STRASSENNAMEN r raus
Nach stundenlangem Palaver über den 126-Millionen-Etat der Stadt Bonn verließen die Vertreter von SPD, FDP und Bürgergemeinschaft erschöpft und protestierend den Sitzungssaal des Stadthauses der Bundesmetropole, als die CDU-Fraktion, auf der Erledigung der restlichen Tagesordnung beharrte. Von den 42 Bonner Stadtverordneten blieben nur 23 Christdemokraten zurück.
Sitzungsleiter Dr. Daniels, Bonns Oberbürgermeister, rief den Antrag des CDU-Stadtrats Klaus Vogel auf: Namensänderung der Karl-Marx-Straße. 15 CDU-Räte hoben zustimmend die Hand, sechs waren dagegen, zwei enthielten sich der Stimme.
Damit hatten 15 von insgesamt 42 Bonner Stadtverordneten rechtsgültig beschlossen, daß es in der Bundeshauptstadt keine Straße mehr geben soll, durch deren Namen Karl Marx geehrt wird. Neuer Name: Max-Straße, zur Erinnerung an den letzten Herrscher des Kurfürstentums Köln, Kurfürst Maximilian Franz, der von 1784 bis 1794 in Bonn residierte, bis er vor den französischen Revolutionstruppen floh.
An die hundert Jahre lang, bis 1922, war dieser Kurfürst Max-Franz zum erstenmal Pate der Straße gewesen, die einst um die kurfürstlichen Fischweiher herumführte. Vier Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges hatte die Universitätsstadt aber dem neuen Zeitgeist Rechnung getragen. Die kurfürstliche Max-Straße, hauptsächlich von Arbeitern, Handwerkern und Kleinbürgern bewohnt, bot sich dazu an: Kurfürst Max mußte dem Proletarier-Heros Karl Marx weichen.
Der Trierer Advokatensohn, Verfasser der sozialistischen Standardwerke »Kommunistisches Manifest« (zusammen mit Friedrich Engels) und »Das Kapital«, hatte einige Semester an der Bonner Universität studiert. Im Jahre 1836 saß der Student Marx am 17. Juni einen Tag im Karzer der »Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität« ein, verurteilt wegen »nächtlichen Lärmens auf der Straße«. Die Universitätsakten vermerkten damals: »Verhalten: sehr stille.«
Nur elf Jahre lang führte die ehemalige Max-Straße ein »r« im Namen. Dann ergriffen die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht. Die Sünde der Systemzeit wurde getilgt - die Karl-Marx-Straße in Max-Straße, zurückgetauft.
Nach dem Zusammenbruch mußte mit der NSDAP auch der Kölner Kurfürst Max-Franz auf den Bonner Straßenschildern wieder abdanken. Beim dritten Wechsel, im Jahre 1946, kam abermals der ehemalige Bonner Student Karl Marx zu Ehren.
Bei »Karl-Marx-Straße« blieb es, bis im Winter 1961 dem gelernten Bauingenieur Klaus Vogel, 27 Jahre alt und hauptberuflich als Organisationsreferent bei der CDU-Bundesgeschäftsführung tätig, für die Kommunalwahl ein Wahlbezirk zugewiesen wurde, zu dem auch die Karl-Marx-Straße gehörte.
»Als Wahlkreiskandidat wurde ich«, so erinnert sich CDU-Vogel, »mehrfach von Bürgern der Marx-Straße angesprochen, die lieber in einer Max-Straße wohnen wollten. Ich versprach, mein Möglichstes zu tun.«
Kaum war Klaus Vogel als Stadtverordneter in das Bonner Kommunalparlament gewählt worden, da machte er sich daran, sein Versprechen einzulösen. Ende Juli 1961 schickte Vogel an die Anwohner der Karl-Marx-Straße 655 Wählerbriefe, denen je eine Abstimmungskarte beigelegt war. Die Empfänger sollten ankreuzen, ob sie für den Namen Max-Straße seien oder den Namen Karl-Marx-Straße beibehalten wollten oder ob ihnen die Namensgebung gleichgültig sei.
Als die von Vogel gesetzte 14-Tage -Frist zur Beantwortung seiner privaten Umfrage verstrichen war, erlebte der CDU-Jungpolitiker eine Überraschung: 655 Abstimmungskarten hatte er ausgesandt, aber 886 kamen zu ihm in den Bonner Talweg zurück. 546 Einsender stimmten für Karl Marx.
Mit Hilfe eines Buchdruckers spielte der bestürzte Vogel Detektiv und klassifizierte 491 der 886 Karten als Fälschungen.
482 der solchermaßen aussortierten Karten enthielten ein klares Votum für Karl Marx. Vogel fand, daß der Karton der ominösen Stimmscheine fester sowie von abweichender Farbe und daß der Druck fetter war. Ferner waren einige Buchstaben verstümmelt
und etliche Briefmarken unordentlich
aufgeklebt. Ein paar Karten waren gar nicht frankiert. Vogel: »Ich hatte aber alle Stimmkarten korrekt mit Sieben -Pfennig-Marken beklebt.«
Das Abstimmungs-Attentat einer unbekannt gebliebenen kommunistischen Untergrundbewegung war gescheitert. Von den restlichen 395 Einsendern hatten sich 302 (76,4 Prozent) für den seligen Kölner Kurfürsten Max und nur 64 (16,2 Prozent) für den unseligen Bonner Studenten Marx entschieden; 29 Bürgern war es erklärtermaßen egal, ob sie in einer Max- oder Marx-Straße wohnten.
Anfang August ersuchte Amateur -Meinungsforscher Vogel in einem Antrag den Rat der Stadt Bonn, der Karl -Marx-Straße »ihren alten Namen« -Max-Straße - wiederzugeben, und noch im alten Jahr erfüllte dann die CDU, im Stadtrat ganz unter sich, den Wunsch des jungen Kollegen.
Der Kurfürst Max-Franz sieht sich in Bonn nun zweifach geehrt. Parallel zur Max-Straße verläuft die Franz-Straße. Sie ist nach demselben Kölner Kurfürsten Max-Franz benannt, dem Karl Marx jetzt weichen mußte.
Bonner Namenspatron Max-Franz
Erst Max, dann Marx, dann Max ... Bonner Namenspatron Marx
... wieder Marx und schließlich Max Namensreformer Vogel
491 Karten waren gefälscht