Teil 2: Wasser im Schiff - DER SPIEGEL
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Teil 2 Wasser im Schiff

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

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Schröders Zorn über die SPD-Abgeordneten war noch nicht verraucht, da zündete Verteidigungsminister Scharping das nächste Feuer an. Es stimmte, was empörte Abgeordnete auf den Fluren des Reichstags gehört hatten: Bar jeden politischen Fingerspitzengefühls hatte Scharping geplant, nach der Abstimmung sofort wieder auf die Baleareninsel zurückzukehren, um, während 500 Soldaten in Mazedonien stationiert wurden, in aller Ruhe seinen Resturlaub fortzusetzen. Erst acht Tage nach dem Einsatzbefehl, so hatte er es noch am Morgen mit seinem mazedonischen Kollegen Vlado Buckowski vereinbart, wolle er nach Skopje fliegen.

Am Nachmittag, während der Mazedonien-Debatte, redete jedoch Generalinspekteur Harald Kujat dem Chef zu, lieber bald nach Mazedonien zu kommen. Nach der Aufforderung auch durch den Kanzler willigte Scharping ein.

So nahm die "Mallorca-Flugaffäre" (CDU-Wehrexperte Paul Breuer) ihren Anfang: Fast zeitgleich mit der Luftwaffen-"Challenger", die die Unionsabgeordneten Friedrich Merz und Michael Glos auf den Balkan brachte, hob Scharping am Mittwochabend in Berlin in Richtung Mittelmeer ab. Mit an Bord: Innenminister Otto Schily, der im italienischen Pisa abgesetzt wurde, und Verkehrsminister Kurt Bodewig, auch er Mallorca-Urlauber.

Ganze acht Stunden verbrachte Scharping auf der Insel: Am nächsten Morgen kam die nächste "Challenger", um den Verliebten wieder abzuholen.

Der Jet war frühmorgens in Köln gestartet ­ und zunächst nach Berlin geflogen. Dort stiegen Generalinspekteur Kujat, ein Adjutant sowie Sicherheitsleute zu. Dann ging's weiter, Scharping einsammeln ­ und quer übers Mittelmeer nach Skopje.

Weil die Dienstzeit der "Challenger"-Besatzung sich der zulässigen Grenze näherte, beorderte die Flugbereitschaft den Jet aus Skopje zurück nach Köln. Scharping, so die Soldaten an der Heimatfront, solle mit der Maschine weiterfliegen, die für Glos und Merz noch in Pristina im Kosovo, 80 Kilometer entfernt, bereitstand. Für die Oppositionsleute wurde aus Köln ein Airbus A 310 ­ eine andere Maschine stand nicht mehr zur Verfügung ­ auf den Balkan geschickt.

Dummerweise hatten Scharpings Flugplaner versäumt, die Unionspolitiker in ihren Plan einzuweihen. So standen Merz und Glos pünktlich auf dem Flugplatz ­ und ihr "Challenger" war weg, samt Merz' Aktentasche und Terminkalender. Der Airbus kam erst später an.

Vorläufige Kostenschätzung für Scharpings quicken Abstecher zur Freundin: mindestens 200 000 Mark. Für die Steuerzahler eine teure Nummer ­ für die Opposition ein gefundenes Fressen, um von ihren eigenen Blessuren in der Mazedonien-Debatte abzulenken.

Wie ein Lauffeuer fraß sich am Donnerstag die Nachricht von Scharpings Mittelmeer-Touren durch Ministerium und Kanzleramt. Fassungslosigkeit und Entsetzen machten sich breit. Wie konnte Scharping die beredte Funkstille des Kanzlers nach der "Bunte"-Inszenierung vom Spaßbad mit Rudi und Gräfin im Pool überhört haben? Und nun das.

Am Freitag spitzte sich die Lage für Scharping weiter zu. Peter Struck und Franz Müntefering schlossen sich mit ihm kurz. Der Fraktionschef riet dem Minister, seinen TV-Termin bei "Christiansen" am Sonntagabend abzusagen ­ Scharping folgte.

Längst ging es da um die Frage, wie lange Scharping sich noch in seinem Amt halten kann. Ein Rauswurf durch den Kanzler stieße selbst in den eigenen Reihen nicht auf Widerspruch. "Spätestens auf dem Bundesparteitag im November ist er als Parteivize weg", so ein Genosse. Da wird geheim gewählt.

Manche Sozialdemokraten, die gegen den Einsatz votiert hatten, gaben sogar zu verstehen, ihr "Nein" habe mehr mit Scharping zu tun als mit den Risiken in Mazedonien.

Auch bei der Truppe verspielt der einst so dröge Minister, der nun den flammenden Liebhaber gibt, die Reste an Autorität. Und nicht zuletzt im Ausland sinkt sein Renommee: Bei Telefonaten mit der Brüsseler Nato-Zentrale und ausländischen Kollegen müssen Scharping-Gehilfen sich spitze Fragen nach dem neuesten Klatsch über "Mister Scharping and his mistress" anhören ­ über Scharping und seine Mätresse.

Schon um die Jahreswende hatte Fraktionschef Peter Struck sich diskret bei Parteifreunden umgehört, ob ihnen eine Alternative zu Scharping einfalle. Damals tobte die Debatte über gefährliche Uranmunition auf dem Balkan und den ersten Turtelauftritt des Ministers und seiner Pilati in der Biolek-Talkshow.

Struck fand keinen Kandidaten. Jetzt ist die Lage anders: Vergangene Woche kursierten im Berliner Regierungsviertel mehrere Namen für eine mögliche Nachfolge. Von Hans-Ulrich Klose, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses, ist die Rede, von Hamburgs ehemaligem Bürgermeister Henning Voscherau und dem früheren Verteidigungsexperten und heutigen Mainzer Sozialminister Florian Gerster. Das Problem für Schröder: Übereilt kann er Scharping kaum entlassen. Sofort kämen die Erinnerungen an den Bruderzwist, bei dem Schröder 1995 den damaligen SPD-Chef an den Rand der Verzweiflung mobbte, wieder hoch.

Der Kanzler steht vor einem Spagat: Zwar nimmt der Druck aus seinem Umfeld und der Fraktion, von Öffentlichkeit und Medien, Scharping zu feuern, massiv zu. Andererseits würde kein Nachfolger das Amt antreten, ohne mehr Geld für die Bundeswehrreform zu verlangen. Den Sparkurs von Finanzminister Hans Eichel, das wichtigste Markenzeichen seiner Regierung, will der Kanzler aber auf keinen Fall gefährden.

"Schröder weiß nicht", bilanzierte am Freitagabend ein Chefgehilfe aus der Regierungszentrale, "wie er rauskommen soll, ohne dass es noch schlimmer wird."

ULRICH DEUPMANN, HORAND KNAUP, ALEXANDER SZANDAR

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