Tatort mit Wotan Wilke Möhring: Wie realistisch war der Hasen-Terror? - DER SPIEGEL
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Faktencheck zum Oster-"Tatort" Wie realistisch war der Hasen-Terror?

Ballernde Osterhasen, die im "Tatort" Geiseln nehmen - angeblich um eine Amnestie für abgelehnte Asylbewerber zu erwirken. Und ein MEK-Beamter, der mit Auftragsmördern zusammenarbeitet. Ist das realistisch?
Bewaffneter Osterhase im "Tatort": Geiselnahme auf Spendengala
Bewaffneter Osterhase im "Tatort": Geiselnahme auf Spendengala

Bewaffneter Osterhase im "Tatort": Geiselnahme auf Spendengala

Foto: ARD
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Im Hamburger "Tatort" treffen sich betuchte Unternehmer und Honoratioren auf einer Spendengala, um Geld für Flüchtlinge zu sammeln. Auch Kommissarin Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) ist mit einem Freund unter den Gästen, als fünf linksradikale Aktivisten in Hasen-Kostümen die Benefizveranstaltung stürmen und mehr als 70 Geiseln nehmen. "Bad Easter Bunnies" nennt sich die Gruppe. Ihre politischen Ziele bleiben im Ungefähren, nur so viel wird klar: Die Männer wollen mit ihrer Aktion darauf hinweisen, wie scheinheilig die Spender sind, die sich in ihren Augen nur selbst feiern wollen.

"Auch dieses Jahr werden wir nicht eure Eier färben, sondern euch", brüllen die Aktivisten. "Rot wie Blut" soll es werden. Sie fordern per Livestream eine Amnestie für alle Abschiebehäftlinge, konkreter wird es nicht. Doch statt wie sonst Farbbeutel zu werfen, schießen die Hasen um sich. Der Chef-Bunny tötet einen der Gäste per Kopfschuss, später stirbt auch eine Tänzerin, als sie plötzlich aus einer Torte hüpft.

Kommissarin Lorenz merkt bald, dass hinter der Geiselnahme ein Auftragsmord an einem der anwesenden Mitarbeiter der Rüstungsindustrie steckt. Die Polizistin steht mit ihrem Kollegen Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) heimlich über Handy in Kontakt. Der ruft das MEK und muss später selbst zur Waffe greifen, als Lorenz einen Maulwurf unter den MEK-Beamten stellen will. So weit, so kugelgeladen - doch wie realistisch ist die Geschichte der ballernden Osterhasen? Der Faktencheck:

  • Wie gehen linksradikale Gruppen vor?

Immer wieder machen linksradikale Gruppen mit gewaltsamen Aktionen Schlagzeilen: In Leipzig griffen Hunderte Linksautonome im Januar das Amtsgericht und Polizisten an - aus Wut über den Tod eines Asylbewerbers und eine Pegida-Demonstration. In Berlin verübten Autonome mehrmals Brandanschläge gegen teure Autos. Damit wollten sie gegen die Gentrifizierung und steigende Mieten protestieren.

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Falke-"Tatort": Fiese Ostern!

Foto: ARD

Die 2009 aufgelöste "militante gruppe" verschickte Umschläge mit Patronen einer Kleinkaliberwaffe unter anderem an Otto Graf Lambsdorff, den damaligen Regierungsbeamten für die Entschädigung der Zwangsarbeiter. Nach Meinung der Militanten fiel die Entschädigung der Zwangsarbeiter mit einer Höhe von zehn Milliarden Mark zu gering aus. Später verübte die Gruppe Anschläge auf Amtsgebäude, ein Sozialgericht und Fahrzeuge, darunter auch Bundeswehrwagen.

Im "Tatort" bewirft die Hasen-Gruppe bis zu der Geiselnahme bei Benefiz-Abenden Gäste mit Farbe, um die Heuchelei solcher Veranstaltungen zu zeigen. Eine durchaus mögliche Aktion von linken Autonomen, alles andere ist eine Zuspitzung des Regisseurs und Drehbuchautors Thomas Stiller.

Vielleicht hat er sich bei seinen kostümierten Aktivisten an die Gruppe "Prekäre Superhelden" erinnert, die ab 1. Mai 2005 in Hamburg für Aufregung sorgte - aber anders als die ballernden Osterhasen gewaltlos. Als Comic-Helden wie Spiderman verkleidet, plünderten die Linken Büfetts in Nobelrestaurants und verteilten die Beute dann an Ein-Euro-Jobber, Praktikanten und Kitas.

"Tatort" mit Wotan Wilke Möhring
3 Min

  • Wie werden Flüchtlinge abgeschoben, wann kommen sie in Haft?

Alle Abschiebehäftlinge sollen freikommen, fordern die "Tatort"-Aktivisten. 2011 wurden laut Pro Asyl bundesweit 6500 Abschiebegefangene gezählt. 2010 waren es laut Bundesregierung noch etwa 7500, 2008 rund 8800 Menschen. Einen Großteil der Abschiebehäftlinge machten damals die sogenannten Dublin-Fälle aus. Das sind Flüchtlinge, die nach Deutschland gereist sind, obwohl sie in einem anderen EU-Staat zum ersten Mal europäischen Boden betreten haben und dort hätten bleiben müssen.

Mittlerweile dürfte die Zahl der Abschiebegefangenen niedrig sein. Zum einen dürfen nach einem höchstrichterlichen Urteil im vergangenen Jahr die Dublin-Fälle nicht mehr in Haft. Die Richter begründeten dies damit, dass der Bund es versäumt habe, in einem Gesetz zu klären, wann Fluchtgefahr bestehe und eine Haft gerechtfertigt sei. Zum anderen dürfen Abschiebeflüchtlinge nach einer Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte 2014 nicht mehr in normalen Gefängnissen untergebracht werden.

Übersicht nach Bundesländern - Zahlen von 2014 bis einschließlich 3. Quartal. Klicken Sie auf die Grafik, um sie zu vergrößern

Übersicht nach Bundesländern - Zahlen von 2014 bis einschließlich 3. Quartal. Klicken Sie auf die Grafik, um sie zu vergrößern

Foto: DER SPIEGEL

Zur Ausreise aufgefordert werden können Ausländer, wenn ihr Asylantrag abgelehnt, ihre möglichen Folgeanträge gescheitert sind und auch keine Duldung aus gesundheitlichen oder anderen humanitären Gründen vorliegt. Wenn sie nicht freiwillig ausreisen, folgt die Abschiebung. Dafür sind die Bundesländer zuständig. Im Fall der "Tatort"-Aktivisten wäre also das Land Hamburg der Ansprechpartner gewesen - die Forderung nach Freilassung "aller Abschiebehäftlinge" kaum möglich.

2014 beantragten bundesweit 202.834 Bewerber Asyl, 154.191 wurden abgelehnt. Davon galten 40.970 Menschen als "unmittelbar ausreisepflichtig". Das heißt, es lagen keine Gründe für eine Duldung vor. Trotzdem bleiben die meisten im Land - im vergangenen Jahr wurden nur 10.884 Ausländer nach Angaben der Behörden  abgeschoben, meist per Flugzeug. Oftmals scheitern die Versuche, weil viele Betroffene unter anderem angeben, keine Papiere zu haben, untertauchen oder bei Härtefallkommissionen Erfolg haben. Diese sind bei den Landesinnenministerien angesiedelt (Ausnahmen: Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg, dort ist das Integrationsressort zuständig). Die Kommissionen können die zuständigen Minister nach Prüfung und Beschluss bitten, Ausweisungen zu stoppen.

  • Wie arbeitet das MEK?

Das MEK, das Mobile Einsatzkommando, ist eine Spezialeinheit der Polizei, sie ist der Kriminalpolizei angegliedert. Sie kommt bei "besonderen Lagen" zum Einsatz, bei schwerwiegenden Straftaten wie Geiselnahme, insoweit ist der "Tatort" realistisch.

Weniger wirklichkeitsnah erscheint die Geschichte des MEK-Beamten. Er informiert einen der Geiselnehmer, den Kopf der Hasen-Bande, über den laufenden Einsatz. Als die MEK-Leute das Gebäude stürmen, geht der MEK-Maulwurf in den Keller, um den Mann zu töten. Bei Einsätzen sind die MEK-Beamten aber in Gruppen unterwegs, stehen im ständigen Kontakt. Wenn also ein Kollege länger fehlen und nicht antworten sollte, würde das auffallen. Der MEK-Beamte im "Tatort" aber ist ständig allein unterwegs.