Bocuse-Preis: Wettkochen im Hexenkessel - DER SPIEGEL
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Bocuse-Preis: Kochen unter Fangesängen

Foto: Stefan Simons

Bocuse-Preis Wettkochen im Hexenkessel

Dieser Preis ist so begehrt wie ein Michelin-Stern: Wer mit dem "Bocuse d'Or" in den Spitzenkoch-Olymp aufsteigen will, braucht Kreativität, Organisationstalent - und vor allem Nerven aus Draht. Denn der Wettbewerb in Lyon findet vor Fans statt, die toben, trommeln, pfeifen.
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Trommeln, Pfeifen, Vuvuzela-Getröte: Auf den Rängen der Halle 99 auf dem Ausstellungsgelände von Lyon werden Fahnen geschwenkt, Mädchen mit Gesichtsbemalung in ihren Landesfarben kreischen Sprechgesänge, dazu bimmeln Kuhglocken - der Lärmpegel erreicht Hexenkesselstärke. Überdrehte Rugby-Fans? Fußballhooligans? Nein, nur über 800 begeisterte Fans, die zum internationalen "Bocuse d'Or" nach Lyon angereist sind. Der Wettbewerb der Haute Cuisine muss bei derartigem Publikum auf das Flair französischer Kochkultur verzichten - der Live-Showdown in 24 offenen Küchen gleicht eher dem Endspiel verfeindeter Fußballclubs.

Wie bei einem sportlichen Derby haben sich die zwei Dutzend Mannschaften durch regionale Vorentscheidungen für das Finale in der Rhône-Metropole qualifiziert. Denn die nach der Kochlegende Paul Bocuse benannte Meisterschaft gilt nicht nur in Frankreich als Top-Event. Innerhalb der Zunft ist der Preis begehrter als Michelin-Sterne oder Kochmützen - bei der Bewährungsprobe vor der Jury internationaler Meisterköche geht es schlichtweg um den Einzug in den kulinarischen Olymp.

7.00 Uhr: Das "Team Allemagne" um Ludwig Heer aus Göppingen, trifft am Austragungsort ein. Ein letzter Check für Zutaten, Werkzeug und Material in der Mini-Küche von rund 20 Quadratmetern. Heer, mit 29 Jahren bereits dutzendfach ausgezeichneter Chef, ist mit einer vierköpfigen Equipe angereist: drei Mann für die Zubereitung und ein "Coach". Marian Schneider, Küchendirektor am Hotel "Lago" in Ulm, ist mindestens so wichtig wie die Kollegen an Ofen, Dämpfer oder Induktionsplatte. Der Betreuer verfolgt von der Theke aus den minutengenauen Arbeitsablauf des mehr als sechsstündigen Wettkampfs - wird der Zeitplan überschritten, droht Punktabzug.

8.30 Uhr: Offizieller Einmarsch der Wettkämpfer, mit Nationalflaggen und unter dem tosenden Applaus der Fans. Heer und sein Team beziehen ihre Kochecke. Die Chefs haben noch nicht einmal richtig ausgepackt, aber der Saal kocht.

Aus der Taufe gehoben wurde der Wettbewerb 1987 von Paul Bocuse, der mit seiner "Nouvelle Cuisine" die Cholesterin-lastige Traditionskost revolutionierte. Damals suchten die Ausstellungsmacher der Sirha, einer Fachmesse für Restauration und Hotellerie in Lyon, ein PR-Highlight, um das schnöde Geschäft der Food-Industrie mit einem lukullischen Überbau zu zieren. Das gelang mit Grandezza. Zwar ist der 84-jährige Meister wie sein Stil in die Jahre gekommen, doch dank des "Bocuse d'Or" wuchs die Messe zum wichtigsten Treff der Branche - in diesem Jahr mit 2200 Ausstellern und 160.000 Besuchern. Und Lyon kleckert nicht mit Eigenlob: "Paris hat den Eiffelturm, unser Monument heißt Paul Bocuse."

9.10 Uhr: "Zwiebelkruste, Knödelmasse" steht auf dem Plan von Coach Schneider. Auftakt für die deutsche Equipe, die Teams werden jeweils im Abstand von zehn Minuten an den Start des Marathons geschickt. Für Heer, den 29-jährigen Sohn einer Gastronomenfamilie, der "in der Küche groß geworden ist", wird dieser Tag zur bislang größten Herausforderung seiner Karriere. Der Schwabe hat im "Burg Staufeneck" seine Lehre gemacht und springt dort noch manchmal als Aushilfe ein. Heute ist Heer selbständig und hofft durch seine Wettbewerbsteilnahme auf Publicity für seine Firma Design Cuisine, wo er Kurse gibt. Zudem ist er Chef einer Pralinen-Manufaktur, gerade ist sein erstes Kochbuch erschienen.

9.30 Uhr: "Rettich, Bohnen, Spinat blanchieren, Cannelloni gießen." Die Vorbereitungen für den "Bocuse d'Or" begannen vor einem Jahr. Aus Lyon erhielt der Deutsche die Vorgaben für den Wettbewerb 2011 - Lamm und Seeteufel, dazu Langustine, Taschenkrebse. "Natürlich orientiert man sich an der Geschmacksrichtung, die eindeutig französisch ist", sagt Heer. Aber die Kreativität bleibt die größte Hürde: Wie setze ich mich mit einem originellen Rezept von der Konkurrenz ab?" Die Antwort: ein anspruchsvolles Menu mit deutschen Akzenten wie Kartoffel, Blumenkohl und Sauerkraut.

10.30 Uhr: "Fleisch einsetzen, Langustinenfüllung, Gulasch, Jus, Frühlingsrollenteige." Das Team liegt sechs Minuten vor der Zeit, Coach Schneider ist zufrieden. Jede Bewegung passt, die Vorbereitungen haben sich gelohnt - daheim hatte Heer sogar die Küchenbox in Originalmaßen nachgebaut. Dort haben sie rund 40-mal in den letzten drei Monaten die Speisefolge gekocht, jeden Handgriff gestoppt und die Aufgaben verteilt. Bei Koch Daniel Zahn summiert sich das zu einem Ablaufplan mit 29 Punkten: Von "Nummer 1: Wasser aufstellen, Taschenkrebs, Bries", über "Nummer 21: Risottopralinen abfüllen, Mayo für Wachteleier herstellen und abfüllen", bis zu "Mangokugel fertig machen, Kokos, Pfeffer, Kressen".

11.30 Uhr: "Zwiebeln fix & fertig; Kruste, Perlzwiebeln, Pfeffer, Kartoffeln, Cannelloni füllen, putzen, in Ringe." Die Spannung steigt, Begeisterung und Lärm legen noch um ein paar Phonstärken zu. Régis Marcon, Drei-Sterne-Koch aus der benachbarten Haute-Loire und selbst Preisträger des "Bocuse d'Or", brüllt: "Das ist wie Kochen im Kolosseum."

Heer ist derweil vertieft in seine Nudelkreationen: "Wenn ich arbeite, kann ich völlig abschalten. Ich höre dann gar nichts."

12.30 Uhr: "Balsamico-Drops, Tomaten-Drops, Gurken-Drops, Rote Beete-Drops, Eigelb." Die Dekoration wichtig. "Wenn die Speisen optisch einwandfrei angerichtet sind", sagt Heer, "dann gibt es auch beim Geschmack gleich ein paar Punkte mehr." Er hat sich für sein Fisch- und Fleischmenü deswegen zwei gewagte Edelstahlplastiken fertigen lassen. Kostenpunkt für Design und Herstellung der hochglänzenden Unikate: 25.000 Euro. Solche Auslagen kann ein Koch nicht bezahlen, potente Sponsoren sind daher nötig. Das US-Team konnte 2,5 Millionen Dollar mobilisieren, viele der Skandinavier verfügen über Ein-Millionen-Euro-Budget. Heer erhielt 250.000 Euro, "aus eigener Tasche habe ich noch mal 20.000 Euro draufgelegt".

13.20 Uhr: "Fisch, Fleisch!" Die ersten Teams machen sich für das Auftragen fertig, vor den Kochboxen nehmen die Juroren an langen Tisch Platz - sie bilden einen Querschnitt durch die internationale Chef-Elite. Zuvor haben die Köche ihre Finger in weichen Beton gedrückt. Der neu geschaffene Austragungsort, natürlich benannt nach Paul Bocuse, soll mit den Handabdrücken der Top-Chefs geschmückt werden. Hollywoods "Walk of Fame" lässt grüßen.

13.55 Uhr: "Kartoffeln, Eier auf Ständer, Kräuterbeete, Kraut auf Mango, Kraut auf Bohnen - Platte raus." Jetzt werden im Zehn-Minuten-Takt Fleisch- und Fischplatten vorgetragen. Die Teller werden von den Hotelfachschülern des "Institut Bocuse" serviert. Derweil geben auch die beiden Moderatoren - auf Französisch und Englisch - ihr Letztes als bemüht-fetzige Stimmungsmacher: "Hey America, are you here...?"

14.10 Uhr: "Fischplatte." Helfer tragen die metergroße Designplatte der Deutschen mit den waghalsig angerichteten Schöpfungen an der Phalanx kauender und Stirne runzelnder Juroren vorbei. Heer und sein Team platzieren die Portiönchen auf die Teller, Saucen und Tupfer vervollständigen die Präsentation zum kulinarischen Gesamtkunstwerk.

14.45 Uhr: "Fleischplatte." Schlussspurt. Noch einmal muss höchste Konzentration herrschen, damit die Argusaugen der Preisrichter keinen Grund für Punktabzug finden. Zehn Minuten später, während die Menüs der anderen Mannschaften noch unterwegs zur Verkostung sind, haben Heer und seine Kumpel die Küchenecke schon aufgeräumt. Den Arbeitsplatz tiptop zurückzulassen gehört zum Ethos der Haute Cuisine.

18.00 Uhr: Die Preisverleihung: ein paar Trostpreise vorab, für den besten Hilfskoch, das schönste Poster - auch das gehörte zur Ausschreibung -, die Auszeichnungen für das beste Fleisch (Frankreich) und den besten Fisch (Schweiz). Dann werden die drei Koch-Oskars verliehen, Statuetten des Meisters in beleibter Echtheit. An diesem Abend räumen die Nordeuropäer ab - Norwegen Bronze, Schweden Silber, Dänemark Gold. Der Kollege vom dänischen Fernsehen kommentiert den "Grand Slam" mit offensichtlichem Gusto, Lyons Bürgermeister Gérard Colomb überlegt, ob die "Hauptstadt der Gastronomie" bei so viel Erfolg der Skandinavier "nicht ein bisschen nach Norden verlegt werden müsste".

Ludwig Heer ist enttäuscht.

Einen Tag später, als er im Dienst der deutsch-französischen Woche vor der Konditorenklasse des Hotel- und Restaurantfachgymnasiums Rabelais ein Dessertrezept vorstellt, hat sich der Schwabe Heer wieder gefangen. "Achter Platz, das ist bitter, vor allem betriebswirtschaftlich."

Doch anerkennend räumt er ein: "Der Abstand unter den ersten Zehn ist so eng wie früher unter den ersten Drei. Die Preisträger sind schon echt spitze." Vielleicht tröstet ihn das Lob von Generalkonsul Ingo Radcke, der den "Bocuse d'Or" zum "Botschafter der Völkerverständigung" erhebt und olympische Tugenden beschwört. "Die Teilnahme ist ja auch schon eine Auszeichnung."

Also in zwei Jahren wieder antreten? Oder den Stress monatelanger Vorbereitungen nicht noch mal aufwärmen? Ludwig Heer will die Erfahrungen erst einmal verdauen. Die Sponsoren drängen wohl schon, aber der Schwabe nimmt es gelassen. "Schaun mer mal."

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