefragt, ob er nicht sein Buch in Berlin vorstellen wolle: "Ich denke, du kommst nicht so schlecht weg."

Großen Koalition

Da konnte Kauder natürlich nicht widerstehen. Während der hatten sie als Fraktionsvorsitzende ihrer Parteien den Laden zusammengehalten. Struck die SPD, Kauder die CDU. Während dieser Zeit sind sie gute Freunde geworden - im hektischen Berliner Politikbetrieb ist das eine Ausnahme, vor allem über die Grenze zwischen den beiden Volksparteien hinweg.

Kauder

Nun sitzen beide nebeneinander auf dem Podium in Berlin, sie sind ein drolliges Duo. Er habe zuerst die Teile gelesen, in denen er selbst vorkommt, sagte gleich zu Beginn. "Politiker sind halt so."

Peter Struck

Der Politiker war oft ein bisschen anders als seine Kollegen. Eckiger. Kantiger. Knorriger. Kauder gibt eine Anekdote zum Besten: Als sie einmal zusammen in einer Talkshow saßen und sich unterhielten, ermahnte Moderator Frank Plasberg: "Herr Struck, hören Sie doch mal zu, Sie könnten etwas lernen."

"Nö", habe Struck entgegnet, "von Ihnen nicht."

Es sei ein ruhiges Buch geworden, sagt der 67-Jährige, nicht darauf angelegt, riesige Auflage zu machen. "So läuft das. Politik mit Ecken und Kanten" ist der Titel. Er habe es auch geschrieben, damit seine Enkel einmal wissen, wie sein politisches Leben so gelaufen ist.

Sein bekanntester Satz darf da nicht fehlen: "Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt." Der sei im Februar 2003 spontan formuliert gewesen, schreibt Struck. Auf 311 Seiten erzählt er von den letzten elf Jahren seiner politischen Laufbahn. Von der rot-grünen Bundesregierung unter Kanzler Schröder, seiner Rolle als Verteidigungsminister und von der Großen Koalition unter Angela Merkel.

"Die Sozis 30 Jahre lang bekämpft"

Damals mussten zwei Parteien zusammen regieren, die das eigentlich gar nicht wollten. Struck und Kauder hatten großen Anteil daran, dass die Koalition nicht vorzeitig platzte. "Volker Kauder und ich versprachen uns von Beginn an, den anderen niemals im Zweifel darüber zu lassen, was gemeinsam zu schaffen sei", schreibt Struck.

Immer wieder kommen die beiden nun auf ihre Zusammenarbeit zurück: Die Verlässlichkeit, Offenheit und Ehrlichkeit im gegenseitigen Umgang sei niemals enttäuscht worden, so Kauder. Nachdem er die "Sozis" zuvor 30 Jahre lang zu Wasser, zu Lande und in der Luft bekämpft hatte, habe er in diesen Jahren gelernt: "Es gibt bei den Sozialdemokraten auch tolle Leute. Einer davon ist Peter Struck."

Man könnte fast meinen, er will seinen alten Partner zurück. Doch der hat sich im vergangenen Jahr zurückgezogen. Kauder führt die Unionsfraktion nun in einer schwarz-gelben Koalition, und auch wenn er sich an diesem Tag in Berlin alle Mühe gibt, es anders darzustellen: Wirklich glatt läuft es nicht.

Das weiß Struck, und er macht sich einen Spaß daraus, die FDP dafür verantwortlich zu machen. "Amateure" seien das. So schlecht wie die schwarz-gelbe Koalition in ihrem ersten Amtsjahr hätten Union und SPD in ihrer Regierungszeit nie gearbeitet. Das sei vor allem zurückzuführen auf die "Unfähigkeit der FDP, regieren zu können".

"Du duzt dich mit Frau Homburger?"

Kauder kann das nicht unkommentiert lassen. Und schon folgt einer ihrer unterhaltsamen Wortwechsel:

Struck: "Der Außenminister ist kein Ruhmesblatt für unser Land."
Kauder: "Na, na. Lassen wir das mal." Kurze Pause. "Joschka Fischer habe ich mir auch nicht als Außenminister vorstellen können."
Struck: "Ich schon."

So scheint Struck denn auch ehrlich überrascht, als er erfährt, dass Kauder und FDP-Fraktionschefin Birgit Homburger per Du sind - deren Verhältnis galt lange als schwierig. "Du duzt dich mit Frau Homburger?"

Es wirkt ein bisschen, als ob Struck sich nach diesen Diskussionen zurücksehne, den politischen Streitgesprächen, den feinen Spitzen im Berliner Tagesgeschäft. Fehlt ihm die Politik? "Natürlich vermisse ich meine ehemaligen Mitarbeiter", sagt Struck. "Und auch ihn (Kauder) als Gesprächspartner bei wichtigen politischen Themen." Doch insgesamt scheint er den Abschied von der großen Politik, der vielen so schwerfällt, gut überstanden zu haben.

Zum Abschied im vergangenen Jahr hatte ihm ein SPD-Chor ein Lied dargeboten: "Niemals geht man so ganz." Struck sitzt jetzt völlig entspannt auf dem Podium. "Ich glaube", sagt er, "ich bin ganz gegangen."