Malawi: Mit dem Bus durchs friedliche Afrika - DER SPIEGEL
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Malawi Mit dem Bus durchs friedliche Afrika

Wenn es regnet, wird es nass in den Bussen, die Reisende durch das südafrikanische Malawi bringen. Doch ein Erlebnis sind Bustouren durch das Land am großen Malawisee allemal, auch wenn es eng, feucht und heiß ist. Die Natur entschädigt für einige Entbehrungen.
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Neugierig blicken zwei große braune Kinderaugen durch die Busfenster der aufgehenden Sonne entgegen. Der Säugling wirkt ruhig und zufrieden, auch wenn die Räder über Schlaglöcher holpern. Der kleine Afrikaner ist, fest verpackt in einem Tragetuch, auf dem Rücken seiner Mutter unterwegs auf einer Reise durch Malawi - einem kleinen Land mit einem sehr großen See gleichen Namens im Südosten Afrikas.

Schon am frühen Morgen sind es deutlich über 20 Grad. Ächzend macht sich der Bus auf seinen langen Weg in den Süden des Landes. In Malawi sind sechs Stunden Fahrt für 200 Kilometer keine Seltenheit - besonders wenn in der Regenzeit die Straßen an vielen Stellen überschwemmt sind. Das Land zählt zu den ärmsten der Welt, Ausbesserungen des Wegenetzes sind aber teuer. Die ausgeprägten Regenzeiten sorgen jedoch auch für verhältnismäßig ertragreiche Maisfelder und Kartoffeläcker. Die Flüsse und Seen Malawis sind fischreich.

Schaufenster der Evolution

Während der Bus über die Straße ruckelt, ziehen draußen Tee- und Tabakplantagen vorbei: Neben lehmverputzten Rundhütten trocknen große braune Blätter an mannshohen Holzgestellen. Tabak und Tee sind die wichtigsten Exportgüter Malawis. Das Land hat keine Bodenschätze. Das Wertvollste, was Malawi hat, sind Wasser in ausreichender Menge und der See an der Grenze zu Mosambik und Tansania.

Der Malawisee ist einer der größten und ältesten Seen der Welt. Er fasst mehr Wasser als die Ostsee. Zugleich gilt er als eines der artenreichsten Binnengewässer: Experten vermuten hier bis zu 2000 Fischarten, von denen die meisten nur in diesem See existieren. So wie die Galapagos-Inseln im Pazifik ist der Malawisee - als Insel aus Wasser inmitten des afrikanischen Kontinents - ein Schaufenster der Evolution. Viele der bei Aquarianern auf der ganzen Welt beliebten Buntbarsche haben hier ihre Heimat.

Taucher und Schnorchler dürfen sich denn auch wie in einem Aquarium fühlen - überall wimmelt es von blauen, gelben und roten, gestreiften oder gepunkteten kleinen Fischen. Die Strände des Sees sind zwar nicht so feinsandig wie auf einer Südseeinsel, dennoch finden sich viele schöne Buchten, die vergessen machen, dass es sich beim Malawisee um ein Binnengewässer handelt - das andere Ufer lässt sich an den meisten Stellen sowieso nur schwer ausmachen.

Freiheit, aber wenig Reichtum

Der Säugling im Bus ist inzwischen eingeschlafen. Seine Mutter unterhält sich in der Landessprache Chichewa mit ihrer Sitznachbarin. Die beiden Frauen in den traditionell bunten, groß gemusterten Wickelröcken strahlen Fröhlichkeit aus, wie die meisten Leute in Malawi.

Bewaffnete Konflikte hat es hier seit der Unabhängigkeit im Jahr 1964 nicht mehr gegeben. Von da an wurde Malawi von Hastings Kamuzu Banda regiert. Er beherrschte das Land 30 Jahre lang mit harter Hand. 1994 musste er sich auf Druck der westlichen Geberländer dem Wahlvolk stellen - und verlor. Seitdem regiert Bakili Muluzi als demokratisch gewählter Präsident. Seit der Einführung der Demokratie geht es dem Land wirtschaftlich schlechter als während der Diktatur. "Wir dürfen zwar nun unsere Meinung frei sagen, aber während der Regierung Bandas konnten wir uns mehr leisten", sagen viele Malawis. Die Kriminalität hat deutlich zugenommen, trotzdem ist es in Malawi - für afrikanische Verhältnisse - vergleichsweise friedlich.

Mit laut quietschenden Bremsen hält der Bus an einem staubigen Dorfplatz. Die Gruppe Jugendlicher läuft auf den Bus zu, und bald bieten alle den Fahrgästen am Fenster Waren an: Limonade, Kartoffelchips, Wanduhren und Fußbälle bis hin zu Bananen und Schnürsenkeln. Alles, was man bei einer längeren Busfahrt brauchen könnte.

Wenig später bricht ein Gewitter los. An der Temperatur von mittlerweile 35 Grad ändert das nicht viel. An vielen Stellen tropft Wasser durch das Dach und die kaputten Fenster des Busses. Ein paar Fahrgäste spannen Regenschirme auf. Als sich die grauen Gewitterwolken lichten, hat der Bus ein Hochplateau erreicht. Hohe Pinienwälder lösen hier die subtropische Vegetation der Niederungen ab.

Auf der Bank, auf der vorher die Frau mit dem Kleinkind saß, sitzen nun zwei alte Inder. Genüsslich verspeisen sie ihr Proviant: gebratene Kartoffeln, zwei Papayas und Joghurt. Die Bevölkerung Malawis ist ein buntes Gemisch afrikanischer Stämme und den Nachfahren von Einwanderern. Die meisten Malawis sind Christen, aber es gibt auch viele Muslime, und alte afrikanische Stammesreligionen sind ebenfalls noch lebendig. Am frühen Abend erreicht der Bus die Hauptstadt Lilongwe. Die beiden Inder steigen in der Altstadt aus.

Kein typisches Safari-Land

Am nächsten Morgen geht die Fahrt weiter in Richtung Süden. Dort liegen die meisten der neun Nationalparks und Reservate des Landes. Die Parks können mit den Reservaten in Botswana und Simbabwe nicht konkurrieren. Wilderei hat in Malawi den Tierbestand noch mehr als in anderen Ländern Afrikas dezimiert. Und die Trockenzeit, die beste Zeit für Tierbeobachtungen, ist kürzer als in den typischen "Safari-Ländern". Über viele Monate hinweg fällt in Malawi so viel Regen, dass die Tiere nicht an die Wasserlöcher kommen müssen und sich so in den weiten Steppen neugierigen Blicken besser entziehen können.

Als die kurze Dämmerung schon fast vorbei ist, hält der Bus am frühen Abend in Liwonde. Jetzt sind es nur noch ein paar Kilometer Fußmarsch zu einem der schönsten Nationalparks Malawis, dem Liwonde-Park. Im Wasser und auf den Sandbänken tummeln sich Nilpferde und Krokodile. Nach Sonnenuntergang wird es endlich kühler und vom Fluss her kommt sogar ein Windzug. Fledermäuse sind unterwegs, Frösche quaken. Später in der Nacht werden die Nilpferde zum Grasen aus den Fluten kommen und durch lautes Schnaufen auf sich aufmerksam machen. Denn für sie und viele andere Tiere im afrikanischen Busch beginnt das Leben nachts, wenn die Menschen längst schlafen.

Andrea Löbbecke, gms